Corona-Krise

Busunternehmen kämpfen wegen Corona um ihre Existenz - Kritik an Politik: "Eine Riesenfrechheit"

Wegen der Corona-Krise kämpfen viele Busunternehmen um ihre Existenz. Viele Firmen könnten Pleite gehen. Die Inhaber fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

  • Busunternehmen ist wegen der Corona-Krise der Umsatz weggebrochen
  • Die Unternehmer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen
  • Die Unzufriedenheit wächst

Region Hanau – „Die Politik hat gnadenlos versagt, was in Berlin abläuft, ist eine Riesenfrechheit“, gibt Herbert Dietz, Inhaber der Firma Touristik-Service Dietz mit Sitz in Rodenbach zu Protokoll.

„Wenn nicht ganz schnell die seit Wochen zugesagte finanzielle Hilfe auf den Weg gebracht wird, dann werden 80 Prozent der etwa 2400 Reisebusunternehmen in Deutschland, viele davon Familienbetriebe, Insolvenz anmelden müssen“, prophezeit der Unternehmer, der fünf Busse sein eigenen nennt und dessen acht Fahrer alle in Kurzarbeit sind.

Corona-Krise: Prekäre Lage bei Busunternehmen

Die Lage dieser Branche ist mehr als prekär, bestätigt auch Horst Lauer von Schäfer-Reisen in Nidderau, allerdings ist dieses Unternehmen mit seinen 14 Bussen nach einer einmaligen Zahlung von 15 000 Euro durch eines Fonds des Landes Hessen derzeit noch liquide.

„Es muss aber schnell etwas geschehen, sonst kommen auch wir in finanzielle Schwierigkeiten. Immerhin hängt die Existenz von 15 Familien von der Firma ab“, betont Lauer in Gespräch mit unserer Zeitung.

Busunternehmer mit heftiger Kritik an Politik

Glimpflicher davon gekommen ist das LangenselbolderBusunternehmen Heuser, wie Geschäftsführerin Inge Bahr feststellt, denn diese Firma erwirtschaftet 85 Prozent ihres Umsatzes mit Linien- und Schülerverkehr. Aber auch die Unternehmerin prangert die Politik an, die für einen „Flickenteppich von unterschiedlichen Vorschriften in jedem Bundesland“ verantwortlich sei.

Geschäftsführer Benjamin Elsner von Racktours aus Erlensee spürt den kompletten Einbruch im Reisebussektor massiv, allerdings macht dieser Bereich bei dem Unternehmen nur 20 Prozent des Umsatzes aus. Trotzdem laufen durch die Einschränkungen monatlich Kosten in Höhe von 14 000 Euro auf, die nicht durch Einnahmen gedeckt sind. „Andere Kollegen werden härter getroffen, doch es muss sich schleunigst was tun, damit der Betrieb wieder normal anlaufen kann."

Unternehmen werden von Bundesregierung hingehalten

Trotz Demonstrationen in Berlin und in Wiesbaden werde die Branche seit Monaten von Verkehrsminister Andreas Scheuer hingehalten, können die angeblich bereitstehenden 170 Millionen Euro Bundeshilfe für die Reisebusbranche nicht abgerufen werden, stellt Herbert Dietz fest. 

„Lufthansa und Bahn bekommen vom Bund 17 bis 18 Milliarden Coronahilfe, deren etwa 250 000 Beschäftigten stehen den 240 000 Mitarbeitern bei den Reiseunternehmen gegenüber, da sieht man eindeutig, welche Wertschätzung die Politik diesen Menschen und diesem Wirtschaftszweig entgegenbringt und wo die Lobbyisten sitzen.

Corona-Regelungen: Busunternehmen kritisieren unterschiedliche Vorgaben

Auch Dietz kritisiert die unterschiedlichen Vorschriften in denBundesländern, die eine Planung unmöglich machten. „In einem 50er-Bus passen maximal 17 bis 20 Personen nach hessischen Vorschriften, das rechnet sich nicht“, stellt der Unternehmer fest.

Während in Reisebussen die Abstandsregel strikt angewendet werden muss, könnten Linien- und Schülerbusse, Straßenbahnen, die Eisenbahn und Flugzeuge vollgepackt werden. Auch im bundesweiten Linienbusverkehr des Unternehmens Flixbus müsste nur beim Einsteigen der Abstand gewahrt sein, ansonsten säßen die Fahrgäste dicht an dicht.

Busunternehmen haben in der Corona-Krise weiter hohe Kosten

Damit nicht genug, denn neben ausgefallener Einkünfte durch nicht stattfindende Reisen und die vomBund auferlegte Pflicht zur Zurückzahlung der angezahlten Gelder von Kunden statt Gutscheinen – von ausländischen Partnern seien geleistete Anzahlungen für Hotelübernachtungen so gut wie nicht zurückzubekommen – kämen die Vorhaltekosten für den Fuhrpark hinzu.

Stillstand: Das Geschäft der Reisebusbranche ist auch in der Region zum Erliegen gekommen, viele Betriebe kämpfen ums Überleben und die Busse stehen auf den Höfen wie hier bei der Firma Schäfer in Nidderau.

Auch liefen derzeit bei vielen Unternehmen die gestundeten Mietzahlungen und Leasingraten aus und man müsse auch die bereits im Herbst und Winter 2019 geleistete Vorarbeit für die nun abgesagten Reisen mit einrechnen, fügte Herbert Dietz hinzu.

