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Vor 50 Jahren: Damaliger Bundeskanzler Willy Brandt besucht Bruchköbel

Fotomontage Artikel Hanauer Anzeiger Besuch Willy Brandt in Bruchköbel
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Der Brandt-Besuch in Berichten: Der HA informierte ausführlich. Und auch in der Chronik der SPD-Bruchköbel wird dem Ereignis viel Platz eingeräumt.

Der Reporter unserer Zeitung schrieb von einer „überwältigenden Kulisse“. Rund 6000 Menschen empfingen heute auf den Tag genau vor 50 Jahren den damaligen Bundeskanzler und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt in Bruchköbel.

„Wir hatten alle Hände voll zu tun, die begeisterte Menge im Zaum zu halten“, erinnert sich Peter Gutmann. An jenem 26. Oktober wurde Gutmann vom Bruchköbeler Stadtverband der SPD als Ordner eingesetzt. Der heute 80-Jährige war damals frisch in die Partei eingetreten. Einer der wichtigsten Gründe dafür sei Willy Brandt gewesen. „Ich habe diesen charismatischen Politiker bewundert“, schwärmt Gutmann.

Bürgerhaus zu klein: SPD errichtet Festzelt für Brandt-Besuch

Der Bundeskanzler befand sich wenige Wochen vor der hessischen Landtagswahl auf Wahlkampftour in dem seinerzeit noch rot-regierten Bundesland. Brandt kam von Bad Orb, wo er am Morgen seine erste Rede gehalten hatte, über Erlensee nach Bruchköbel.

Weil das Bürgerhaus zu klein gewesen wäre, hatten die SPD-Mitglieder in Bruchköbel in den Tagen vor dem Besuch ein riesiges Festzelt auf dem Platz aufgebaut, wo gerade das neue Bruchköbeler Stadthaus gebaut wird. „Rund 50 Mitglieder hatten sich in den Tagen bei den Aufbauarbeiten engagiert“, erinnert sich Gutmann. „Willy Brandt wurde in dem zum Bersten gefüllten Zelt wie ein Popstar gefeiert“, erzählt Gutmann. Noch immer hat er die „Willy, Willy“-Rufe im Ohr.

Sonderbusse fahren Besucher nach Bruchköbel

Vor dem Zelt harrten derweil Hunderte im Regen aus, die keinen Platz mehr bekommen hatten. Am Morgen vor dem Auftritt, der um 16 Uhr am Nachmittag beginnen sollte, waren die Menschen in Sonderbussen herangefahren worden. Viele kamen auch zu Fuß und mit dem Fahrrad nach Bruchköbel, um den Bundeskanzler zu sehen.

Unter ihnen war auch Bernd Reuter, der spätere Bundestagsabgeordnete und Parteifreund Willy Brandts. Damals war er mit seinen gerade einmal 30 Jahren hauptamtlicher Erster Stadtrat in Nidderau. Dass er einmal mit Brandt zusammen Bundespolitik machen würde, war bei dem Besuch des Kanzlers noch nicht abzusehen. „Ich erinnere mich, dass Brandt kaum durch die Reihen zum Rednerpult kam. Immer wieder hat er gestoppt, um den Menschen die Hand zu reichen“, berichtet Reuter. Später hat der Nidderauer dann einige Male für Parteifreunde aus seinem Wahlkreis Bücher von seinem Vorsitzenden signieren lassen. „Brandt war ein sehr nahbarer Mensch“, erinnert sich Reuter.

Willy Brandt seit einem Jahr im Amt

Die Wartezeit bis zur Ankunft des Kanzlers in Bruchköbel überbrückte die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Bruchköbel mit „schmissiger Marschmusik“. Und der damalige Bürgermeister Walter Schreiber hielt die Menge auf dem Laufenden, wann denn nun mit dem Eintreffen des Kanzlers gerechnet werden könne.

