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Brückenbauer der Inklusion

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Viele Gäste aus der Politik kamen zum Jubiläum nach Erlensee, unter anderem (vorne von rechts) Erlensees Bürgermeister Stefan Erb, Landrat Thorsten Stolz und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe.
Viele Gäste aus der Politik kamen zum Jubiläum nach Erlensee, unter anderem (vorne von rechts) Erlensees Bürgermeister Stefan Erb, Landrat Thorsten Stolz und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe. © -

Erlensee – Die Selbsthilfe Körperbehinderter Main Kinzig hat jetzt mit einem Festkommers ihr Jubiläum anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens gefeiert. In Erlensee kamen dabei zahlreiche Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft zusammen.

Die Dankesworte, vor allem von den Vertreten der Politik, konnten am Dienstagnachmittag, dem Gründungstag, gar nicht groß genug gewählt werden. 50 Jahre Selbsthilfe Körperbehinderter (SHK) Main-Kinzig wurden gefeiert. „Erlensee kann Stolz auf den Verein sein, der schon so viel bewegt hat“, lobte etwa Staatssekretärin Anne Janz (Grüne) von Landesministerium für Soziales und Integration.

Bürgermeister Stefan Erb (SPD) betonte, dass die SHK auch etwas in den „Herzen und im Bewusstsein der Menschen“ bewegt habe.

Doch das, was der Verein in Sachen Inklusion und eigenständiges Leben erreicht hat, das musste besonders in den ersten Jahrzehnten des Bestehens selbst erkämpft werden. Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben sei erst aus eigener Betroffenheit, Eigenverantwortung und -initiative ermöglicht worden, sagte der SHK-Vorsitzender Uwe Schneider.

SHK-Vorsitzender Heinz Preis übte Druck auf die Deutsche Bahn aus

Dass man als Behinderter im Rollstuhl ordentlich zupacken muss, um vorwärts zu kommen, und nicht allein am Handlauf der Räder, wusste wohl kaum einer besser als der 2015 verstorbene Mitgründer und langjährige SHK-Vorsitzende Heinz Preis. Er nervte etwa die Deutsche Bahn, in dem er im Eigenversuch bewies, dass Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, den Hanauer Hauptbahnhof keineswegs von jedem Bahnsteig verlassen können, sondern zunächst in Langenselbold den Zug wechseln mussten, um von dort retour in Hanau zum Bahnsteig mit einem Aufzug zu gelangen. „Die Gründungsmitglieder hatten einen starken politischen Anspruch“, sagte Michael Becker, Beauftragter des Vorstands und insgesamt 22 Jahre Geschäftsführer der SHK, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Selbsthilfe Körperbehinderter habe sich längst zu einem Dienstleister und zu einem Versorger entwickelt, etwa mit dem drei integrativen Wohnparks in der Stadt, die allesamt von der SHK gebaut worden sind.. Die Gründer hingegen mussten zunächst „das Bewusstsein in der Bevölkerung wecken und Vorurteile abbauen“, sagte Becker. „1973 gab es noch nichts.“ Vieles sei seitdem erreicht worden, nur Vorurteile gegenüber Behinderten, die bestünden auch heute noch.

In der Erlenseer Georg-Büchner-Schule wurde die SHK Hanau/Gelnhausen gegründet, zum eingetragenen Verein wurde sie jedoch erst elf Jahre später. Nach kurzer Zeit zählte die SHK 50 Mitglieder. Man traf sich in einer Gaststätte, eigene Räume gab es nicht. Vier Jahre darauf entstand eine erste Infrastruktur mit einem Fahrdienst. Der Kleinbus mit Hebebühne für Rollstuhlnutzer war eine Spende der damaligen Aktion Sorgenkind. Das Einwirken auf die Politik begann ein Jahr später mit der Einrichtung eines Kreisbeirats für behindertengerechtes Bauen, der schon bald bei der Planung der Oberstufe an der Freigerichter Gesamtschule involviert war.

1990 wurde der erste von drei Wohnparks gebaut

In den 1990er Jahren wurde der erste von drei integrativen Wohnparks gebaut. Nicht am Rande der Stadt, wie es mancherorts üblich war, sondern in der Mitte. Die heute 85 Wohnungen sind zu je einem Drittel mit Behinderten, jungen Leuten und Familien sowie mit Senioren belegt. „Wir wollten kein Behinderten-Ghetto schaffen, die Mischung stärkt die nachbarschaftliche Hilfe“, so Becker. Allerdings war „die Nachfrage nach echten barrierefreien Wohnungen riesig.“ Für Menschen, die etwa wegen eines Unfalls nicht mehr in ihrer Wohnung leben können, hält die SHK deshalb die Möglichkeit einer Übergangswohnung vor.

Über die Jahre wuchs zudem die Servicesparte, etwa mit einer ambulanten Betreuung oder einer Schulbegleitung für beeinträchtigte Kinder. Dazu wurden Sozialarbeiter eingestellt. Der Verein wurde ob dieser Unternehmenstätigkeit in eine gemeinnützige GmbH überführt. Mittlerweile sei die Selbsthilfe Körperbehinderter ein mittelständiges Unternehmen, sagte Uwe Schneider in seiner Rede. Sie habe Aufgaben übernommen, für die eigentlich der Staat zuständig sei.

Auch auf Bundesebene aktiv

Das Tun der SHK wirkte schon früh nicht allein auf das Kreisgebiet. Der für die Sache nimmermüde Heinz Preis wurde 1985 zum Vorsitzenden des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter gewählt. Leise wurde es deshalb in Erlensee nicht. Vor mehr als 20 Jahren schrieben Vorstandsmitgliedes Vereins am Gesetz zur Pflegeversicherung und am Bundesgleichstellungsgesetz mit. Dass die bundesdeutsche Gesellschaft heute weiter ist als zur Vereinsgründung, brachte Festredner Martin Theben, Jurist und Lehrbeauftragter an der Berliner Humboldt-Universität, mit seinem Rückblick auf turbulente Jahr 1981 auf den Punkt. Das Jahr wurde zum UNO-Jahr der Behinderung ausgerufen. Es gab Turbulenzen, weil erstmals tausende behinderte Menschen auf die Straße gingen, um ihre Rechte einzufordern und die Politiker vor ein sogenanntes „Krüppeltribunal“ zerren wollten. Obendrein gab es ein Jahr zuvor am Frankfurter Landgericht einen Eklat. Die Richter sprachen einer Klägerin Schadensersatz wegen entgangenen Urlaubsfreuden zu, weil im Hotelrestaurant eine Gruppe Behinderter frühstückte.

Ungeachtet aller Jubiläumsfreude heißt es in der Festschrift zum 50. Geburtstag ernüchternd: „Von den Träumen der Vereinsgründer sind wir leider noch fast so weit entfernt wie vor 50 Jahren.“ Wenn es anders wäre, müsste es die SHK nicht mehr geben, so der Verein. (Von Detlef Sundermann)

Ein engagierter Vorsitzender: Uwe Schneider bei seiner Festrede anlässlich des Jubiläums der SHK.
Ein engagierter Vorsitzender: Uwe Schneider bei seiner Festrede anlässlich des Jubiläums der SHK. © -
Im Fokus der Dokumentation: Die Staatssekretärin Anne janz (Bündnis 90/Die Grünen) war für das Jubiläum aus Wiesbaden gekommen.
Im Fokus der Dokumentation: Die Staatssekretärin Anne janz (Bündnis 90/Die Grünen) war für das Jubiläum aus Wiesbaden gekommen. © Detlef Sundermann

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