Corona-Einschränkungen: "Faktisch ein Berufsverbot"

Und es sei extrem schwierig, eine Bank zu finden, die sich um die zur Verfügung stehenden Kredite der KfW kümmert und deren Abwicklung organisiert, „da beißen sie auf Granit“, weiß der Unternehmer aus Erfahrung.

„Faktisch bedeuten die Einschränkungen ein Berufsverbot für unsere Branche, der Staat müsste nach dem Verursacherprinzip für die dadurch entstandenen Einnahmeausfälle gerade stehen. Tut er aber nicht“, bemängelt der Firmenchef. Allein in seinem Unternehmen hätten sich Schulden in Höhe von 160 000 Euro angehäuft, als Soforthilfe habe er bislang 20000 Euro vomLand Hessen bekommen.

„Allein das Land Baden-Württemberg hat einen Fonds von 200 Millionen Euro für die Reisebranche aufgelegt, dagegen verblassen die 160 Millionen Euro von Scheuer, der es bislang nicht fertig gebracht hat, das Geld auch den Not leidenden Unternehmen zukommen zu lassen“, so Dietz.

Corona-Pandemie: Lage könnte sich erst 2021 verbessern

Er geht davon aus, dass erst 2021 so etwas wie Normalität einkehren werde, weil auch die Kunden wegen der unsicheren Situation sich mit Buchungen sehr zurückhalten würden, was verständlich sei. „Die Firma Schäfer erlöst etwa 70 Prozent aus dem Reisebussektor, 30 Prozent entfallen auf Linien- und Schülerverkehr“, so Horst Lauer, dessen Firma mit einem befreundeten Unternehmen zusammen in Frankfurt noch ein Reisebüro betreibt.

13 der 15 Fahrer seien in Kurzarbeit, ansonsten habe man die Zeit auch genutzt, um notwendige Inspektionen oder kleinere Reparaturen durchzuführen.

Busunternehmer mussten schon vor der Corona-Krise investieren

Der Busunternehmer erinnerte auch daran, dass die Branche erst vor kurzem viel Geld in die Hand nehmen musste, um ihren Fahrzeugpark auf Euro 6 aufzurüsten, denn „ohne diese Maßnahmen hätten wir mit unseren Bussen nicht mehr in die Innenstädte fahren dürfen. Diese Investitionen müssen aber auch erst mal erwirtschaftet werden, das kommt jetzt zu den Einnahmeausfällen noch hinzu“, stellt Lauer fest.

Bei Racktours arbeiten 69 Angestellte, die Beschäftigten im Büro sind in Kurzarbeit, die Fahreraushilfen sitzen derzeit beschäftigungslos Zuhause. „Von unseren Fahrzeugen im Reisebusverkehr sind fünf derzeit stillgelegt, zwei haben wir mit zusätzlicher Pedalerie als Fahrschulbusse umgebaut und vermietet“, berichtet Benjamin Elsner im Gespräch.

Schulbusverkehr wegen Corona über Wochen weggefallen

Aber auch die 27 Linienbusse seien nicht immer im Einsatz gewesen, der Schulbusverkehr war über Wochen weggefallen. Vereinsfahrten seien komplett gestrichen worden ebenso wie Ausflugs- oder Klassenfahrten zumindest bis nach den Herbstferien.

„Die Einschränkungen zehren den gesamten Gewinn in diesem Jahr auf. Wenn die Politik die Mehrwertsteuer für unsere Branche– wie bei der Bahn zum Beispiel – senkt, dann können wir hoffentlich über die Preisgestaltung unsere Kundschaft halten und in drei bis fünf Jahren die Verluste wieder ausgleichen“, rechnet der Geschäftsführer vor.

Busunternehmen fühlen sich in Corona-Krise im Stich gelassen

Dass die Busunternehmen bislang so sträflich in Sachen Hilfen durch Bund oder Land vernachlässig worden sind, empfindet Elsner als „Unding“. Bei Heuser konnte bislang Kurzarbeit verhindert werden, die Fahrer wurden im Linien- und seit Kurzem wieder im Schülerverkehr eingesetzt.

„Wir haben vor allem Vereins- und Klassenfahrten organisiert, bis in den Herbst hinein sind alle diese Fahrten abgesagt“, beschreibt Inge Bahr die Situation. Sie betont, dass solche wegfallenden Veranstaltungen auch auf die Gastronomie durchschlagen würden, denn zur Ausflugsfahrt hätten immer auch eine Einkehr gehört. „Wir mogeln uns so durch“, stellt die Geschäftsführerin fest, „aber jetzt muss schnell eine machbare Lösung her“.

Corona-Krise: Maßnahmen der Politik reichen Busunternehmen nicht aus

Auch das jüngst beschlossene, milliardenschwere Konjunkturprogramm der Bundesregierung sei für die Branche völlig unzureichend für die Rettung der Unternehmen, haben dieser Tage der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer und seine Landesverbände sowie die Gütegemeinschaft Buskomfort und der Internationale Bustouristik-Verband kritisiert.

Die Verbände fordern auf ihrer Internetseite die auf Basis der Vorhaltekosten errechneten 170 Millionen Euro zum Ausgleich der Schäden des Verbots für den Zeitraum von Mitte März bis Ende Mai. Zudem müssten einheitliche Bedingungen für den Reisebusverkehr in ganz Deutschland und damit eine Gleichbehandlung mit den anderen Verkehrsmitteln Flugzeug und Zug kommen.

Quelle: Hanauer Anzeiger

Rubriklistenbild: © Thomas Seifert

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