Prozess

Fall um getötet Mutter in Erlensee: Gutachter empfiehlt Einweisung in die Psychiatrie

Eigenmächtig abgesetzt: Die 38-jährige, die ihre Mutter getötet haben soll, hat offenbar mehrere Wochen vor dem schrecklichen Geschehen ihre dringend notwendigen Medikamente nicht mehr genommen und ein entsprechendes Rezept nicht eingelöst.
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Eigenmächtig abgesetzt: Die 38-jährige, die ihre Mutter getötet haben soll, hat offenbar mehrere Wochen vor dem schrecklichen Geschehen ihre dringend notwendigen Medikamente nicht mehr genommen und ein entsprechendes Rezept nicht eingelöst.

Erlensee/Hanau – Mouna B. ist am 11. März die einzige Person, die sich zusammen mit der 79 Jahre alten Mutter in der gemeinsamen Wohnung an der Dammstraße aufhält. Am Abend wird die mit Blutergüssen übersäte Leiche der alten Frau entdeckt.

Sofort richtet sich der Verdacht gegen die 38-Jährige, die sich bereits zuvor sehr seltsam benommen hat. Sie muss sich seit vier Verhandlungstagen wegen Totschlags vor dem Hanauer Schwurgericht verantworten.

Ist es am Ende gar kein Verbrechen? Vielleicht doch ein tragischer Unfall? Vieles deutet darauf hin. Doch die Richter unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel sind weiter auf der Suche nach einer Erklärung für das brutale Geschehen. Motiv? Fehlanzeige.

Mutter in Erlensee getötet: Fehlende Medikamente könnten große Rolle spielen

Wetzel versucht immer wieder, die weinende Angeklagte zu beschwichtigen. „Wir sind hier, weil wir prüfen müssen, was geschehen ist. Und wir müssen prüfen, ob sie dafür ins Gefängnis müssen. Es kann aber gut sein, dass dies nicht passieren wird.“ Deutliche Worte der erfahrenen Strafrechtlerin.

Denn immer mehr verdichtet sich der Verdacht, dass fehlende Medikamente eine entscheidende Rolle in diesem Fall gespielt haben können. So hat Strafverteidiger Matthias Reuter bei der Krankenkasse in Erfahrung gebracht, dass B. ihr Rezept, das sie Ende Januar von ihrer Hausärztin erhalten hatte, gar nicht in einer Apotheke eingelöst hatte. Bis Anfang März, wenige Tage vor der Tat, könnte die 38-Jährige also ganz ohne Psychopharmaka gewesen.

Gutachter revidiert vorläufige Bewertung im Fall um getötet Mutter aus Erlensee

Dass Mouna B. dringend auf die richtige Medizin angewiesen ist, unterstreicht Dr. Jürgen Wettig, der sein psychiatrisches Gutachten erstattet. Der 61-jährige Experte kommt nach dem bisherigen Stand der Hauptverhandlung zu einem „ganz anderen Ergebnis“ als in seiner vorläufigen Bewertung, auf die auch die Staatsanwaltschaft ihre Anklage gestützt hat. Der Psychiater hatte zweimal mit B. in der U-Haft gesprochen und sie zunächst als schuldfähig eingestuft.

Allerdings ist der Gutachter der Einzige, der von B. etwas zu dem Geschehen erfahren hat. An diesem Tag soll sie der Mutter geholfen haben, unter die Dusche zu kommen. Dann habe sie einen dumpfen Schlag gehört und die 79-Jährige zusammengebrochen vorgefunden. Ihre Mutter habe aber noch gelebt und ihr versprochen, sie nicht alleine zu lassen. Also doch ein Unfall? Vielleicht eine Erklärung dafür, weshalb sich die Duschstange aus der Wand gelöst hat?

