Anschläge

Ein Jahr nach dem Anschlag: Demonstration gegen rechten Terror in Wächtersbach

Vor einem Jahr fielen in Wächtersbach Schüsse. Ein 55-Jähriger schoss aus rassistischen Motiven auf einen Mann aus Eritrea. Zum ersten Jahrestag des Anschlags kam es in Wächtersbach zu einer Demonstration.

  • Vor einem Jahr schoss ein 55-Jähriger auf einen Mann aus Eritrea
  • Das Motiv des Anschlags war rassistischer Natur
  • Zum Jahrestag gab es eine Demonstration gegen Rechts in Wächtersbach

Wächtersbach – Bilal M. geht es schlecht. Das Opfer des rassistischen Mordanschlags, bei dem er von Kugeln schwer verletzt und nur durch eine Notoperation gerettet wurde, ist aus Wächtersbach weggezogen und wohnt jetzt in Hanau. Doch Bilal M. lebt weiter „in Angst“, wie er sagt.

An den Anschlag vom 22. Juli 2019 erinnert nun eine Kundgebung in der Messestadt. Vor einem Jahr hat der 55-jährige K. aus Biebergemünd sechs Schüsse auf den Mann aus Eritrea abgefeuert. Aus eindeutig rassistischen Motiven. K. hatte die Tat in seiner Stammkneipe angekündigt und danach auch noch damit geprahlt. Dann richtete sich der Attentäter in seinem Auto selbst durch einen Kopfschuss.

100 Menschen versammeln sich gegen Rassismus in Wächtersbach zum ersten Jahrestag des Anschlags

An das Opfer erinnert nun das „Bündnis gegen rechten Terror“, das die Kundgebung organisiert. Rund 100 Menschen folgen dem Aufruf und kommen auf den Bahnhofsvorplatz.

An den rassistischen Anschlag erinnert: Auf dem Wächtersbacher Bahnhofsvorplatz demonstrieren rund 100 Teilnehmer gegen rechtsextreme Gewalt.

„Wir finden uns hier zusammen, um unsere Trauer, unser aufrichtiges Mitgefühl und unsere Wut auszudrücken“, so Sarah Krüger vom Bündnis. „Wir fordern eine lückenlose Aufklärung aller rassistischen Mordversuche und Gerechtigkeit für die Opfer von rechter Gewalt.“

Marion Bayer von der Initiative 19. Februar Hanau kritisiert „leere Versprechungen und Worte“ der Politik, die nichts veränderten, und die Vergabe einer europäischen Waffenerlaubnis an Tobias R., dem Attentäter von Hanau, durch die Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises*.

Bei der Kundgebung gegen rechten Terror in Wächtersbach werden auch die Politiker scharf kritisiert

„Das muss Konsequenzen haben – die Entwaffnung aller Rassisten“, betont sie unter dem Applaus der Teilnehmer. Scharf kritisiert werden zudem die Politiker auf Landes- und regionaler Ebene. „Im Kampf gegen Nazis kann man sich nicht auf den Staat verlassen“, so Clara Latour. Stattdessen gehe der „Karneval des Rassismus“ weiter.

Für die Kurdische Bewegung betonte die Aktivistin Ceren, dass Landrat Thorsten Stolz und Bürgermeister Andreas Weiher (beide SPD) „Probleme mit den Rechten“ kleinredeten und auf „die verklärende Einzeltäter-These“ setzten.

Manche Gäste tragen Plakate mit der Aufschrift „Wächtersbach bleibt bunt“, „Nazifreie Zone“ und „Gegen Rassismus und rechten Terror“, ein T-Shirt erinnert mit „#Say their names“ zusätzlich an die Opfer von Hanau.

Die Linken sind vor Ort bei der Kundgebung in Wächtersbach vertreten

Angelika Silberling-Antoni von den Wächtersbacher Linken – der einzigen vor Ort vertretenen politischen Partei – betont: „Weder der Landrat noch der Bürgermeister haben ein Wort davon gesagt, dass der Täter ein Neonazi war. Wir haben in Wächtersbach ein Problem mit Realitäten.“

Ingeborg Christ bedauert: „Die Bevölkerung war schon interessiert, aber es hat von der Stadt nach der Gedenkveranstaltung vor einem Jahr keinerlei Informationen mehr gegeben. Warum macht der Bürgermeister eine Veranstaltung im stillen Gedenken? Schämt er sich für seine Bürger?“

Die Veranstaltung ist von der Wächtersbacher Bevölkerung nur spärlich besucht. In den sozialen Netzwerken ist im Vorfeld der Veranstaltung das Schreckensbild eines marodierenden „Schwarzen Blocks“ gemalt worden. Schäden in der Stadt werden befürchtet. Davon ist an diesem Abend allerdings nichts zu spüren.

Demonstration in Wächtersbach gegen rechten Terror verläuft friedlich

Der Kontakt zwischen den zahlreichen Polizeibeamten und den Teilnehmern der Kundgebung gestaltet sich freundlich, die Demonstration verläuft friedlich.

Allerdings müssen die Beamten am Rand der Demonstration eingreifen: Ein Einsatz wird erforderlich, als ein offensichtlich Betrunkener von einem Nachbargrundstück aus zunächst Polizisten pauschal beleidigt und eine Polizistin sexuell herabgewürdigt.

Er folgt zunächst ein Platzverweis. Doch der Mann grölt weiter Beleidigungen und zeigt schließlich den verbotenen Hitlergruß. Die Beamten greifen ein. Unabhängig vom Strafverfahren verbringt der Mann die Nacht in einer Ausnüchterungszelle.

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Rubriklistenbild: © Euler, Andrea

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