Ex-Schulleiter wirft Schuldezernent Umwälzungspläne vor

Wird „die Böll“ in Bruchköbel zur Hauptschule?

Plant der Kreis hier „Umwälzungen“? Das Schulgelände in Bruchköbel mit Heinrich-Böll-Schule und Lichtenberg-Oberstufengymnasium (LOG).
+
Plant der Kreis hier „Umwälzungen“? Das Schulgelände in Bruchköbel mit Heinrich-Böll-Schule und Lichtenberg-Oberstufengymnasium (LOG).

Main-Kinzig-Kreis – Ein Vollgymnasium am LOG in Bruchköbel sowie eine gymnasiale Oberstufe an der Bertha-von-Suttner-Schule in Nidderau. Und darüber hinaus eine Umwandlung der Heinrich-Böll-Schule zur Haupt- und Realschule. Plant Schuldezernent Winfried Ottmann (CDU) etwa eine solch weitgehende Umwälzung der Schullandschaft im westlichen Main-Kinzig Kreis?

Dies zumindest will das langjährige Kreistagsmitglied Jürgen Heim, einst Fraktionschef der Freien Wähler und zuletzt Fraktionsmitglied bei den Grünen, aus mehreren Quellen erfahren haben.

Im Schulentwicklungsplan, der in Kürze vorgelegt werden soll, wolle Ottmann Nägel mit Köpfen machen, vermutet Heim in einem Brief an unsere Redaktion. Zwar begrüßt er die Schaffung einer gymnasialen Oberstufe in Nidderau, doch im gleichen Moment sei er tief befremdet über die Pläne für die Heinrich-Böll-Schule. Der Langenselbolder war selbst in der Zeit von 1983 bis 2003 Schulleiter an der HBS, die Ende der Sechzigerjahre als erste von heute acht Gesamtschulen im Kreis gegen politische Widerstände gegründet worden war. „Ich bin entsetzt. Ich hätte es im Jahre 2021 nicht für möglich gehalten, dass die CDU aus der Mottenkiste des Schulkampfes der Siebzigerjahre des vergangen Jahrhunderts Modelle des dreigliedrigen Schulsystems hervorholt und damit versucht, ein funktionierendes Gesamtschulsystem zu zerschlagen“, so Heim.

Thema schon bei Sondierungsverhandlungen

Auf Anfrage unserer Zeitung gestern Mittag ließ Schuldezernent Winfried Ottmann mitteilen, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt verschiedene Optionen für die Schulentwicklung in den relevanten Gremien erörtert und geprüft würden. Verbindliche oder gar abschließende Pläne gebe es noch nicht, der Prozess habe erst begonnen. Für eine weitergehende Beteiligung oder eine öffentliche Darstellung der möglichen Ideen seien damit die Voraussetzungen noch nicht gegeben. „Ohnehin werden die jeweiligen Vorschläge vor einer Beschlussfassung im Schulentwicklungsplan noch ausgiebig unter anderem im Kreistag vorgestellt und diskutiert. Diesem bewährten Verfahren wird der Main-Kinzig-Kreis als Schulträger nicht vorgreifen“, so die Kreispressestelle.

Nach Informationen unserer Zeitung war bereits in den Sondierungsverhandlungen für die Große Koalition von CDU und SPD im Kreistag über die nun publik gewordenen Ideen zur HBS und zum LOG gesprochen worden. Damals habe die SPD eine Auflösung der Integrierten Gesamtschule klar ausgeschlossen, heißt es von damals Beteiligten. Die CDU habe diesen Standpunkt akzeptiert. Im gemeinsamen Koalitionsvertrag steht zur steigenden Nachfrage nach Gymnasial-Plätzen: „Deshalb werden wir in Abstimmung mit dem Schulträger Hanau und in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt ein Konzept erarbeiten, um zu erreichen, dass allen Schülerinnen und Schülern ein Platz in einem Gymnasium oder einer entsprechenden Einrichtung zur Verfügung gestellt werden kann. Hierzu ist die bestehende Kooperation mit dem Schulträger Hanau vorrangig zu prüfen.“ Der Kooperationsvertrag zwischen Hanau und dem MKK läuft im Schuljahr 2024/2025 aus. Dieser Vertrag besagt, dass pro Schuljahr bis zu 350 Jugendliche aus dem Umland die Gymnasien der Stadt (und umgekehrt) besuchen können.

