Corona-Krise

In der Zwangspause: Vier Musiker aus der Region berichten über ihr Leben ohne Auftritte und Konzerte

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Leere Stühle: Alle Konzerte wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Zwischen Mailand und Sizilien erklingt seit Beginn der Corona-Pandemie viel Musik von Balkonen und aus Fenstern. Sie zeigt die ungebrochene Lebensfreude der Menschen. Für Berufsmusiker kann die Corona-Krise allerdings existenzbedrohend sein.

Denn diese leben vor allem von Live-Auftritten, die momentan nicht möglich sind. Wie sie mit dieser schwierigen Situation umgehen, was ihnen Mut macht und welche Rolle die Musik dabei spielt, haben vier Musiker aus der Region im Gespräch mit dem HANAUER erzählt. 

Zum Üben hat Stefan Kreuscher aktuell viel Zeit. Die Corona-Pandemie hat den hauptberuflichen Musiker in eine Zwangspause geschickt. „Meine Einnahmen sind auf Null zurückgegangen“, erzählt der 52-Jährige. Aktuell lebt er von Rücklagen und hofft, dass im Sommer wieder Veranstaltungen stattfinden können. 

Der Bassist hat an der Frankfurter Musikwerkstatt in Frankfurt studiert, ergänzt seit einigen Jahren sein Können um das Tubaspielen. Zudem komponiert und arrangiert Stefan Kreuscher eigene Musikstücke. 

Stefan Keuscher tauscht sich über Facebook mit Kollegen aus

Ohne Auftritte hat der Bassist Stefan Kreuscher im Moment nicht viel zu tun.

Spezialisiert hat er sich auf den Bereich Musical, ist für die Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau und die Burgfestspiele in Bad Vilbel aktiv. Seit vielen Jahren auch für das English Theatre in Frankfurt. Der gebürtige Hanauer macht im Moment das, was viele Deutsche machen. Er geht nur für Einkäufe und zum Spazieren vor die Tür und versucht, die Nerven zu behalten. „Langweilig ist mir nicht. Es gibt immer was zu tun, doch es wäre natürlich schön, wenn ich irgendwann für meine Arbeit wieder bezahlt würde“, sagt Kreuscher. 

Mit seinen Musikerkollegen tauscht er sich über Facebook aus. „Es werden Links zu Möglichkeiten für Fördergelder verschickt“, erzählt er. Die Nachrichten verfolgt er aufmerksam. „Ich habe gehört, dass es ein Hilfspaket für Selbstständige geben soll“, sagt er. Allerdings bleiben Zweifel, ob die zugesagten Gelder ausreichen. Keine Konzerte und keine Aufträge: Glücklich ist der 52-Jährige darüber natürlich nicht. In Trübsal versinkt der Hanauer aber auch nicht. „Ich versuche die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind“, betont Kreuscher. Das einzige, was er für sich in dieser Situation tun könne: „Zusehen, dass ich gesund bleibe.“ 

Reinhard Paul hat ein zweites Standbein

Passionierter Sänger: Reinhard Paul bei einem seiner Auftritte.

Sorgen macht sich Reinhard Paul. Der 58-Jährige ist im Raum Hanau ein gefragter Sänger, tritt bei Festen, Hochzeiten und Firmenveranstaltungen auf – alleine und gemeinsam mit Kollegen. „Bis Juli ist alles abgesagt“, erzählt er. Es sei eine enorme Summe, die er bereits jetzt verloren habe. „Zwischen Mai und August fahre ich normalerweise die Ernte für das ganze Jahr ein“, verdeutlicht er bildhaft. 

Immerhin hat Paul ein zweites Standbein als Fotograf für den HA. Allerdings werden auch dort die Aufträge weniger. Wenn keine Veranstaltungen stattfinden, gibt es auch weniger zu fotografieren. Den Kopf hängen lassen will er aber nicht. „Ich habe schon so manche Krise im Leben durchgestanden, ich kann kämpfen“, sagt er. 