Zum Zeitpunkt seines Besuchs in Bruchköbel war Willy Brandt fast auf den Tag genau ein Jahr im Amt, nachdem er gegen den Willen so gewichtiger Parteifreunde wie Herbert Wehner die erste sozialliberale Koalition in der Bundesrepublik auf den Weg gebracht hatte. Freilich mit einer dünnen Mehrheit von gerade einmal zwölf Mandaten, die im Laufe der Zeit dahin bröckelte und später dann auch dazu führen sollte, dass Brandt sich im Parlament einem konstruktiven Misstrauensvotum stellen musste.

Brandt im Interview mit HA-Chefredakteur

Auch wenige Tage vor dem Besuch in Bruchköbel waren Politiker der Liberalen abtrünnig geworden und zum Lager der oppositionellen CDU/CSU-Fraktion übergelaufen. Brandt zeigte sich davon bei seinem Besuch in Bruchköbel jedoch relativ unbeeindruckt.

Während seiner Rede im Festzelt gestand er zwar ein, dass auch er sich eine breiterer Mehrheit wünschte. doch die Überläufer bereiteten ihm keine Sorge, „weil sie ohnehin immer gegen mich waren“, so der Kanzler. Und später im Exklusiv-Interview mit Helmut Blome, dem damaligen Chefredakteur des HANAUER ANZEIGER, zeigte sich der SPD-Vorsitzende ebenfalls zuversichtlich, dass die Mehrheit im Bundestag für seine Politik nicht in Gefahr geraten werde.

Brandt hatte Unterstützung der Besucher sicher

Im Zelt vor dem Bruchköbeler Rathaus konnte sich der Kanzler großer Unterstützung sicher sein. Als Einheizer fungierte der damalige Landrat und Parteifreund Martin Woythal. Dieser, so kann man es in den Chroniken von damals nachlesen, habe es geschafft, den zunächst etwas abgespannt und müde wirkenden Brandt aus der Reserve zu locken: „Mach weiter so, Willy! Wir stehen hinter dir“, rief er unter der dem tosenden Applaus der Menge unters Zeltdach. Und schoss dabei auch kräftig gegen den politischen Gegner: „Brandt ist für Deutschland ein Gewinn, Strauß eine Gefahr“, rief er.

Brandt selbst schlug eher moderate Töne an, zeigte sich nachher in seiner Rede zuversichtlich, dass die Grundzüge seiner Außenpolitik von der Bevölkerung verstanden würden: „Freundschaft mit dem Westen, Aussöhnung mit dem Osten.“ Nur wenige Wochen zuvor hatte er den sogenannten Moskauer Vertrag unterzeichnet, der unter anderem die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze zum Inhalt hatte. Für viele Historiker ist Brandts Ostpolitik ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall der Mauer knapp 20 Jahre später.

Wahlkampftour nicht unbedingt von Erfolg gekrönt

Mit seiner Wahlkampftour durch Hessen konnte er jedoch nicht verhindern, dass die Sozialdemokraten im Dezember bei den Wahlen ihre absolute Mehrheit einbüßten und fortan – wie auch auf Bundesebene – auch in Hessen auf die Unterstützung der FDP angewiesen waren. Ministerpräsident blieb Albert Osswald, der im Übrigen ebenso nach Bruchköbel gekommen war wie der damalige Hanauer Bundestagsabgeordnete Gerhard Flämig und die heimischen Abgeordneten aus dem Landtag.

Der Wahlkampf-Besuch in Bruchköbel hinterließ bei dem Bundeskanzler jedoch bleibenden Eindruck. „Ich wurde bisher selten, und wenn dann nur in Berlin, von einer solch’ begeisterten Menge so enthusiastisch begrüßt. Ich werde dieses Bruchköbel nicht vergessen“, sagte er bei einem Essen, das im Anschluss an die Kundgebung im Restaurant des erst kurz zuvor fertiggestellten Bruchköbeler Bürgerhauses stattfand.

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