SPD und CDU: Entscheidung noch völlig offen

Klaus Schejna, Fraktionsvorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, sagt zu der von Jürgen Heim angebrachten Kritik: „Im Moment werden nur Gespräche geführt, es ist immer gut, alles abzuklopfen, denn der Schulentwicklungsplan muss ja fortgeschrieben werden. Aber es ist noch keine Entscheidung getroffen worden.“ Wichtig sei auch, wie die Stadt Hanau sich positioniert und wie die Schülerzahlen aussehen, so Schejna. Er betont im Hinblick auf die im Raum stehenden Pläne, die Heinrich-Böll-Schule zur Haupt- und Realschule zu machen: „Wir stehen zu unseren Integrierten Gesamtschulen. Nach wie vor.“ Schejna weiter: „Es ist nichts Dramatisches passiert.“

Ähnlich äußert sich auch der Fraktionschef der CDU, Heiko Kasseckert: Die Debatte, die Jürgen Heim jetzt anstoße, sei zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht. Damit werde eine emotionale Diskussion losgetreten. „Wir sind aber überhaupt noch nicht bei konkreten Plänen“, so der Fraktionsvorsitzende der Kreis-CDU. In der Koalitionsrunde von SPD und CDU am Montagabend sei das Thema besprochen worden. Es habe, so Kasseckert, Konsens über das Vorgehen geherrscht. Unabhängig von einem noch zu terminierenden Gespräch mit der Stadt Hanau über die Fortführung der Schulvereinbarung wird sich der Kreis laut Kasseckert selbst mit Schülerzahlen, Statistiken und Bedarfen beschäftigen. Den Auftrag dazu habe Schuldezernent Winfried Ottmann bekommen und deswegen auch schon mit Schulleitern gesprochen.

Am Montag tagt die Koalitionsrunde wieder, dann werde auch der neue Schulentwicklungsplan nochmals Thema sein und ein Zeitplan erarbeitet, wann dieser endlich vom Kreistag verabschiedet werden kann.

Pläne liegen offenbar schon vor

Ein erster Entwurf war bereits Ende 2020 von Kreisschuldezernent Ottmann im Kreistag vorgelegt worden und von dort in den Bildungsausschuss zur weiteren Beratung verwiesen worden. Zwar entscheidet der Kreistag über den neuen Schulentwicklungsplan, aber dass das Staatliche Schulamt in Hanau bei den jetzt bekannt gewordenen Überlegungen auch eine entscheidende – wenn nicht sogar dominierende Rolle spielt – ist von vielen Seiten zu hören.

Im Kommunalwahlkampf hatte bereits der CDU-Stadtverband Bruchköbel für das LOG als Vollgymnasium geworben. Damals hatte der CDU-Landtagsabgeordnete Max Schad, gleichzeitig Kreistagsmitglied, die damalige Baustelle LOG schon einmal gemeinsam mit der Stadtverbandschefin und Kreistagsabgeordneten Karin Reul inspiziert.

Das LOG ist in den vergangenen knapp sieben Jahren sukzessive saniert und umgebaut worden. Der MKK als Schulträger hat sich den Um- und Neubau rund 15 Millionen Euro kosten lassen. Sollte auf dem Campus, der jetzt auf ein älteres Schülerklientel ausgerichtet ist, ein Vollgymnasium entstehen, müsste nochmals tief in die Tasche gegriffen werden. Wie unsere Zeitung aus sicherer Quelle erfuhr, gibt es dafür jedoch schon konkrete Pläne. (Holger Weber, Monica Bielesch Und Yvonne Backhaus-Arnold)

Haben sich das LOG bereits 2020 angesehen: Die CDU-Kreistagsmitglieder Karina Reul und Max Schad.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare