Prozess

Drei Frauen machten die schreckliche Entdeckung in Erlensee

Was ist am Erlenseer Sandweg geschehen? Das Hanauer Landgericht hat nun Zeugen vernommen, die Susi W. kannten und mit ihr zusammengearbeitet haben. archiv
+
Was ist am Erlenseer Sandweg geschehen? Das Hanauer Landgericht hat nun Zeugen vernommen, die Susi W. kannten und mit ihr zusammengearbeitet haben. archiv

Akribisch versucht die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht seit Tagen das Geschehen zwischen dem 20. und dem 22. Juli vergangenen Jahres am Erlenseer Sandweg zu rekonstruieren und herauszufinden, wie Susanne W., von allen Susi genannt, grausam getötet worden ist.

Hanau/Erlensee - Das Geschehen hat die Frauen, die an diesem Morgen auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen, sichtlich berührt. Auf die Routinefrage der Vorsitzenden Richterin Susanne Wetzel, ob sie mit dem wegen Mordes angeklagten Ingo K. (41) verwandt oder verschwägert seien, antworten zwei der Zeuginnen unabhängig voneinander: „Nein, Gott sei Dank.“

So auch die 62-Jährige. Sie ist die einzige direkte Zeugin in der mutmaßlichen Tatnacht. Sie bewohnt die Zimmer unterhalb der Dachgeschosswohnung von Susi W., mit der sie einen guten Kontakt hatte. Mal ein Kaffeekränzchen, mal ein Gespräch im Garten. „Wenn’s mal zu laut sein sollte, dann einfach gegen die Tür klopfen“, soll die neue Nachbarin „von oben“ kurz nach dem Einzug gesagt haben.

Nachbarin hört laute Stimmen und klopft an der Tür

„Das Haus ist sehr hellhörig“, bestätigt die Zeugin. So habe sie ab und an auch mitbekommen, dass die jüngere Frau mal Männerbesuch hatte und es intimer wurde. Sonst gab es aber überhaupt keinen Anlass zu Beschwerden. Bis auf eben diesen heißen Sommerabend. Gegen 21 Uhr bekommt die Zeugin mit, dass Susi unten im Garten ist und raucht. Und sie hört eine Unterhaltung durch das offene Fenster. Sie selbst sei nach einem Tag im Garten „hundemüde“ gewesen und habe nach ein wenig Fernsehen mit Kopfhörer schlafen gehen wollen, als sie gegen 23.30 Uhr Geräusche gehört habe, sagt die Zeugin. „Es war plötzlich sehr laut. Es waren Stimmen. Susis Stimme war auch dabei“, erinnert sie sich. Eine Party? Ein Streit?

Die Nachbarin: „Ich wollte meine Ruhe und einfach nur schlafen.“ Deshalb habe sie sich an den Vorschlag ihrer jüngeren Nachbarin erinnert sei auf bis zum Eingang der Mansarde gegangen. „Ich habe fest gegen die Tür geklopft – dann war Ruhe. Ich dachte mir, Susi hat es gehört.“ Und noch etwas fällt ihr auf: Nicht nur die Lieblingsschuhe der Nachbarin stehen dort, auch ein deutlich größeres Paar, „grau mit weißen Sohlen“. Die Nachbarin denkt sich ihren Teil. Alles ist ruhig, sie geht schlafen und ahnt nichts davon, was in dieser Nacht in der Wohnung über ihr passiert.

Erlenseer Zeugin: „Da waren keine Hilfeschreie“

Landgerichtspräsidentin Wetzel will es genau wissen und fühlt mit der Zeugin: „Wir können hier alle nachvollziehen, dass Sie sich möglicherweise Vorwürfe machen. Das ist allzu menschlich. Aber wir müssen es genau wissen, um herauszufinden, was passiert ist und was Sie gehört haben.“ Die Zeugin denkt nach und kommt zu der klaren Aussage: „Da waren keine Hilfeschreie, da bin ich mir ganz sicher.“

An jenem Montagabend hatte Susi W. als Altenpflegerin bei der Arbeiterwohlfahrt Spätdienst. Die 62-jährige Nachbarin ist die letzte, die ein Lebenszeichen von ihr gehört hat. Denn am Mittwoch, den 22. Juli, wird die als „stets freundlich und absolut verlässlich“ beschriebene Frau an ihrem Arbeitsplatz vermisst.

„Sie kam nicht, und meine Kolleginnen haben sich dann Sorgen gemacht“, sagt die Pflegedienstleiterin, die sich deshalb sogar an ihrem freien Tag ins Auto setzt und von ihrem Wohnort im Taunus gen Erlensee fährt. „Ich wollte nachschauen, was mit Susi ist. Das war absolut nicht ihre Art. Sie hätte sich sonst auf jeden Fall gemeldet.“ Doch sie kommt nicht bis an den Sandweg. „Ich war gerade kurz vor Erlensee, als ich den Anruf erhielt und die Mitteilung: Es ist etwas Schlimmes passiert.“

Kolleginnen von Susi W. machten sich Sorgen und fahren nach Erlensee

Das Fehlen der Kollegin scheint so für Unruhe gesorgt zu haben, dass das Pflegeteam zum Telefonbuch greift. So kommt es, dass eine 77-jährige Nachbarin zur Zeugin wird. „Sie haben mich angerufen, weil ich im Telefonbuch stehe, und mich gebeten, nachzuschauen. Ich kannte Frau W. gar nicht.“ Dann machen sich drei Frauen gemeinsam auf den Weg zur Dachgeschosswohnung. Die beiden Nachbarinnen und an der Spitze die Vermieterin, die einen Ersatzschlüssel hat. Die Eigentümerin hat ihre Mieterin, die im Jahr zuvor eingezogen war, noch gut in Erinnerung: „Sie war eine nette junge Frau, es gab keinerlei Beschwerden.“

Doch an diesem Abend schauen sie nach, öffnen die abgeschlossene Tür. Die Nachbarin von unten bemerkt: „Die großen Schuhe sind verschwunden.“ Die Vermieterin geht voran in die abgedunkelte Wohnung und öffnet ein Rollo. Die Polizeifotos zeigen das Grauen: Alles ist voller Blut. „Sie lag vor dem Bett. Wir haben dann sofort Polizei und Rettungsdienst gerufen“, sagt die Zeugin. „Das Bild kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.“ (Von Thorsten Becker)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare