Kleinod in Arbeit

Ein steiniger Weg zum Naturpark: Nördlicher Teil des Fliegerhorsts wird umgewandelt

Nur Interimsgäste auf dem Fliegerhorst: Diese Gallowayrinder sollen später einmal Wasserbüffeln und Heckrindern weichen.
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Nur Interimsgäste auf dem Fliegerhorst: Diese Gallowayrinder sollen später einmal Wasserbüffeln und Heckrindern weichen.

Bruchköbel/Erlensee – Auf der Gemarkungsgrenze der beiden Städte Bruchköbel und Erlensee ist vom Kalten Krieg nicht mehr viel übrig. Stück für Stück wurden in den vergangenen Jahren Bunker, Trafostationen und Verwaltungsgebäude auf dem nördlichen Teil des Fliegerhorsts zurückgebaut.

Der alte, in Tarnfarben gestrichene Tower steht wie ein einsamer Wächter in der grünen Landschaft. Der Tower soll stehen bleiben auf dem Areal, das einmal Nato-Five-Gelände hieß und früher sogar mit Atomwaffen bestückt war.

Der Turm könnte, ja, was könnte er eigentlich sein? „Ein Mahnmal, ein Denkmal, ein Erinnerungsplatz?“ Bei der Definition ist sich Matthias Pollmeier noch nicht so sicher. Auf jeden Fall werde er bei vielen Menschen Erinnerungen an die Zeit wachrufen, als die Amerikaner noch auf dem Fliegerhorst in Langendiebach stationiert waren.

Erlensee: Militärflughafen soll Naturpark werden

Förster Matthias Pollmeier ist zuständig für den Teil des ehemaligen Militärflughafens, der in Verantwortung des Bundesforsts geblieben ist und einmal ein Naturpark werden soll. Ein „naturschutzfachliches Kleinod“, was wohl im gesamten Rhein-Main-Gebiet einzigartig sein werde, wie Pollmeier sagt. „Einfach cool“, findet er und blickt lächelnd auf eine Eiche, deren mächtiges Astwerk sich wie ein Tor über die Zufahrt zum Nato-Five-Gelände ausbreitet. Ginge es nach Pollmeier, dann wäre der Naturpark bereits fertig.

Blick auf einen Teil des künftigen Naturparks, der eine Größe von 200 Hektar haben wird.

Am Geld mangelt es nicht, das sei abrufbar, sagt er. Drei Millionen Euro haben die Kommunen Bruchköbel und Erlensee dafür bereitgestellt. Mit dem Geld müssen die beiden Kommunen sogenannte Ausgleichsmaßnahmen finanzieren. Dafür durften sie im Gegenzug den benachbarten Logistikpark erschließen, dessen Flächen alle verkauft sind und von dem sich die beiden Städte künftig hohe Gewerbesteuereinnahmen versprechen.

Naturpark könnte im Frühjahr 2022 eröffnet werden

Der Naturpark wird mit einer Fläche von rund 200 Hektar einmal doppelt so groß sein wie der Logistikpark. Pollmeier ist zuversichtlich, dass es jetzt vorangeht, weil mit der „Gesa“, der Gesellschaft für Entwicklung und Sanierung von Altstandorten, nun ein bundeseigener Projektbegleiter mit ins Boot genommen wurde. „Seitdem wurden auf dem Fliegerhorst enorme Fortschritte gemacht.“ Bei Prognosen sei er immer vorsichtig, so der Bundesförster. Doch im Frühjahr 2022, so hofft er, können die Besucher des Naturparks „hoffentlich ihre erste Runden auf den Wegen drehen“, die gerade angelegt werden.

Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Wegebau im üblichen Sinne, den der nördliche Fliegerhorst ist nach wie vor ein im wahrsten Sinne des Wortes explosives Gelände. Rund 8500 Bomben wurden hier im Zweiten Weltkrieg während dreier Angriffe in den Jahren 1944 und 1945 abgeworfen. Man schätzt, dass etwa zehn Prozent davon nicht detonierten. Viele von den Blindgängern könnten sich noch immer im Erdreich befinden und stellen eine ernsthafte Gefahr dar.

Viele Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg lauern unter dem Boden

Es gebe jetzt neue Erkenntnisse. Die Gefahr, die von den Langzeitzündern ausgehe, sei noch größer als man bisher angenommen habe. Viele der Bomben vermute man nur etwa 30 Zentimeter unterhalb der Bodenoberfläche, sagt Pollmeier. Das ist auch der Grund, weshalb die Start- und Landebahn noch immer nicht beseitigt worden ist. Man fürchtet die Erschütterungen durch die Erdarbeiten.

Der Tower bleibt erhalten: Förster Matthias Pollmeier garantiert die Sicherheit auf dem Areal, auf dem noch viele Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet werden.

Dabei gab es bereits reichlich Anfragen. Vor allem bei Straßenbaufirmen ist der Unterbau der Asphaltdecke sehr beliebt. Weil es zu teuer und zu aufwendig ist, die sämtlichen 200 Hektar von Kampfmitteln zu befreien, beschränken sich Bund und Kommunen in dem Naturpark auf das Wegenetz, das einmal eine Gesamtlänge von rund vier Kilometern aufweisen wird. Überall dort, wo sich das Band mit dem hellen Schotter entlang zieht, wurde zuvor einen halben Meter tief gegraben, um sicherzugehen, dass Radfahrer und Wanderer keiner Gefahr durch Bomben ausgesetzt sind. Und auch ein Korridor von jeweils fünf Metern zu beiden Seiten des vier Meter breiten Wegs wurde auf Kampfmittel hin überprüft. Hinsichtlich der Bomben, die noch im Boden vor sich hin rosteten, sei Erlensee, ja eigentlich die ganze Region ein Hotspot in Deutschland. Ein hoher Zaun soll später verhindern, dass Unbefugte das Gelände betreten können.

Wasserbüffel sollen sich auch im Naturpark ansiedeln

Derzeit grast eine Herde von Gallowayrindern auf den Wiesen. Die Tiere seien jedoch nur Interimsgäste, erläutert Pollmeier. Langfristig sollen sich im Naturpark wie bereits in den Erlenseer Weideswiesen Wasserbüffel ansiedeln. Und auch Heckrinder könnten auf dem ehemaligen Militärgelände heimisch werden. Bei den Nachfahren des Auerochsen handelt es sich um besonders robuste Tiere.

Im östlichen Teil des Areals war lange Zeit ein Eichenwald geplant. Nun habe man entschieden, die Natur sich dort selbst zu überlassen. Es sollen sich die Bäume durchsetzen, die am robustesten seien. Es sei in Zeiten des Klimawandels so etwas wie ein Experimentierfeld, so Pollmeier. Steht erst einmal der Wald, dann soll ihm kein Ast mehr gekrümmt werden.

Teil des Fliegerhorsts wird wieder zum Urwald

„Wir werden hier auf dem Fliegerhorst wieder einen Urwald erleben“, frohlockt Pollmeier, der die Entwicklung des Areals als eine echte Herzensangelegenheit bezeichnet.

Im Frühjahr möchte er wieder eine Führung für die Öffentlichkeit anbieten. Erfahrungsgemäß sind diese immer schnell ausgebucht. „Das Interesse der Menschen an der Natur beweist mir, dass wir hier das Richtige tun“, sagt der Förste

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