Erlensee

Laut und schepp: Guggemusiker "Kinziggeister" feiern 40-Jähriges

Im Jubiläumsjahr treten die Kinziggeister in aufwändigen ägyptischen Kostümen auf, so wie bei der Sitzung des Karnevalclubs Hemdeklunkis in Frankfurt. Neben so viel phantasievoller Optik wirken die Instrumente fast unscheinbar. Foto: Privat

Erlensee. Sie sind bunt, sie sind laut, sie sind in der ganzen Region bekannt: Die "Kinziggeister" aus Erlensee begeistern an Fasching jedes Jahr die Menschen bei diversen Sitzungen und Umzügen. In diesem Jahr feiert die Gruppe, bei ihrer Gründung übrigens die erste in Hessen, ihr 40-jähriges Jubiläum.

Von Ulrike Pongratz

„Guggemusik ist laut und schepp; man muss sie von der Seele runterspielen – so laut wie möglich, mit Schalk und ganz viel Spaß. Wenn wir in einen Saal einmarschieren, nehmen wir die Gäste mit und machen Stimmung.“ Der so das Wesen der Guggemusik erklärt, spielt seit 33 Jahren Trompete bei den Kinziggeistern: Olaf Richter gehört, wie seine Frau Silke, zu den Urgeistern, die jedes Jahr aufs Neue für die Guggemusik brennen. In diesem Jahr feiern die Kinziggeister ihr 40-jähriges Bestehen.

Mit dem Bus geht's on Tour

Drei bis vier Stunden vor dem Auftritt kommen die Kinziggeister in Erlensee zusammen, um sich zu schminken. Dort startet später der Tourenbus, der die Truppe in der Hochzeit des Karnevals von Sitzung zu Sitzung fährt.In Erlensee dürfen die umtriebigen Geister den Gemeinschaftsraum der Freiwilligen Feuerwehr Langendiebach nutzen. Nach und nach trudeln die Musiker ein, die Stimmung ist locker und entspannt.

In der Faschingssaison verbringen die Kinziggeister über sechs Wochen hinweg viele Abende gemeinsam. „Wir erleben und feiern Fasching mit der Truppe. Wir brennen richtig darauf, auf der Bühne zu stehen und andere an unserem Spaß teilhaben zu lassen.“ Kampagnen-Start ist traditionell am 11. November. „Tatsächlich bleiben bis zu diesem Datum die jährlich wechselnden Kostüme wie auch das Motto geheim. Richtig los gehen die Touren aber erst im Januar.

Nur wenig Schlaf am Faschingswochenende

„Am Faschingswochenende sind wir von Donnerstag bis Faschingsdienstag – bis auf wenige Stunden Schlaf – praktisch Tag und Nacht zusammen. Da freut man sich dann doch wieder auf Aschermittwoch“, sagt Silke Richter, die seit 35 Jahren das Saxofon spielt.

Gute Laune nach dem Schminken bei den Silbergeistern Silke und Olaf Richter, Christine Blum (links) und Frauke Mathes (hinten Mitte). Foto: Ulrike Pongratz

Die Truppe: Silke Richter und ihr Ehemann Olaf gehören unter anderem mit Frauke Mathes, Stefan Betz und Christine Blum mit mehr als 30 Jahren aktiver Mitgliedschaft zu den dienstältesten Kinziggeistern. Sie sind „Silbergeister“, eine Auszeichnung, die für eine 25-jährige Mitgliedschaft vergeben wird.

33 Mitglieder jeden Alters

Zurzeit zählt die Guggemusiker-Clique 33 Mitglieder jeden Alters, etwa ein Drittel davon sind Frauen. „Um bei uns mitmachen zu können, muss man mindestens 18 Jahre alt sein und vor allem Spaß haben an der Guggemusik“, erklärt Tambourmajorin Madlen Farr.

Seit Gründung der Kinziggeister 1980 hat sich die Truppe, die zu Beginn niemand so recht ernst nehmen wollte, beständig verstärkt und verjüngt. Zurzeit sind die Kinziggeister mit allen Instrumenten, mit Trompete und Posaune, Tuba, Saxofon und Pauke mehrfach besetzt. „Wir suchen aktuell zwei Tuben und ein Tenorhorn“, so Madlen Farr, die auch im Posaunenchor Erlensee aktiv ist. „Viele Bläser spielen in anderen Ensembles, andere machen tatsächlich nur bei uns mit“, so Farr.

