Bundestagswahl

Eine Fleißarbeit: Wie dem SPD-Kandidaten Lennard Oehl im Wahlkreis 180 der große Wurf gelungen ist

Generationenwechsel: Lennard Oehl (links) ist gelungen, was der scheidende SPD-Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe seit zwei Legislaturperioden nicht mehr geschafft hat – das Direktmandat im Wahlkreis 180 gewinnen.
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Generationenwechsel: Lennard Oehl (links) ist gelungen, was der scheidende SPD-Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe seit zwei Legislaturperioden nicht mehr geschafft hat – das Direktmandat im Wahlkreis 180 gewinnen.

„Da kommt er, Lennard Oehl!“, schallt es durch die Hofreite. Die Sozialdemokraten, die sich in dem rot-weiß-geschmückten Bürgerhof in Nidderau-Ostheim versammelt haben, jubeln. Sie applaudieren frenetisch, als Lennard Oehl in Begleitung von Nidderaus Bürgermeister und Parteifreund Andreas Bär den Hof betritt.

Main-Kinzig-Kreis – Bevor der Spitzenkandidat seine Parteifreunde begrüßen kann, muss er sich zunächst in die Liste am Eingang eintragen. Corona-Sicherheitsmaßnahmen gelten auch für angehende Mitglieder des Deutschen Bundestags. „Mensch, ich bin echt aufgeregt“, sagt Oehl, während er seinen Wahlkampfmanager Roland Sahler in den Arm fällt.

Da ist es 19.35 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt sind ein Drittel aller Stimmen im Wahlkreis 180 ausgezählt. Oehl liegt mit etwa 3,5 Prozent vor Katja Leikert (CDU), der haushohen Favoritin. Schon zu diesem Zeitpunkt scheint sich abzuzeichnen: Der Coup ist gelungen, der Sieg ihm kaum noch zu nehmen. „Im April als ich nominiert wurde“, wird Oehl wenige Minuten später sagen, „hätte ich nie geglaubt, dass mir hier mal so ein Empfang bereitet wird. Das ist alles Wahnsinn. Ich kann es noch gar nicht fassen.“

SPD gewinnt nach 16 Jahren wieder das Direktmandat

Nach 16 Jahren hat mit dem Ostheimer erstmals wieder ein Kandidat der SPD das Direktmandat für den Wahlkreis 180 gewonnen. Der Letzte, dem dies gelang, war Dr. Sascha Raabe, den Oehl jetzt im Bundestag beerben wird. Die beiden letzten Wahlen waren an Dr. Katja Leikert von der CDU gegangen. Und auch diesmal galt sie als Favoritin, obwohl unter ihrer Ägide als Kreisvorsitzende eine Vielzahl von Bürgermeisterwahlen für die Kreis-CDU verloren gegangen waren.

Oehls Erfolg über die Bruchköbelerin ist ein Überraschungssieg, das sagen viele der Sozialdemokraten an diesem Wahlkampfabend. Aber, und das sagen mindestens genauso viele, es ist auch ein Sieg, den sich der 28-Jährige Nidderauer hart erarbeitet hat. Will man Arbeit in Zahlen bemessen, dann sind die seines Wahlkampfmanagers Roland Sahler mehr als anschaulich: Über 1000 Hausbesuche, eine dreistellig Anzahl von Firmen und Vereinsbesuchen liegen hinter dem Nidderauer. In den letzten beiden Monaten seines Wahlkampfes hatte sich Oehl, der hauptberuflich als Analyst bei einem Finanzdienstleister arbeitet, für den Wahlkampf freistellen lassen. Acht bis zehn Termine waren das tägliche Pensum. Oehl habe nichts ausgelassen, sei auch in Maintaler Problemvierteln Klinken putzen gegangen, sagt Sahler erkennend. „Lennard hat das Zeug, Menschen für sich zu gewinnen. Er ist ehrlich und überzeugend“, so sein Manager.

Oehl konnte sich auf großes Wahlkampfteam verlassen

Und nicht zuletzt hat er als Kreisvorsitzender der Jusos eine große Mannschaft und ein engagiertes Team hinter sich gewusst. „Auf dem Markt in Hanau waren wir manchmal mit 20 Leuten unterwegs“, berichtet die Bruchköbelerin Gina Mahlke, die ihr Glück an diesem Abend noch gar nicht fassen kann.

Auch Nidderaus Bürgermeister Andreas Bär schreibt den Erfolg vor allem Oehls Engagement und weniger Leikerts Schwäche zu: „Er hat einen starken Wahlkampf gemacht, er war dermaßen präsent“, so Bär anerkennend. Die ersten Hochrechnungen haben Oehl und Bär gemeinsam in Bärs Haus verfolgt. Er werde die ersten Zahlen im kleinen Kreis verfolgen, hatte Oehl angekündigt. Auch deshalb, um vor den ersten Statements die Gedanken ordnen zu können.

Oehl zieht mit 28 Jahren in den Bundestag ein

Eigentlich, sagt Oehl, sei diese Kandidatur langfristig angelegt gewesen. Mit 28 Jahren muss man schließlich nicht gleich in den Bundestag einziehen. „ Ich habe mir gedacht, ich versuche es mal, wenn es diesmal nichts wird, dann vielleicht beim nächsten Mal.“ Für ihn sei klar: Es müssten sich vor allem junge Menschen in der Politik engagieren. Für andere wolle er jetzt ein Vorreiter sein. Und da spiele die Partei eigentlich gar keine Rolle.

Wahlkampfmanager Sahler meint, man habe von Woche zu Woche gemerkt, dass der Bekanntheitsgrad des Nobody aus Nidderau gestiegen sei, der Zuspruch enorm zugenommen habe. Vor zwei, drei Wochen habe man erstmals das Gefühl gehabt, dass da wirklich eine reelle Chance auf den Sieg ist.

Besuch in Oberissigheim wird zum Schlüsselmoment

Für Oehl selbst war eine Veranstaltung in Oberissigheim ein Schlüsselmoment in diesem Wahlkampf. Dort feierte die Feuerwehr Ende August ihren 100. Geburtstag. Und Oehl war natürlich dabei. Von Katja Leikert jedoch fehlte an jenem Tag jede Spur. „Da habe ich gedacht, das kann ja nicht wahr sein, die überlässt mir in ihrem Heimatort Bruchköbel das Feld.“

Große Zugpferde gab es in seinem Wahlkampf nicht. Sicher, es war mal der Staatsminister Michael Müller zu Besuch da. Aber im Gegensatz zu Leikert, die in der Schlussphase mit Gesundheitsminister Jens Spahn sowie dem Kanzleramtschef Helge Braun gleich zwei A-Promis in den Kreis geholt hatte, setzte Oehl auf Basisarbeit und konnte auf seine Partei vertrauen, die in den meisten Kommunen des Kreises den Bürgermeister stellt.

„Die haben mir natürlich überall Türen öffnen können.“ Das sei eine sozialdemokratische Teamarbeit gewesen, sagt Lennard Oehl, und nimmt eine Falsche Bier entgegen, die ihm einer aus seinem Team bringt. Es wird nicht die Letzte an diesem denkwürdigen Abend gewesen sein.

Von Holger Weber

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