1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Kinzig-Kreis
  4. Bruchköbel

Von Wilddieben und Maharadschas in Bruchköbel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Holger Weber-Stoppacher

Kommentare

Die Chefin im Revier: Seit dem Tod ihres Mannes und ihres Schwiegervaters bestimmt Heidi Weber die Dinge als Jagdpächterin im Bruchköbeler Stadtwald. Unser Bild zeigt sie im Kreise ihrer männlichen Kollegen.
Die Chefin im Revier: Seit dem Tod ihres Mannes und ihres Schwiegervaters bestimmt Heidi Weber die Dinge als Jagdpächterin im Bruchköbeler Stadtwald. Unser Bild zeigt sie im Kreise ihrer männlichen Kollegen. © Holger Weber

Bruchköbel – Drei Sauen, drei Rehe und zwei Füchse lagen vergangene Woche auf dem Laubboden des Bruchköbeler Waldes. Die Ausbeute der Drückjagd im Stadtwald sei eher mager gewesen, findet Heidi Weber, die Jagdpächterin. Seit fünf Generationen ist die Jagd in Bruchköbel mit dem Namen Weber verbunden. Seit dem Tod ihres Mannes Steffen und ihres Schwiegervaters Gerhard im vergangenen Jahr ist Heidi Weber die Letzte im Revier.

Die Weber-Dynastie, die mit Heinrich Weber (1815 bis 1895) begann, ist reich an Anekdoten und Geschichten, die Heidi Webers Schwiegervater Gerhard einige Jahre vor seinem Tod zu Papier gebracht hat. Er erzählt in dem kleinen und in der vierten Auflage erschienenen Heftchen auch vom König von Griechenland, der – es müsse so um 1910 gewesen sein – zur Fasanenjagd im Bruchköbeler Jagdhaus weilte, in dem seinerzeit Gerhards Großvater Konrad lebte. Rund 500 Fasane und 200 Hasen seien damals erlegt worden. Eine schier unglaubliche Zahl, findet auch Heidi Weber, die heutzutage froh ist, wenn sie in ihrem Gebiet überhaupt einmal einen Fasan zu Gesicht bekommt. Und die Zahl der Hasen liege heute etwa bei aktuell rund 100 Tieren, wie sie bei den jährlich stattfindenden Zählungen ermittelt hat.

Maharadscha verliert wertvolle Tabaksdose

Zum Schmunzeln ist vielmehr die Geschichte des indischen Maharadschas, der einst während seines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim nach Bruchköbel kam, um sich einen Jagdhund zu kaufen und bei der Stippvisite im Bruchköbeler Wald seine wertvolle Tabakdose verlor. Gerhard Webers Onkel Jean sei es dann tatsächlich gelungen, die „Nadel im Heuhaufen“ zu finden und den Mann aus dem Orient glücklich zu machen. Es habe auch einen stattlichen Finderlohn gegeben, über dessen Summe sich der Chronist freilich ausschweigt.

Von jeher hatten es die Webers im Bruchköbeler Wald mit Wilddieben zu tun. Gerhard Webers Großvater Wilhelm wurde sogar einmal von einem niedergeschlagen und lag eine Nacht lang bewusstlos im Wald. Sein Onkel Jean trug bei einem Schusswechsel eine lebensgefährliche Verletzung davon. Derart dramatisch sind die Geschichten, die Heidi Weber aus der Neuzeit erzählen kann, zwar nicht. Aber Wilddiebe gebe es nach wie vor im Bruchköbeler Wald, ist sie sich sicher. Immer mal wieder sind im Waldgebiet Schüsse zu hören, die keinem ihrer Jägerkollegen zuzuordnen seien. Vor einigen Jahren habe es auch jemanden gegeben, der im Wald gelebt und sich wahrscheinlich auch von Tieren dort ernährt habe, berichtet sie. Untrügliches Zeichen dafür seien Lagerstätten gewesen, in den man auch Töpfe und andere Utensilien gefunden habe, die darauf hindeuteten, dass es sich bei dem Nutzer nicht um einen Spaziergänger handelte. Auch Fallensteller, die es vor allem auf Rehwild abgesehen hätten, seien eine Zeit lang ein Problem gewesen. Dass auch die Wilderer mit der Zeit gehen, musste sie im vergangenen Jahr erfahren, als plötzliche eine Drohne über ihr schwebte. Am Folgetag wurde dann ein angeschossenes Reh gefunden, berichtet sie. Heidi Weber gehört zu den sieben Prozent Frauen, die als Jägerinnen beim deutschen Jagdverband registriert sind. Tendenz steigend. Vom Jagdfieber der Familie Weber sei sie schnell infiziert worden, sagt sie. Vor 18 Jahren machte sie ihren Jagdschein, gilt in der immer noch männlich dominierten Jägerschaft schon lange als eine erfahrene Waidfrau. Allein schafft sie die Arbeit, die ein solches Revier mit sich bringt, jedoch nicht. Allein 50 Hochsitze gilt es zu pflegen, zu reparieren und von Zeit zu Zeit auch neu zu errichten. Die Arbeit teilt sie sich mit vier Jägern, denne sie sogenannte Begehungsscheine ausgestellt hat und die mit ihr gemeinsam die Verantwortung für das Revier tragen.

Beim Schwiegervater waren moderne Instrumente verpönt

Im Gegensatz etwa zu ihrem Schwiegervater, der eher ein traditioneller Jäger war und bei dem moderne Hilfsmittel verpönt waren, kommen bei ihr auch moderne Wärmebild- und Nachtsichtgeräte zum Einsatz. Denn am Tag bekomme man Wildschweine beispielsweise kaum noch zu Gesicht.

Und auch das Rotwild ziehe sich zurück, weil der Mensch den Tieren zu Leibe rücke. Vor allem zu Coronazeiten hätten mehr und mehr Menschen den Wald für sich wiederentdeckt. Und nicht alle Waldbesucher blieben – wie eigentlich vorgeschrieben – auf den Wegen, beklagt Heidi Weber. (Von Holger Weber)

Auch interessant

Kommentare