Angeklagte muss bereits seit vielen Jahren Medikamente nehmen

„Ich hatte zunächst angenommen, dass sie das Geschehen einfach nur verdrängt.“ Zudem habe der bis zum Prozessauftakt nichts von den Medikamenten gewusst, die B. bereits seit ihrem 22. Lebensjahr verordnet bekommen hat. Doch nach zahlreichen Zeugenaussagen, die eine Aneinanderreihung von skurrilen und bizarren Verhaltensweise vor und nach der Tat bestätigen, hat Wettig eine ganz andere Diagnose: „Es liegt eindeutig eine schizo-affektive Störung vor“, so der Gutachter, der B. wegen ihres Sauberkeitswahns zudem eine Zwangsstörung attestiert.

„Die Angeklagte ist somit zum Tatzeitpunkt nicht einsichtsfähig gewesen“, lautet die neue Einschätzung. Dies erkläre auch, dass sich die Angeklagte an keine Details der Tötung mehr erinnern kann. „Das ist absolut glaubhaft.“ Hinzu käme, dass sich die Zweitjüngste von zehn Kindern mit der Pflege der alten Mutter überfordert und sich von ihrer Familie alleingelassen gefühlt habe.

Gutachter zieht eindeutiges Fazit: Angeklagte ist schuldunfähig

Nach Ansicht von Wettig ist B. damit eindeutig „schuldunfähig“. Nach dem Strafgesetzbuch dürfte sie nicht verurteilt werden. Allerdings kann ein Gericht dann andere Maßnahmen anordnen und muss dazu eine Prognose stellen.

Laut Gutachter sind diese Aussichten aber düster. „Ohne Medikamente kann das durchaus gemeingefährlich werden.“ Die 38-Jährige müsse „lebenslang diese Mittel nehmen“, dann wäre die Erkrankung im Griff. Da sie aber offenbar vor der Tat eigenmächtig die Antidepressiva und die Arznei gegen die Schizophrenie abgesetzt habe, empfiehlt Wettig die zeitlich unbegrenzte Einweisung in eine geschlossene Anstalt.

Angeklagte verhält sich auch in der U-Haft extrem merkwürdig

Nicht nur im Gerichtssaal, in den sie lange Phasen mit einem leeren Blick starrt, dann wieder weint und vor sich hin schluchzt, verhält sich B. sehr seltsam. Das bestätigt die zuständige Gefängnisärztin der Justizvollzugsanstalt in Kassel, die davon berichtet, dass B. beim Freigang versucht habe, Gras zu essen. Zudem habe sie ein Regalbrett zerschlagen und ihre U-Haft-Zelle unter Wasser gesetzt habe. Daraufhin sei sie in einen überwachten Raum eingesperrt worden.

„Sie kam völlig ohne Medikamente zu uns“, so die Ärztin, die das Verhalten als „manisch“ bezeichnet. Die Verhaftete habe gesungen und gebetet. Erst durch viel Zureden sei es möglich geworden, sie dazu zu bewegen, Medikamente zu nehmen. Daraufhin habe sich ihr Zustand deutlich gebessert. Zuvor herrscht fast vier Stunden eine gruselige Atmosphäre im Schwurgerichtssaal, denn die forensische Sachverständige ist an der Reihe. Dr. Hannelore Held vom gerichtsmedizinischen Institut der Goethe-Universität geht auf die Situation am Tatort in Erlensee und auf die Obduktion ein. Dazu werden Bilder auf die großen Monitore projiziert.

Angeklagte kann Bilder vom Tatort nicht mit ansehen

Mouna B. will diese Bilder nicht sehen, hält beide Hände vors Gesicht, wimmert, weint und greift immer wieder zu frischen Taschentüchern, die ihr der Strafverteidiger reicht.

Die Gutachterin berichtet über „zahlreiche Hämatome und Rippenbrüche. Können das die die Folgen einer gescheiterten Reanimation gewesen sein? Die Gutachterin kann auch diese Möglichkeit nicht ausschließen.

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