Sterbeort nach 100 Jahren gefunden

Begründers des Wächtersbacher Jugendstils: Christian Neureuther ist in Hanau gestorben

Rätselraten um das Familiengrab: Christian Neureuther, Begründer des Wächtersbacher Jugendstils, mit Ehefrau (li.) und Tochter.
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Rätselraten um das Familiengrab: Christian Neureuther, Begründer des Wächtersbacher Jugendstils, mit Ehefrau (li.) und Tochter.

Gestorben ist er vor 100 Jahren, am 18. Januar 1921. So steht es bis heute über Christian Neureuther aus Brachttal-Schlierbach, dem Begründer des Wächtersbacher Jugendstils, geschrieben. Doch just im Vorfeld seines 100. Todestages kam heraus: Neureuther ist gar nicht in Brachttal-Schlierbach, sondern in Hanau gestorben.

Main-Kinzig-Kreis – Dieser Tage blicken Brachttaler auf den Todestag ihres berühmten Einwohners. Dort befand sich die 2011 stillgelegte Wächtersbacher Steingutfabrik, in der er lange Zeit künstlerisch gewirkt hat. Und auf dem Ortsfriedhof sollen neben dem 1868 in Birstein-Untersotzbach geborenen Neureuther auch dessen Ehefrau Emma Klara und Tochter Emmy Maria beigesetzt worden sein.

Aus Anlass des 150. Geburtstages Neureuthers haben der Museums- und Geschichtsverein Brachttal, das Keramikmuseum und der Verein für Industriekultur Steingut die Grabstätte vor rund drei Jahren erneuern lassen.

Recherche führt nach Hanau

Doch eine Angabe muss nun korrigiert werden, weil eben „der Sterbeort gar nicht Schlierbach ist, wie es in der Fachliteratur bislang dargestellt wird“, sagt Ulrich Berting, der stellvertretende Vorsitzende des Museums- und Geschichtsvereins Brachttal. Über seine jüngsten Rechercheergebnisse war Berting selbst überrascht, führten sie ihn doch nach Hanau.

Im Stadtarchiv ist seine Sterbeurkunde hinterlegt, wonach Neureuther einen Tag vor seinem 53. Geburtstag im „Ständischen Landkrankenhaus“ in Hanau, dem heutigen Klinikum, verstarb. Ein Gallenblasenkrebs sei die Todesursache gewesen, und diagnostiziert habe dies der Leitende Chirurg im Krankenhaus, Dr. Julius Fertig, wie Stadtarchivleiterin Monika Rademacher herausgefunden hat.

Kunst auf Keramik: Ein Wandteller, entworfen von Christian Neureuther um 1902/03.

Damit nicht genug, taucht eine wichtige Frage auf: Wurden die sterblichen Überreste Neureuthers tatsächlich im Familiengrab beigesetzt? In Schlierbach wissen sie nur, dass sie es nicht genau wissen.

Zeitzeugin erinnert sich

Hier gibt es eine Zeitzeugin, die wissen will, dass Neureuthers Ehefrau Emma Klara die Asche ihres verstorbenen Ehemannes bis zu ihrem eigenen Tod im Jahr 1953 bei sich aufbewahrt habe. Immer wieder sei Emma Klara auf ein „seltsames Gefäß“ auf ihrer Wohnzimmer-Anrichte angesprochen worden. Stets habe sie geantwortet, dass sie darin die Asche ihres verstorbenen Mannes aufbewahre, die doch bitte dereinst ihrem Grab beigegeben werden möge. Dieses Vermächtnis sei auch tatsächlich erfüllt worden. In amtlichen Unterlagen der Gemeinde ist darüber jedoch nichts zu finden, sagt Berting.

Wo sonst Friedhofsbücher von Kirchen und Kommunen Auskunft darüber geben, wer wann und wo zur letzten Ruhe beigesetzt wurde, wissen die Brachttaler ehrenamtlichen Museumsleute nur soviel: Nach dem Tod Neureuthers ist dessen Leichnam ins Offenbacher Krematorium überführt und am 20. Januar 1921 verbrannt worden. Die Asche wurde dort jedoch „nicht an die Angehörigen ausgehändigt“, sondern am 22. Januar 1921 nach Hanau überführt.

