Erlensee

Erlenseer Gerd Habermann fährt und konstruiert Dragster-Fahrzeuge

Noch namenlos ist dieses quietschgelbe 7000 PS starke Motorrad mit Raketenantrieb, das Gerd Habermann demnächst zum ersten Mal bei einem Test fahren wird. Foto: Thomas Seifert

Erlensee. Die Welt von Gerd Habermann sind 400 Meter lange Rennstrecken, zwei- oder vierrädrige Geschosse mit 1000 bis 8000 PS Leistung und Geschwindigkeiten, die Otto Normalverbraucher nur im Urlaubsjet sitzend erreicht.

Von Thomas SeifertDer Langendiebacher ist Dragster-Konstrukteur, Rennfahrer aus Leidenschaft und wurde kürzlich von Bürgermeister Stefan Erb zum fünften Mal für seine sportlichen Erfolge ausgezeichnet. 2019 war für Habermann dabei mit sieben nationalen und internationalen Meistertiteln in unterschiedlichen Klassen eines seiner erfolgreichsten Jahre seiner 40-jährigen Karriere.

Der 58-Jährige gelernte Stahlbauschlosser ist ein Selfmademan, der seine Fahrzeuge (fast) alleine entwickelt und baut. „Viele Köche verderben den Brei“ lautet seine Maxime. Deshalb „werkle ich sehr gerne alleine an den Autos und Motorrädern herum. Da läuft dann das Radio und ich kann in meinem Rhythmus arbeiten“, berichtet der Rennsportler in seinem Haus in der Dieselstraße in Langendiebach.

Hobby und Beruf gemeinsam

In einer der Hallen findet sich ein Sammelsurium an Fahrzeugen aller Art vom Smart bis hin zu seinen PS-Rennmonstern. Zudem steht dort sein Truck, mit dem er zu Rennen in ganz Europa fährt, ausgerüstet mit einer Ladefläche für zwei Dragster und einem Wohnbereich. Zwei weitere große Trucks gehören zum Fuhrpark des Rennstalls Gerd Habermann Racing Team.

Denn das Geld für sein Hobby, das gleichzeitig sein Beruf ist, verdient sich der 58-Jährige bei Engagements für Showrennen, Events aller Art, PR-Termine, und er hat einige Sponsoren. Autos hat er in seinem bisherigen Berufsleben lediglich zwei verkauft, gesteht er lächelnd, und früher verdiente sich Habermann mit einer Autowerkstatt samt Abschleppdienst sein Geld.

Opel Manta A war das erste Auto

Begonnen hat die einzigartige Karriere in den 1970ern auf dem Fliegerhorst in Langendiebach, zu dem der junge Gerd mit dem Mofa geknattert ist, weil es bei den Amerikanern Coca Cola und Hamburger gab. Dort sah der Jugendliche auch zum ersten Mal Beschleunigungsrennen, die auf der Start- und Landebahn von den GIs ausgetragen wurden – und war sofort vom Dragsterrennsportvirus infiziert.

Ein Opel Manta A war das erste Auto, an dem der talentierte junge Mann herumschraubte, dem Motor mehr Leistung einhauchte und Rennen bestritt. „Durch meine Ausbildung habe ich ja schon einige Voraussetzungen mitgebracht, und den Rest habe ich mir selbst beigebracht“, betont Habermann.

Zwölf Rennen pro Veranstaltung im Durchschnitt

Bei den Rennen hat er Helfer, ohne die das Pensum dort mit zwei verschiedenen Fahrzeugen nicht zu schaffen wäre. In der Werkstatt hilft ihm manchmal ein Freund, der „sehr akribisch arbeitet, was aber auch gut ist, denn ein kleiner Fehler kann tödliche Folgen haben. Mir ist zum Glück noch nie etwas passiert, aber Unfälle habe ich schoneinige miterlebt“, weiß Gerd Habermann um die Risiken seiner Hochgeschwindigkeitssportart.