Gespielt wird nur nach Gehör

Für Orchestermusiker wie Farr oder das Ehepaar Richter liegt der ganz besondere Reiz der Guggemusik auch darin, aus der Strenge des Orchester ausbrechen zu können. „Im Blasorchester muss jeder Ton exakt sitzen. Bei den Kinziggeistern sind wir ohne Noten unterwegs, spielen nach Gehör. Es darf schräg klingen, Hauptsache, es ist laut und macht Spaß.“

Seit vielen Jahren beeindrucken die Kinziggeister mit aufwändigen Kostümen. Foto: Privat

Natürlich erarbeiten sich die Kinziggeister für ihre Instrumentengruppen die Vorlagen, machen Aufnahmen von den neuen Stücken und üben diese auch, jeder Musiker für sich und zusammen. Für die Kampagne 2020 „Ägypten – 40 Jahr‘ und kei bissi leiser“ hat das Ensemble beispielsweise den Song „Die Sonne“ der Gruppe Rammstein als Thema transkribiert.

Guggemusik hat Ursprünge in der Schweiz

Die Guggemusik: Kommt ursprünglich aus der Baseler Fastnacht und wurde vor 40 Jahren von der Schweizerin Elfi Butz, dem Gelnhäuser Harald Kuhn und ein paar Sportfreunden vom Aeroclub Gelnhausen gegründet. „Am Anfang,“ erinnert sich das Ehepaar Richter, „sind wir einfach durch die Gassen und Straßen in Gelnhausen gezogen, spontan in Gaststätten eingekehrt.“ In den ersten Jahren wurden auch Kostüme und Masken noch selbst genäht und gefertigt.

Damals wie heute allerdings überraschen sie das närrische Volk mit einer aktuellen Kampagne. Jede Saison gibt es neue Kostüme und Masken, zwei oder drei neue Musikstücke. Inzwischen sind die originalen hessischen Guggemusiker, die anfangs mit ihrem Lärm nicht Ernst genommen wurden, weit über das Kinzigtal hinaus bekannt und beliebt. Sie werden für Sitzungen bis über Frankfurt hinaus angefragt; diese Saison sind die lebendigen Geister als Truppe der ägyptischen Götter Ra und Anubis unterwegs.

Unter den Masken aufwändig geschminkt

Das Schminken unter den Masken gehört seit vielen Jahrzehnten zu einem echten Auftritt der Kinziggeister dazu. „Wir spielen zwei Stücke mit Maske, dann setzen wir sie ab. Da können nicht einfach unsere Gesichter zum Vorschein kommen“, erklärt Madlen Farr. Mit den Zwillingsbrüdern Nicolai und Raphael Hermann, Natascha Viel und Franziska Fuchs gehört sie zum Schminkteam, das passend zum Kostüm Farben und Muster entwickelt und ausprobiert.

Madlen Farr trägt als Tambourmajorin eine ganz besonders große Maske und wird hierfür eigens geschminkt. Foto: Ulrike Pongratz

33 Musiker kann man nicht wie beim Kinderschminken „anmalen“, dafür fehlt die Zeit. Deshalb bedienen sich die findigen Kinziggeister seit nun schon 20 Jahren der Methode „Air Brush Painting“: Grundierungen aus Gold, Kupfer oder Bronze werden einfach aufgesprüht, dann folgen die Motive. Einer nach dem anderen stellt sich zum Schminken in die Reihe.

Auch die Reporterin wird als „Geist tätowiert. Es fühlt sich angenehm an, mit kühler Luft wird die wasserlösliche Farbe aufgesprüht, sie fühlt sich ein wenig feucht an. Tatsächlich lässt sich die Schminke später ganz einfach mit Wasser entfernen.

"Hier wurden schon viele Ehen geschlossen"

Immer mehr ägyptische Totengeister bevölkern die Feuerwache in Erlensee, die Vorfreude in der Truppe steigt. „Hier wurden schon viele Ehen geschlossen; inzwischen spielen bereits die Kinder mit“, sagt Olaf Richter. Der Silbergeist, der nach Gründerin Betz zweiter Tambourmajor der Guggemusiker war, könnte noch viele Anekdoten erzählen, doch allmählich wird es Zeit, die Instrumente zu verladen.

Etwa drei bis vier Stunden dauert es, bis alle Mitglieder geschminkt und kostümiert sind. Die Stimmung ist super, als sich die Truppe auf den Weg zu den Krotzebojer Giggelnarr'n macht. Und wer die laute und schräge Show live erleben will: Die Guggemusiker aus Erlensee sind in dieser Saison noch bei den Faschingsumzügen von Eschborn, Oberursel und Seligenstadt zu sehen.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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