Pflegerin in Erlensee getötet: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage

Musste Susanne W. wegen 4000 Euro sterben?

Für 4000 Euro verkauft: Den weißen Nissan des Opfers soll der mutmaßliche Mörder verkauft haben, um sich zu bereichern.
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Für 4000 Euro verkauft: Den weißen Nissan des Opfers soll der mutmaßliche Mörder verkauft haben, um sich zu bereichern.

Warum musste die 47-jährige Pflegerin Susanne W. in ihrer Wohnung sterben? Nach dem Fund ihrer Leiche am 22. Juli vergangenen Jahres am Sandweg in Erlensee haben Hanauer Kripo sowie Staatsanwaltschaft umfangreiche Ermittlungen angestellt. Jetzt ist gegen den mutmaßlichen Mörder Ingo K. (37) Anklage erhoben worden. Damit werden erschütternde Details zu den möglichen Hintergründen bekannt.

Anklage: Erschütternde Details zur Juli-Nacht

„Wir gehen davon aus, dass K. sein Opfer vorsätzlich und heimtückisch getötet hat. Wir vermuten Habgier als Motiv und haben deshalb Anklage wegen Mordes erhoben“, berichtet Markus Jung, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage des HA. Die Ermittler gehen davon aus, dass K. die Tat gezielt geplant hat, um sich zu bereichern. Das Verbrechen soll bereits zwei Tage vor dem 22. Juli verübt worden sein. W. galt als zuverlässige Pflegekraft und war an ihrer Arbeitsstelle nicht erschienen. Das sorgte für Verwunderung. Ein Kontakt kam jedoch nicht zustande – die 47-Jährige war zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

Auto im Visier der Hanauer Mordkommission

Schließlich schlugen Kolleginnen Alarm. Zusammen mit der Vermieterin öffneten sie die Dachgeschosswohnung und machten den grausigen Fund. Schnell stellten die Ermittler fest, dass der Wagen des Opfers, ein weißer Nissan Qashqai, spurlos verschwunden ist. Nach dem Auto wurde tagelang gefahndet (wir berichteten). Zunächst war völlig offen, wer die Bluttat begangen haben könnte. Die Kripo bildete die Sonderkommission „AG Alpaka“ – der Name rührt daher, dass auf einem Nachbargrundstück diese Tiere gehalten werden.

Akribische Arbeit der Ermittler führt zur Spur

In akribischer Arbeit ist es der Mordkommission danach gelungen, immer weitere Informationen zu sammeln und Zeugenhinweise auszuwerten. Schließlich führte die Spur zwei Wochen später nach Linsengericht. Dort wurde K. von einem Spezialkommando überwältigt, festgenommen und vom Amtsgericht Hanau in Untersuchungshaft geschickt. Vor allem stützten sich die Beweise auf DNA-Spuren am Tatort. Die Beamten fanden heraus, dass K., der mit einer Freundin zusammenlebte, über ein Onlinedating-Portal Kontakt zu der 47-Jährigen geknüpft hatte.

Akribische Ermittlungen: Ein Großaufgebot der Polizei hat nach dem Leichenfund am Sandweg die Spuren der Bluttat ausgewertet. Archiv

Am Abend des 20. Juli soll eine Verabredung geplant worden sein. K. sei mit dem Bus von Linsengericht nach Erlensee gekommen. Allerdings nicht mit romantischen Absichten – die könnten gezielt vorgetäuscht gewesen ein. Denn der 37-Jährige soll laut Anklage mit der Absicht gekommen sein, W. in dieser Nacht zu töten.

Mit Kampfmesser im Bett zugestochen

Der vermeintlich „nette Abend“ endete damit, dass K. schließlich bei W. übernachtete. Nach umfangreichen Rekonstruktionen soll er die völlig arglose 47-Jährige dann im Schlaf überrascht und mit einem Kampfmesser angegriffen haben. Untersuchungen der Rechtsmedizin hätten ergeben, dass die Frau noch versucht habe, sich zu wehren und vor K. zu flüchten. Doch vergeblich.

Staatsanwalt: „Mindestens 25 Messerstiche“

„Wir gehen davon aus, dass das Opfer mit mindestens 25 Messerstichen verletzt und schließlich noch erwürgt worden ist“, so Jung zu den vorläufigen Gutachten. Die Spuren deuten darauf hin, dass K. nach dem Verbrechen eiskalt vorgegangen sein könnte. Er habe sich geduscht und fuhr mit dem weißen Auto der Getöteten davon. Und genau auf diesen Nissan soll es K. bereits zuvor abgesehen haben. Nicht nur, um vom Tatort zu flüchten. Laut Staatsanwaltschaft habe der 37-Jährige sich bereits vorher im Internet über Autoverkäufe informiert. Mitten in der Nacht habe er den SUV dann im Internet inseriert, am Morgen mehrere Telefonate mit Kaufinteressenten geführt und bereits am Nachmittag verkauft. Für 4000 Euro – weit unter Wert.

Steckte Ingo K. in finanziellen Schwierigkeiten?

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass K. es einzig und alleine auf das Auto der Pflegerin abgesehen hatte. Und dafür gebe es ebenfalls ein Motiv: Der 37-Jährige habe in Linsengericht stets den Schein erwecken wollen, er sei ein vermögender Mann. „Nach unseren Ermittlungen gehen wir jedoch davon aus, dass K. in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten gesteckt hat“, so Staatsanwalt Jung zu den möglichen Motiven. Sollte K. schuldig gesprochen werden, droht ihm die Höchststrafe: lebenslange Haft.

Verteidiger skeptisch - Neues Gutachten in Auftrag

K. hatte bereits bei seiner ersten Vernehmung Angaben gemacht und dabei auch zugegeben, das Auto verkauft zu haben. Benjamin Düring, der Pflichtverteidiger von K., erklärte auf Anfrage, dass er die von der Staatsanwaltschaft genannten Mordmerkmale „sehr skeptisch“ betrachte. „Wir müssen die Hauptverhandlung abwarten“, so der Rechtsanwalt, der außerdem ein vom Gericht in Auftrag gegebenes Gutachten über die Schuldfähigkeit seines Mandanten abwarten will.

Über die Zulassung der Anklage entscheidet die Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Es ist davon auszugehen, dass die Hauptverhandlung dann im Sommer beginnt. (Von Thorsten Becker)

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