AUS DEM GERICHT

Wegen 4000 Euro Bekannte in Erlensee getötet?

Verdeckt sein Gesicht: Der 41-jährige Ingo K. muss sich seit Donnerstag vor dem Hanauer Schwurgericht verantworten. Er soll im Juli vergangenen Jahres eine 47-Jährige am Erlenseer Sandweg heimtückisch und aus Habgier getötet haben.
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Verdeckt sein Gesicht: Der 41-jährige Ingo K. muss sich seit Donnerstag vor dem Hanauer Schwurgericht verantworten. Er soll im Juli vergangenen Jahres eine 47-Jährige am Erlenseer Sandweg heimtückisch und aus Habgier getötet haben.

Der 41-jährige Ingo K. muss sich wegen Mordes vor dem Hanauer Schwurgericht verantworten. Er soll seine Internetbekanntschaft Susanne W. in Erlensee getötet haben, um an das Auto der Frau zu kommen.

Ein ums andere Mal werden Puzzleteile zusammengesetzt. „Das ist ein Fall, der wohl nicht ganz schnell aufgeklärt werden kann“, sagt sie in der Pressekonferenz vor Ort. Rund zwei Wochen später scheint sich die akribische Arbeit gelohnt zu haben. Ingo K. wird in Linsengericht verhaftet und wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft geschickt (wir berichteten).

Erlensee: Frau mit 25 Messerstichen getötet

Am Donnerstag, nach zahlreichen intensiven Ermittlungen und Gutachten, – fast ein Jahr nach dem Leichenfund am Sandweg – steht Staatsanwältin Pohlmann im Schwurgerichtssaal. Diesmal in der schwarzen Robe. Ingo K. wird in Handschellen von zwei Justizwachtmeistern auf die Anklagebank geführt.

Wenige Minuten später erhebt sich Pohlmann und trägt ihre Anklageschrift vor. Sie nennt die erschütternden Hintergründe: „Der Angeklagte hatte das Bemühen, den Schein des vermögendenden Mannes zu wahren.“ Das soll das Motiv gewesen sein, Susanne W. grauenvoll zu töten – wegen 4000 Euro. Die Anklägerin nennt alle blutigen Details, die durch die Hanauer Mordkommission und die Rechtsmedizin rekonstruiert worden sind: „Die Betroffene war vollkommen arglos und in Folge auch wehrlos gegenüber dem Angeklagten, der wie von Anfang an geplant, gewartet hat, bis sie eingeschlafen war. Sodann zückte der Angeklagte sein schwarzes Kampfmesser . . .“ Insgesamt werden bei der Obduktion der Leiche 25 Schnitte und Stiche festgestellt, außerdem wurde die 47-Jährige brutal gewürgt. Die Staatsanwältin bewertet das Geschehen daher als schlimmstes Verbrechen: Mord aus Heimtücke und Habgier. Damit droht K. eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Aussagen auf Video: Ingo K. streitet zunächst alles ab.

Doch der 41-Jährige hat das Recht, sich gegen diese Vorwürfe zu wehren. Dafür hat er Benjamin Düring als Pflichtverteidiger an seiner Seite. „Mein Mandant macht von seinem Recht Gebrauch und schweigt zunächst zu den Vorwürfen“, erklärt Düring der Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Diesmal folgt K. dem Rat seines Rechtsanwalts. Im August war das anders, denn K. bestand darauf, Aussagen zu machen.

Und genau diese will die Vorsitzende Richterin nun unter die Lupe nehmen. Aber anders als gewohnt. Denn bislang wurden meist die Vernehmungsprotokolle verlesen und die Beamten als Zeugen befragt.

Doch die Justiz geht mit der Zeit und nutzt die Technik. Denn seit 2020 gilt die Pflicht für die Ermittlungsbehörden, bei schweren Straftaten die ersten Vernehmungen bei der Polizei auf Video aufzuzeichnen. So will es die aktuelle Strafprozessordnung. Nach der Festnahme von K. am 5. August ist das geschehen.

Und so sorgt die Vorsitzende für ein Novum am Hanauer Landgericht, als sie auf den Knopf drückt. Der voll besetzte Schwurgerichtssaal verfolgt über die Bildschirme die Vernehmung von K. in den Räumen der Kriminalpolizei Hanau. Das erste Video hat eine Dauer von 1:56 Stunden, in denen sich der damals Angeschuldigte ständig wiederholt. „Ich war an diesem Tag nicht in Erlensee. Ich habe Susi W. nicht getötet.“ Sonst kann sich der Mann an nichts erinnern.

Eine groteske Szene, denn die Ermittler legen ihm im Beisein von Staatsanwältin Lisa Pohlmann und Pflichtverteidiger Düring einen Beweis nach dem anderen vor: Die Funksignale seines Handys sind zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Tatorts dokumentiert worden. Vor und nach der Tat hat K. mit Autohändlern telefoniert und zuvor W. amuröse Zeilen über den Facebook-Messenger geschickt.

DNA des Angeklagten unter den Fingernägeln des Opfers

Schließlich reden die Kriminalbeamten Tacheles: Unter den Fingernägeln des Opfers sind DNA-Spuren sichergestellt worden. Es soll sich um DNA von K. handeln. Doch der bleibt stur, behauptet, er sei den Tag über bei seiner Freundin im Vogelsberg gewesen und habe den Abend auf der Müllerwiese in Gelnhausen verbracht. Immer weiter verstrickt er sich in Widersprüche und wird von den Polizisten offen gefragt: „Merken Sie eigentlich, dass Sie sich und uns belügen?“ K. bleibt bei seiner Darstellung und einem der Kriminalisten platzt gegen 21.15 Uhr sogar zweimal die Hutschnur in reinstem Hessisch: „Lebdag net!“

Das zweite Video ist mit 1:28 Stunden kürzer. Und offenbar hat K. in der Nacht zuvor nachgedacht. In dieser Vernehmung berichtet er über einen heftigen Streit, in dessen Verlauf W. mit einem Messer auf ihn losgegangen sei. Er habe ihr das Messer entrissen und zugestochen. . . was dann passiert ist – daran könne er sich nicht mehr erinnern.

Der Prozess wird am Dienstag, 13. Juli, mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

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