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Fall um getötete Mutter: Oberärztin berichtet über „bizarres Verhalten“ der Angeklagten

Pillen nicht genommen? Vor dem Hanauer Schwurgericht stehen jetzt die medizinischen Hintergründe der Erlenseer Bluttat im Mittelpunkt.  
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Pillen nicht genommen? Vor dem Hanauer Schwurgericht stehen jetzt die medizinischen Hintergründe der Erlenseer Bluttat im Mittelpunkt. Symbol

Mouna B. hat ihre Mutter getötet – daran besteht nach drei Verhandlungstagen am Hanauer Landgericht kaum noch ein berechtigter Zweifel. Doch es drängt sich immer mehr der Verdacht auf, dass die 38-Jährige, die sich wegen Totschlags vor der 1. Schwurgerichtskammer verantworten muss, keine Verbrecherin ist, die nach dem Gesetz hart bestraft werden muss.

Erlensee/Hanau – Der grausame Tod der 72-jährigen Mutter entpuppt sich immer mehr als ein tragisches Unglück. Möglicherweise könnte eine ernsthafte seelische Krankheit, die offenbar nicht richtig behandelt und bislang auch noch nicht eindeutig analysiert worden ist, die Ursache gewesen sein. Darauf deuten am Donnerstag die Aussagen im erneuten Vernehmungsmarathon hin.

Bereits zum Start der Beweisaufnahme berichten Polizisten und Nachbarn vom seltsamen Verhalten von Mouna B., die am Abend der Tat nackt hinter der Eingangstür der von der Dusche überfluteten Wohnung hockt und einen verwirrten Eindruck macht. Zuvor sei die 38-Jährige ebenfalls durch seltsames Verhalten aufgefallen, habe beispielsweise mitten in der Nacht die Rollläden von außen geputzt.

Nach der vorläufigen Festnahme liefert die Polizei B. in die Psychiatrie am Klinikum Hanau ein. „Sie hat in der Nacht ein bizarres Verhalten gezeigt“, bestätigt die behandelnde Oberärztin. Die Patientin habe einen „verwirrten Eindruck“ gemacht.

Psychiater vermutete bei der Angeklagten aus Erlensee eine psychotische Störung mit Selbstgefährdung

Sie habe die Bereitschaftsärztin umarmt, geschrien, wollte in der geschlossenen Abteilung Türen oder Fenster öffnen, habe „viel zu heiß geduscht“ und versucht, in den Kleiderschrank zu klettern. Die Psychiater vermuten eine psychotische Störung mit Selbstgefährdung: B. wird ans Bett gefesselt.

Wie die Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel weiter erfährt, ist die 38-Jährige bereits seit 2004 in psychologischer Behandlung. Die Diagnose lautet damals: Schizophrenie.

Das bestätigt ihre Hanauer Hausärztin, bei der sie seit 2018 in Behandlung ist. Die Allgemeinmedizinerin hat jedoch nicht viel diagnostiziert, sondern sich offenbar nur auf die Medikamentenverordnung der Psychiatrie in Schlüchtern verlassen. „B. hat sich dann immer die Rezepte bei mir geholt“, sagt die Hausärztin.

Erlensee: Angeklagte bekam mehrere Medikamente verschrieben

Sie verschreibt ihr Sertralin, ein Antidepressivum, sowie Quetiapin, ein Arzneistoff, der zur Behandlung psychischer Störungen wie Schizophrenie oder manisch-depressiven Erkrankungen verwendet wird.

Doch die weiteren Aussagen der Medizinerin lassen alle im Saal aufhorchen. Zwar habe die Angeklagte regelmäßig Überweisungen zu einem Facharzt bekommen, diese aber offenbar nicht wahrgenommen, denn die Hausärztin kennt keinen Arztbrief eines Psychiaters.

Die Richter sowie Dr. Jürgen Wettig, der psychiatrisch-forensische Gutachter, haken nach und stellen viele Fragen zu den Medikamenten. Sie fördern Erstaunliches zutage: Es gibt eine große Lücke bei den Rezepten. So soll B. am 27. Januar ein Rezept abgeholt, es angeblich aber verloren haben.

Angeklagte aus Erlensee flehte um neues Rezept

Erst fünf Wochen später, am 3. März – neun Tage vor der Tat – sei sie wieder in der Hanauer Praxis aufgetaucht. „Sie wirkte gestresst und hat mich angefleht, ihr ein neues Rezept auszustellen, weil sie keine Medikamente mehr hat“, so die Zeugin. Allerdings: Es handelt sich bei dem letzten Rezept nur noch um das Antidepressivum. Seit Ende 2019 gibt es keinen Eintrag mehr darüber, ob B. das Mittel gegen die Schizophrenie bekommen hat – und es nährt den Verdacht, dass sie diese Pillen gar nicht mehr genommen hat.

Das könnte dazu passen, was B. selbst sagt: Sie habe jahrelang Pillen schlucken müssen und sei diesen überdrüssig geworden. „Ich habe die Medikamente reduziert, dann keine mehr genommen.“

Der Reigen der Fragen zu den medizinischen Aspekten ist damit noch lange nicht beendet. So will das Gericht noch weitere Ärzte als Zeugen vernehmen. Rechtsanwalt Matthias Reuter, der Pflichtverteidiger von B. will noch einen anderen Aspekt untersuchen und bei der Krankenkasse recherchieren. „Sind denn wirklich alle Rezepte auch eingelöst worden?“

Erlensee: Angeklagte muss wieder Medikamente nehmen

Für das seltsame Verhalten der Angeklagten, die ständig leise in Tränen ausbricht, ihren Verteidiger immer wieder um ein neues Taschentuch bittet, haben die Experten am Donnerstag eine eindeutige Erklärung: Seit sie in Untersuchungshaft sitzt, muss sie wieder Pillen schlucken. „Das ist stattlich“, bewertet Dr. Wettig zu den Dosierungen.

Die Familie vom B. ist traurig und erschüttert zugleich über den Tod der Mutter. Doch die älteren Schwestern der 38-Jährigen unterstützen den Prozess mit ihren Zeugenaussagen. Auch sie berichten von dem seltsamen Verhalten des Nesthäkchens, das immer an der Seite der Mutter geblieben ist.

Sie bestätigen den übertriebenen Sauberkeitswahn von B., die nach Familienbesuchen die „komplette Wohnung geputzt“ habe. Dazwischen habe es immer wieder „Episoden“ gegeben, die jedoch nicht als Alarmzeichen gedeutet worden seien.

So habe B. einer Nichte ohne irgendeinen Anlass in den Arm gebissen, eine Cousine gar aufgefordert, vom Balkon zu springen. „Nachdem sie ihre Medikamente genommen hat, war alles wieder in Ordnung“, sagt ihre 51-jährige Schwester.

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