Eine Beisetzung der sterblichen Überreste in Hanau schließt wiederum Stadtarchivarin Rademacher nach Durchsicht aller Beerdigungsunterlagen aus. Wo also ist die Asche geblieben? Vielleicht ja doch auf der Neureutherschen Wohnzimmer-Anrichte und hernach im Familiengrab?

Ruhestätte wurde erhalten

Im Brachttaler Gemeindevorstand wurde vor einigen Jahren über die Zukunft der Grabstätte diskutiert. Zur Freude der Museumsleute und von Kunstkennern wurde die Ruhestätte jedoch erhalten.

Im Brachttal-Museum, das vom dortigen Museums- und Geschichtsverein betrieben wird, sind sie indes mit dem Werk Christian Neureuthers beschäftigt. Seit 2018 gibt es dort eine Ausstellung zum Schaffen des Künstlers, darunter auch Entwurfsskizzen und manch wertvolles Stück aus seiner und seiner Mitarbeiter Hände – gleichsam eine Hommage an das „Keramische Atelier Waechtersbach Christian Neureuther“. Gemeint ist jene von Neureuther geleitete Abteilung in der Wächtersbacher Steingutfabrik, die in der Kunstszene hohes Ansehen genoss.

Derzeit geschlossen. Die Ausstellung über Neureuthers Werk im Brachttaler Museum.

Die Coronavirus-Krise hindert die Museumsbetreiber derzeit daran, ihre mühsam aus eigenen und Sammlerbeständen zusammengetragenen Exponate weiterhin einem interessierten Publikum zu präsentieren.

Doch wo, wenn nicht im Schatten seiner einstigen Wirkungsstätte, lässt sich das Lebenswerk Neureuthers anschaulicher thematisieren? Die Fabrik selbst konnte nach dem Tod ihres berühmten Mitarbeiters noch eine Weile von dessen gutem Ruf profitieren, doch nach dem Ersten Weltkrieg dominierte dort die Produktion von Gebrauchskeramik. 2011 war dann endgültig Schluss, die Fabrikation wurde eingestellt.

Neuruther-Biografie geplant

Und Neureuthers Lebenswerk? Mit einer Reihe eigener Fachbücher und -aufsätze über wichtige Orte und Impulse seines Schaffens und über die Geschichte der Steingutfabrik hält der Museums- und Geschichtsverein Brachttal gegen das Vergessen. In diesem Jahr will er eine umfangreiche und bebilderte Neureuther-Biografie publizieren, wie Ulrich Berting ankündigte. Darin soll auch das Gros der zurzeit nicht zugänglichen Ausstellungsstücke abgebildet werden. Die Stadt Hanau unterstützt das Projekt finanziell und ideell, wie der Kulturchef im Rathaus, Martin Hoppe, dem HA bestätigte. Zu berichten und zu bebildern gibt es viel, denn bis zu seinem Tod blieb der Künstler der Fabrik verbunden und hat somit ihren Namen sehr nachhaltig in der gesamten Kunstwelt etabliert.

In der Kunstwelt etabliert: Das Atelier in der Steingutfabrik ist weit über die Grenzen des Kreises bekannt.

Dort absolvierte Neureuther seine ersten Schritte mit einer Ausbildung zum Kunstmaler. Bald schon erkannten die Fabrikchefs sein Talent und ermöglichten ihm ein Studium an der Zeichen- und Modellierschule im thüringischen Lichte, danach auch an der renommierten Königlichen Kunstgewerbeschule in München.

Von den Ausdrucksformen des Jugendstils ließ er sich inspirieren, seit er für eine Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe im Jahr 1901 keramische Entwürfe der dort mit dieser Kunstrichtung befassten Professoren Joseph Maria Olbrich und Hans Christiansen umsetzte.

Eigene Jugendstilentwürfe wurden in mehreren renommierten Fachzeitschriften vorgestellt. Heute noch erinnern Museen an das Werk Christian Neureuthers – und damit an die Zeit des Wächtersbacher Jugendstils.

Infos im Internet: brachttal-museum.de

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