Mahnmal enthüllt

Erlensee gedenkt Kaloyan Velkov und der anderen Terroropfer von Hanau

Familien und Freunde der Hanauer Mordopfer waren zur Gedenkveranstaltung auf den Platz vor dem Rathaus in Erlensee gekommen, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an.
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Familien und Freunde der Hanauer Mordopfer waren zur Gedenkveranstaltung auf den Platz vor dem Rathaus in Erlensee gekommen, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Eineinhalb Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 ist vor dem Rathaus in Erlensee eine Gedenktafel für Kaloyan Velkov und die weiteren Opfer dieser Mordnacht enthüllt worden.

Erlensee/Hanau – An diese unfassbare Tat, die über Hanau hinaus Menschen zutiefst erschüttert hat, zu erinnern, ist immer noch keine einfache Aufgabe. Die Erinnerung daran schmerzt, Leid und Trauer der Angehörigen und Freunde sind kaum zu ermessen. Bürgermeister Stefan Erb, Velkovs Cousine Vaska Zlateva, der ersten Stadträtin Birgit Behr und Stadtverordnetenvorsteher Uwe Laskowski ist es gelungen, in einer würdevollen Gedenkfeier an die Tatnacht zu erinnern und gemeinsam mit den Hinterbliebenen der Toten zu gedenken.

Erb sprach den Angehörigen noch einmal sein Beileid aus. Sie seien in dieser Gedenkstunde nicht allein. Er rief die Mahnwache in Hanau in Erinnerung, die als ein großer und dunkler Schatten auf der Stadt gelegen hätte. Beängstigend und lähmend habe er die Stimmung empfunden, stummes Leid und Trauer seien zu spüren gewesen, aber auch Wut und Hilflosigkeit. Dennoch dürften Terror und Gewalt die Gesellschaft nicht auseinanderreißen, so Erb. „Wir müssen dagegenhalten, gegen Gewalt, Intoleranz, Rassismus und Sexismus.“

Cousine enthüllt den Gedenkstein

Auch an dieses Gegenhalten soll der Gedenkstein ermahnen, der dem getöteten Bürger aus Erlensee, Kaloyan Velkov, stellvertretend für alle Opfer gewidmet ist. Vaska Zlateva, Velkovs Cousine, enthüllte das Mahnmal. Familien und Freunde der Hanauer Mordopfer legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Vaska Zlateva, die Cousine von Kaloyan Velkov, enthüllte am Freitag das Mahnmal.

Stadträtin Behr hielt die Trauerrede für Kaloyan Velkov, der 2017 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen war. In Mesdra, einer bulgarischen Kleinstadt mit knapp 10 000 Einwohnern, wurde Velkov im Januar 1987 geboren. Er wäre jetzt 34 Jahre alt. Für die Wirtschaft in Mesdra spielt die Eisenbahnlinie Sofia–Warna eine wichtige Rolle. Kaloyans Vater arbeitet als Lokführer in Mesdra, die beiden Söhne verbrachten dort ihre Kindheit und Jugend. Kaloyan Velkov arbeitete in seiner Geburtsstadt als Lkw-Fahrer, er heiratete, Sohn Alexander wurde geboren.

Familie lebte in Erlensee

Sehr innig und liebevoll blieb der Kontakt zwischen Cousin und Cousine, auch als Vaska Zlateva mit ihrer Familie längst in Deutschland lebt und arbeitet. 2017, als Familie Velkov ebenfalls umsiedelte, fand Kaloyan Arbeit als Lkw-Fahrer, seine Frau bekam eine Stelle in einem Schnell-Restaurant. Um Sohn Alexander kümmerte sich die Mutter, die Kaloyan aus Bulgarien nachholte. Die Familie lebte gemeinsam in einem Haus in Erlensee, doch die neuen Lebensumstände führten zu Spannungen zwischen den Eheleuten.

Das Ehepaar trennte sich, Kaloyan lebte mit Mutter und Cousine weiterhin in Erlensee. Er verbringt seine Freizeit mit einem ausgiebigen Fitnessprogramm, gutem Essen und vielen Freunden. „Wie junge Menschen es in diesem Alter eben tun“, beschrieb Birgit Behr. „Kaloyan hatte viele Freunde vor allem in Hanau, er wurde aufgrund seines freundlichen Wesens geschätzt. Er hat gerne gelacht und konnte auch andere zum Lachen bringen.“

Mit sechs Schüssen aus dem Leben gerissen

Am 19. Februar 2020 wurde Kaloyan Velkov mit sechs Schüssen aus dem Leben gerissen. Sie wolle an dieser Stelle die vielfältigen Probleme und Belastungen vor Augen führen, die Familien erfahren würden, wenn sie ihre Heimat verließen und in ein anderes Land gingen. „Vieles zerbricht, noch bevor eine Besserung der Lebensumstände eintritt“, sagte Behr. Vaska Zlaveta leidet bis heute sehr unter dem Verlust ihres Cousins und vor allem unter den Umständen seines Todes.

Neben Kaloyan Velkov, der in Erlensee wohnte, erinnert der Gedenkstein auch an die anderen Opfer von Hanau.

Als letzter Redner betonte Stadtverordnetenvorsteher Uwe Laskowski, es sei nicht zu spät, ein Zeichen zu setzen. Das Denkmal solle ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein. Es stehe für Kaloyan Velkov, einen Bürger Erlensees, es stehe für die Opfer der Mordnacht, aber auch für den Anschlag auf die Synagoge in Halle, für den Mord an Walter Lübcke, die Opfer des NSU. Man müsse die Verbrechen ahnden, die Fehler des Staates benennen und daraus Lehren ziehen. Alle seien aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten. Das Denkmal, so Laskowski, stehe vor dem Rathaus am richtigen Platz, als Erinnerung an die Menschen und als Verurteilung dieser Taten. Wie seine Vorredner sprach auch der Stadtverordnetenvorsteher den Angehörigen sein Mitgefühl aus und wünschte ihnen viel Kraft. Von Ulrike Pongratz

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