In Erlensee gab es ein KZ-Außenlager

Geschichtsverein will mit Info-Tafeln erinnern

Den Lageplan des Zwangsarbeiterlagers in Erlensee, der auf einer Tafel zu sehen ist, haben Zeitzeugen aus ihrer Erinnerung heraus gezeichnet, so Werner Borngräber.
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Den Lageplan des Zwangsarbeiterlagers in Erlensee, der auf einer Tafel zu sehen ist, haben Zeitzeugen aus ihrer Erinnerung heraus gezeichnet, so Werner Borngräber.

Nur durch einen Zufall hat Werner Borngräber von dem Zwangsarbeiterlager in Langendiebach und Rückingen erfahren. „1995 hat sich ein ehemaliger Zwangsarbeiter mit einer Postkarte an die Stadtverwaltung gewandt, weil er den Kontakt zu einer Erlenseerin suchte, die ihm damals geholfen hat“, erzählt der Vorsitzende des Geschichtsvereins beim Treffpunkt in der Straße Auf dem Hessel, Ecke Reußerhofstraße.

Erlensee - Der Name des ehemaligen Zwangsarbeiters war Charles Adreani aus Frankreich. Eine Familie aus Rückingen hatte ihm die schwere Zeit, die er im KZ-Außenlager in Rückingen verbringen musste, durch das Zustecken von Essen etwas erleichtert. Als Borngräber, der 1995 bei der Verwaltung tätig war, diese Postkarte las, fing er an zu recherchieren und nachzufragen. „Das hat mich nicht mehr losgelassen.“

Bis dahin war das Erlenseer Außenlager des Konzentrationslagers Hinzert bei Trier in Vergessenheit geraten. Er habe sich gewundert, schreibt er in der Info-Broschüre des Geschichtsvereins zu den Arbeitslagern, „dass die Älteren dieses Geheimnis so gut gehütet hatten“. Vor allem die Erlenseer der Nachkriegsgenerationen hatten nicht von der Existenz dieses Lagers, das ab den 1950er-Jahren nicht mehr bestand, gewusst.

Also hat Borngräber alte Meldeakten gewälzt, in Archiven gesucht, mit Zeitzeugen geredet und alte Dokumente übersetzen lassen und hat bei seiner Suche nach der Geschichte nicht nachgelassen.

Nun endlich konnten zwei Informationstafeln aufgestellt werden, die an das Lager erinnern sollen. Eine steht Auf dem Hessel/Ecke Reußerhofstraße, die andere Tafel auf der Reußerhofstraße vor dem Wäldchen. Auch Claus Bergmann von der Unteren Denkmalschutzbehörde und Christine Raedler vom Zentrum für Regionalgeschichte waren dazu kürzlich vor Ort, um sich zu informieren, und sprachen dem Erlenseer Geschichtsverein ein großes Lob aus. In dem Wäldchen hinter der zweiten Infotafel ist auch der letzte sichtbare Überrest des Lagers, ein niedriger, mit Moos bewachsener Mauerrest inmitten von Brombeerbüschen.

Der Geschichtsverein um Horst Dietrich (von links) und Waltraud und Werner Borngräber will die Überreste des KZ-Außenlagers in Form dieser Mauer vor dem Vergessen retten.

Borngräber erzählt, dass geplant sei, diese Mauerreste zugänglich zu machen. Ein Schotterweg sei denkbar. „Es soll ein beschwerlicher Weg sein, um an die Menschen zu erinnern, denn die haben hier schließlich gelitten.“

Die Zwangsarbeiter kamen aus Russland, Polen, Belgien, Holland, Griechenland oder Luxemburg. Insgesamt waren hier während des Zweiten Weltkrieges rund 800 bis 1000 arbeitsfähige Gefangene aus den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten eingesperrt. Zumeist waren es laut der Augenzeugen Akademiker. Das Lager befand sich in der Nähe des Reußerhofes, unweit des damaligen Fliegerhorstes in Langendiebach. Vor dem Krieg war das Zwangslager schon als sogenanntes Lager des Reichsarbeitsdienstes genutzt worden. Auch eine Frauenbaracke gab es. Überliefert sei, so Borngräber, dass die Frauen bei Rodungen für die Verlängerung einer Landebahn am Fliegerhorst Baumwurzeln ausgraben mussten. Für diese Knochenarbeit hatten die Frauen nur einfaches Werkzeug. Ein junger Langendiebacher mit seinem Pferd half den Frauen bei dieser Arbeit. Die Alliierten beobachteten diesen Ausbau der Landebahn aus der Luft und bombardierten das neue Rollfeld am Tage seiner Fertigstellung und zerstörten es, schreibt der Geschichtsverein in seiner Info-Broschüre zum Lager.

„Eine Route gegen das Vergessen“

Bei Fliegeralarm bot der Fliegerhorst rund 1700 Menschen Schutz in seinen Luftschutzbunkern. Die Zwangsarbeiter jedoch durften nicht in die schützenden Bunker. Sie mussten sich in den Wäldern und Feldern verstecken. Dort wurden sie oft von den Dorfbewohnern gesehen, davon zeugen viele Erzählungen. Die Zeitzeugen erinnern sich an halb zerlumpte und hungrige Menschen.

Die Lagerinsassen mussten auch Blindgänger auf dem Fliegerhorst wegräumen. „Dafür wurden sie mit einer Handkarre Richtung Bruchköbel geschickt“, so Borngräber. Nach dem Krieg diente das Lager noch den Amerikanern und später für Ost-Flüchtlinge. Nach den 1950er-Jahren wurde ein Hügel aufgeschüttet, dort fanden Motorradrennen statt. Auch als Rodelhügel im Winter war der Ort bekannt, erzählt Borngräber. Der Geschichtsverein will die Geschichte der Zwangsarbeiter weiter aufarbeiten. Geplant seien weitere Info-Tafeln. „Eine Route gegen das Vergessen. Denn man darf diese Geschichte nicht vergessen, das sind wir den Menschen schuldig“, so Borngräber. (Monica Bielesch)

Infos im Internet: Zusätzlich zu den Ortstafeln hat der Geschichtsverein ein Heft zum Lager zusammengestellt. Dieses ist direkt beim Verein erhältlich https://geschichtsverein-erlensee.de

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