Traditionell beginnt die Saison in England auf dem Santa Pod Raceway und endet in diesem Jahr erst spät am 20. Oktober in Zerbst in Sachsen-Anhalt. Pro Rennveranstaltung fährt Habermann im Durchschnitt zwölf Rennen, wobei bei der Beschleunigung zwischen sechs und sieben G auf den Körper einwirken. „Ein besonderes Training brauche ich nicht, solange ich noch fit bin. Denn es kommen ja auch noch die ganzen Showauftritte hinzu, wo ich ebenfalls in den Fahrzeugen sitze und diesen Kräften ausgesetzt bin.“

Aerodynamik sei besser

Ans Aufhören denkt er nicht, denn der 58-Jährige hat noch ein großes Ziel: Er will den 42 Jahre alten Geschwindigkeitsrekord von 3,58 Sekunden und einer Spitze von 621 km/h über die Viertelmeile des Amerikaners Sammy Miller verbessern.

„Mein lila-pink lackiertes Fahrzeug mit dem Namen ‚Bomb Shell‘ ist etwa 200 Kilogramm leichter als das von Miller und wird von einer Feststoffrakete angetrieben, die mit 90-prozentigem Wasserstoffperoxid angetrieben wird. ​Zudem ist die Aerodynamik meines Wagens besser, immerhin wurde der Rekord bereits 1978 aufgestellt. Und der damalige Mitkonstrukteur Glen Brittain hat mir einige sehr schwer zu bekommende Teile besorgt“, berichtete Habermann.

Motorrad mit Raketenantrieb

Eigentlich sollte das Rekordgeschoss mit prognostizierten 50 000 PS bereits fertig sein, aber Termine und der teilweise Ausfall seines wichtigsten Helfers haben den Bau verzögert. „Diesmal habe ich das Chassis gekauft, der Rest ist aber in meiner Werkstatt entstanden. Ich hoffe, mit Testfahrten Mitte des Jahres beginnen und Ende des Jahres den Rekordversuch durchführen zu können. Dann werden vermutlich bis zu 12 G-Kräfte auf meinen Körper wirken, mehr als bei einem Kampfpiloten. Und am liebsten würde ich in Hockenheim fahren, aber da gibt es auf der Strecke noch eine möglicherweise gefährliche Unebenheit“, erzählt der Konstrukteur.

Einsatzbereit ist allerdings bereits sein noch namenloses, knallgelb lackiertes Motorrad, ebenfalls mit Raketenantrieb und geschätzten 7000 Pferdestärken. Das verbraucht pro Start rund 60 Kilogramm Treibstoff zum Kilopreis von 25 Euro. „Da kann man sich ausrechnen, dass solch ein Geschoss nicht allzu oft zum Einsatz kommt und es deshalb ein besonderer Nervenkitzel ist, die volle Leistung aus dem Motorrad herauszuholen.“

Herzenswunsch: Fototermin auf dem Fliegerhorst

Der von den Amerikanern „King of Fire“ getaufte Konstrukteur und Rennfahrer ist auch das erfolgreichste Mitglied und Aushängeschild der Hanau Auto Racing Association, die im vergangenen Jahr ihren 50. Geburtstag feiern konnte. Wem beim Namen Habermann und Dragster die Ohren klingeln, der liegt richtig, denn Gerd Habermanns Bruder Werner fährt zwar selbst nicht mehr, ist aber Chef des gleichnamigen Langenselbolder Rennstalls und Vater von Timo und Dennis, die beide sehr erfolgreich in der Szene mit geschätzt 100 weiteren deutschen Dragster-Rennfahrern unterwegs sind.

Bei seiner Ehrung hat Gerd Habermann gegenüber Bürgermeister Stefan Erb noch einen Herzenswunsch geäußert. Er möchte gerne einen Fototermin mit seinen drei Trucks auf dem ehemaligen Dragstrip auf dem Langendiebacher Fliegerhorst realisieren. „Der Bürgermeister hat mir zumindest versprochen, bei der Forstverwaltung, die für das Gelände zuständig ist, ein gutes Wort für mich einzulegen.“›› gh-racing.de

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