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„Klatschnass und völlig durch den Wind“: Fall um getötete Mutter erscheint immer mysteriöser

Leiche in überfluteter Wohnung: Das Landgericht hat erste Zeugen vernommen, die über das Geschehen am 11. März in Erlensee berichten. 
 Symbolfoto: Pixabay
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Leiche in überfluteter Wohnung: Das Landgericht hat erste Zeugen vernommen, die über das Geschehen am 11. März in Erlensee berichten.

Tötet Mouna B. ihre betagte Mutter absichtlich und mit brutaler Gewalt? Steht sie am 11. März unter Medikamenteneinfluss? Oder wird das blutige Geschehen vielleicht dadurch ausgelöst, dass die 38-Jährige ihre verordneten Medikamente Wochen zuvor eigenmächtig abgesetzt hat?

Erlensee/Hanau – Wichtige Hinweise bekommen die fünf Richter der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht, vor der sich B. seit Dienstag wegen Totschlags verantworten muss, von der Angeklagten selbst und den ersten Zeugen.

Doch es zeigt sich: Die Aufklärung dieses Kapitalverbrechens dürfte äußerst schwierig werden – weil es noch keine eindeutigen Hinweise auf ein Motiv gibt. Dafür aber zahlreiche Indizien darauf, dass sich die aus Syrien stammende Frau im Haus an der Dammstraße sehr seltsam verhalten haben soll.

Denn die beiden Nachbarinnen, die von der Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel gehört werden, sind sich einig: Am 11. März haben sie aus der Wohnung im Parterre des Mehrfamilienhauses an der Dammstraße zunächst nichts Ungewöhnliches gehört. „Kein Brüllen, keine Schreie – nichts.“

Polizei wurde wegen eines Wasserschadens nach Erlensee bei Hanau gerufen

Dann bestätigen beide, was am Abend geschieht: Aus dem Souterrain wird ein großer Wasserschaden gemeldet – es tropft massiv aus der Wohnung, in der B. und ihre 79-jährige Mutter seit zweit Jahren wohnten.

Sie erkundigen sich bei der 38-Jährigen, die zunächst nur durch einen kleinen Türspalt spricht und „irgendwie verwirrt“ wirkt. Ob denn alles in Ordnung ist, wollen die Nachbarinnen wissen. B. antwortet: „Mama geht’s gut.“

Das stimmt nicht, wie ein Oberkommissar von der Polizeistation Hanau-Land berichtet. „Wir sind ursprünglich wegen eines Wasserschadens gerufen worden“, so der Ordnungshüter, der mit seiner Kollegin und einem Praktikanten zur Dammstraße fährt – sie ahnen nicht, dass sie kurz darauf einen schrecklichen Tatort entdecken.

Erlensee bei Hanau: Praktikant der Polizisten entdeckt schemenhaft einen menschlichen Körper auf dem Boden

„Meine Kollegin hat sich durch den Türspalt mit der Frau unterhalten. Unser Praktikant, der deutlich größer ist, hat dann schemenhaft einem menschlichen Körper auf dem Boden gesehen.“.

Die Schutzleute öffnen die Tür, drängen die 38-Jährige ins Innere und legen ihr Handschellen an. Dann machen sie im Wohnzimmer die schreckliche Entdeckung: Die 79-Jährige ist tot.

„Der Kopf der Leiche war mit zwei Kissen abgedeckt“, sagt der Oberkommissar. Zudem sei es „fast überall nass“ gewesen. Die gesamte Wohnung habe „einen halben Zentimeter unter Wasser gestanden“, die Dusche sei weiter gelaufen.

Sprachbarriere verhinderte ein klares Gespräch mit der Angeklagten aus Erlensee

Was B. betrifft, hat der erfahrene Schutzmann eine klare Einschätzung: „Sie war fast nackt, klatschnass – und völlig durch den Wind.“ Es sei nicht nur wegen der Sprachbarriere unmöglich gewesen, mit der 38-Jährigen zu kommunizieren. „Ein vernünftiges Gespräch war nicht möglich – die Frau befand sich meiner Meinung nach in einem psychischen Ausnahmezustand.“

Die beiden Nachbarinnen bestätigen das. „Sie erschien verwirrt, hat ständig zum Himmel geschaut und gebetet.“ Außerdem soll B. gesagt haben: „Es tut mir leid.“

Übereinstimmend sagen beide Frauen aus, dass es zwischen der 38-Jährigen und ihre Mutter niemals einen Streit gegeben habe. Allerdings habe sich B. teilweise sehr seltsam verhalten. Sie habe „nachts um 2 Uhr die Rollläden geputzt“ und einen „zwanghaften Putzdrang“ gehabt. Eine Woche vor der Tat sei es zwischen B. und ihrem Vermieter zu einer lautstarken Auseinsandersetzung gekommen. Zwei Männer seien nötig gewesen, um die Frau wegzuziehen.

Angeklagte macht Aussage vor dem Landgericht Hanau mit einem Dolmetscher

B. macht bislang zur eigentlichen Tat keine Angaben, berichtet über ihren Synchrondolmetscher jedoch über ihr bisheriges Leben. Als zweitjüngstes von zehn Kindern sei sie stets an der Seite ihrer Mutter gewesen: „Ich liebe meine Mutter. Ich liebe sie mehr als mich selbst.“ Immer wieder bricht sie in Tränen aus. Matthias Reuter, ihr Strafverteidiger, ist vorbereitet. Er hat mehrfach Taschentücher parat.

Die zierliche Frau berichtet immer wieder mit leiser, tränenerstickter Stimme, dass sie seit langer Zeit in psychologischer Behandlung sei. „Ich nehme seit 20 Jahren nur Pillen“, bricht es aus ihr heraus. Vor allem habe sie Antidepressiva nehmen müssen. „Ich habe die Medikamente reduziert, dann keine mehr genommen.“ Das dürfte mehrere Wochen vor dem 11. März gewesen sein.

Der Prozess wird am Donnerstag, 3. September, fortgesetzt.

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