Andy Fischer hat sich noch nie so wenig gestresst gefühlt

Tritt gemeinsam mit der Bockband auf: der Gründauer Andy Fischer.

Derweil gebe es genug Gartenarbeit, mit der er sich beschäftigen könne. Aus seinem Garten heraus möchte Reinhard Paul kleine Konzerte per Livestream über Facebook senden. „Viele Menschen sehen mich gerne. Ihnen möchte ich eine Freude machen“, sagt er. Indessen hofft er auf die Solidarität der Veranstalter, wenn die Krise überstanden ist. „Es wäre schön, wenn sie bei den kommenden Konzerten an diejenigen denken, denen sie absagen mussten.“ 

Andy Fischer, Sänger der Bockband, versucht aus dem aktuellen Leerlauf das Beste zu machen. „So wenig gestresst wie jetzt war ich lange nicht mehr“, erklärt der Gründauer im Gespräch mit dem HA. Endlich habe er einmal Zeit, sich nur um sich selbst zu kümmern. Die Veranstaltungsausfälle seien natürlich eine schwierige Situation, auf die er aber keinen Einfluss habe. Sein Verdienst tendiere aktuell gegen Null. Absagen für Auftritte gebe es bis in den Juli. Sein Wunsch sei es, dass die Veranstalter versuchen, eine gemeinsame Lösung zu finden, „damit der Engpass auf mehrere Schultern verteilt wird“, so der 51-Jährige. Doch auch er betont: „Alle, die gesund bleiben, sollten glücklich sein.“ 

Zu den profiliertesten Sängerinnen des Rhein-Main-Gebiets gehört Annika Klar aus Bischofsheim. „Die Proben am Abend und die Auftritte am Wochenende fehlen mir sehr“, erzählt sie. Auch bei ihr hagelt es Absagen. Die 49-Jährige lebt fast ausschließlich von ihren Auftritten. „Da denkt man schon drüber nach, wie lange die Rücklagen reichen“, sagt sie. Ansonsten nutzt Klar die Pause, um Dinge zu erledigen, die liegengeblieben sind, neue Lieder in ihr Repertoire aufzunehmen und versucht insgesamt positiv zu bleiben. 

Annika Klar will mit ihrer Schwester auf der Terrasse musizieren

Will ihre gute Laune behalten: die renommierte Sängerin Annika Klar aus Maintal- Bischofsheim.

Eine kleine finanzielle Unterstützung gebe es durch ihren Chor Maintown Voices, der weiterprobt, wenn auch anders als vorher. Die 30 Mitglieder des Projektchors, die sonst in einem Raum bei der Turnerschaft Bischofsheim proben, erhalten von Annika Klar „Arbeitsaufträge“ für neue Lieder. Will heißen: Jeder übt für sich. „Singen tut so gut“, betont Klar. Die unterschiedlichen Gesangsspuren hat die Profimusikerin aufgenommen und als „Vorlage“ zur Verfügung gestellt. „Wenn die Kontaktsperre aufgehoben ist, werden wir uns wieder treffen und schauen, wie es sich gemeinsam anhört“, erklärt die Maintalerin. 

Für den 15. November ist das Abschlusskonzert geplant – Stand jetzt. Ein kleines Konzert möchte die Halbschwedin gemeinsam mit ihrer Schwester aber bereits am Wochenende für die Nachbarschaft geben – nach dem Vorbild von Italien. „Wir werden auf unserer Terrasse musizieren. Wer sich an der Straße Langwiese aufstellt, natürlich mit Abstand, kann uns lauschen“, sagt Klar. Am Samstag oder Sonntag gegen 15 Uhr – je nachdem an welchem Tag das Wetter besser ist. Zu hören sein wird der Song „You’ve got a friend“. „Was passt besser in dieser Zeit“, sagt Annika Klar.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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