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Als Kennedy in Erlensee auf Frontbesuch war

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Gefragte Führung: Historikerin Evelyne Grönke (vorne rechts) informierte die Teilnehmer über die Geschichte des Fliegerhorstgeländes in Langendiebach.
Gefragte Führung: Historikerin Evelyne Grönke (vorne rechts) informierte die Teilnehmer über die Geschichte des Fliegerhorstgeländes in Langendiebach. © Detlef Sundermann

Erlensee – Er galt einst als Verteidigungspunkt einer möglichen Frontlinie eines dritten Weltkriegs, ausgestattet mit an die 150 Kampfhubschraubern, Kurzstreckenraketen und einer nicht bekannten Zahl Atomsprengköpfen. Heute ist der Fliegerhorst am Erlenseer Stadtteil Langendiebach laut Bürgermeister Stefan Erb (SPD) ein Vorzeigeprojekt für eine gelungene Konversion zu einem Gewerbegebiet.

Am Wochenende war nicht nur dies bei den beiden knapp vierstündigen Führungen zu den „Tagen der Industriekultur Rhein-Main“ Thema. Evelyne Grönke berichtet über die Geschichte des Fliegerhorstes nicht nur aus militärischer Sicht. Die promovierte Historikerin forscht und dokumentiert seit mehr als fünf Jahren zum Fliegerhorst.

Von Flugzeugen aus der Vor- und Nachkriegszeit ist auf dem Gelände weit und breit nichts zu sehen. Gäbe es nicht den Tower mit seiner markanten Kanzel, die ihm jedoch erst die US-Airforce aufsetzte und das auf einem stelenartigen Turm ruhende und seit 15 Jahren abgeschaltete Leuchtfeuer, das seinem mit roten und grünen Lichtstrahl die Nacht durchbrach, man müsste raten, wo man sich befindet. Gewaltige Lager- und Produktionsgebäude versperren den Blick zum Horizont. Dachser, DHL oder DS Smith prangt an den Fassaden. Erb hätte auch gern „Wilhelm Brandenburg“ gesehen. Aber die Großmetzgerei des Rewe-Konzerns lässt aus unbekannten Gründen weiter auf sich warten. „Demnächst soll es ein Statement geben, heißt es“, sagte Erb. Wann Google neben der einstigen Kirche der GIs sein Rechenzentrum hochziehen wird, steht auch noch nicht fest. Das Gotteshaus bauten die Amerikaner für alle Konfessionen. Der Bau ist außen weder schön noch innen sakral pompös, wie Grönke anhand von Fotografien zeigte. Dennoch steht er mit seinem mit Brettern vernagelten Eingang und Fenstern unter Denkmalschutz. Der Kirchentypus stamme aus dem evangelischen Notbauprogramm nach dem Krieg.

Zukunft der Kirche ungewiss

Architekt einer Serie dieser Kirchen war Otto Bartning. Diese Bethäuser waren auf US-Standorten nur während des Kalten Kriegs zu finden, so Grönke. Was Google mit dem Gebäude vor hat, ist nicht bekannt. Als Kirche muss es jedoch nicht mehr fungieren.

Grönke weist darauf hin, dass die US-Armee nach dem Krieg einen intakten Fliegerhorst übernommen habe. Lediglich die Start- und Landebahn sei durch einen Luftangriff der Alliierten zerstört gewesen. Somit sind die Gebäude, die ob ihrer seinerzeit modernen Bauhaus- und der heimeligen Heimatschutz-Architektur der 1910er Jahre unter Denkmalschutz stehen, noch heute nutzbar – allerdings nicht zum kleinen Preis. Das 360 Meter lange Mannschaftsquartier, das in der Luftaufnahme wie ein Haken aussieht, wartet immer noch auf einen Käufer. Bürgermeister Erb zufolge liegt der Verkaufspreis, den der

Nach Kriegsende Verteidigungsposten

Zweckverband aufrufen könnte, bei zwei Millionen Euro. Die Nutzbarmachung werde laut Erb noch einmal ein Mehrfaches kosten. Bislang habe noch niemand im Rathaus mit viel Geld und einer klugen Idee für das Gebäude angeklopft. Trotz der deutlichen Umgestaltung der Konversionsfläche steht weiterhin der als einmalig geltende dreieckige Umriss unter Schutz. Warum dieser Flugplatz für Lastensegler und später für Nachtjäger diese Form erhielt, liegt laut Grönke nicht an dem Versuch, ihn so in großer Höhe als Ortschaft aussehen zu lassen.

Nach Kriegsende wurde das Areal zum Airfield Y-91, ein Verteidigungsposten gegen einen möglichen Angriff der Streitkräfte des Warschauer Paktes. Die Deutschland-Reise des US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy im Juni 1963 mit erster Station auf dem Airfield sei laut Grönke daher ein Frontbesuch gewesen. Mit dem Nato-Doppelbeschluss von 1979 verschärfte sich für Y-91 die Funktion als Verteidigungsstellung, um den Feind an der bis dahin geschaffenen Verteidigungslinie Fulda-Gap unter allen Umständen zu stoppen.

1980 Ziel von Demos

Mit dem Aufrüsten in den 1980er Jahren wurde der Fliegerhorst zum Ziel von Friedensdemonstranten. Ein Teilnehmer erinnerte sich, wie die Hauptzufahrt mit Kartons und einer Tischtennisplatte, an der man spielte, blockiert wurde, währenddessen auf der Airfield-Seite die GIs hinter Sandsäcken auf dem Boden liegend ihre Maschinenpistolen auf die Störer richteten. Später wurde der infernalische Fluglärm etwa der Apache-Helikopter bei den Übungen und bei den Tiefflügen über Langendiebach Thema des Protestes. (Von Detlef Sundermann)

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