Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Während Reinhard Heiderich die Hanauer Bombennacht aus der Ferne beobachtete, war seine Frau mittendrin

+
Als Kind beobachtete Reinhard Heiderich die Bombenangriffe auf Hanau aus der Ferne. 75 Jahre später erzählt er die Erlebnisse seiner Frau Ursula, die am 19. März 1945 mittendrin steckte.

Als Hanau vor 75 Jahren am 19. März 1945 durch den verheerenden Fliegerangriff der Alliierten in Schutt und Asche fiel, beobachtete der damals neunjährige Reinhard Heiderich mit seiner Mutter die Bombennacht aus sicherer Entfernung.

Nicht ahnend, dass die Frau, die er einmal heiraten würde, wenige Kilometer entfernt, in Hanau, in dieser Nacht gleich zweimal knapp dem Tod entging. Heiderich wohnte damals mit seiner Mutter in der Gartenstraße 8 in Rückingen. Am 19. März hatten sie bei einer Tante in Ravolzhausen übernachtet. „Aus der Ferne hörten wir ein dröhnendes Brummen, diese typischen Lancaster-Bomber der Royal Air Force, die immer näher kamen.

Wie ein schauriges Silvesterfeuerwerk beschreibt der heute 85-Jährige, was sich am Himmel über Hanau damals abspielte: „Wir konnten diese Leuchtkerzen sehen, die wie leuchtende Christbäume am Himmel standen. Da ahnten wir schon, jetzt passiert etwas entsetzliches. Das muss gegen 4.30 Uhr gewesen sein, wo alles runterkam.“

Menschenschlange ein "entsetzlicher Anblick"

Einen Tag später sah er die Ausläufer der Katastrophe mit seinem Freund Werner Maul an der Leipziger Straße, die von Hanau nach Erlensee führt: „Da kam mindestens drei Tage lang eine Menschenschlange entlanggelaufen: rußgeschwärzte Gestalten mit fahlgrauen Gesichtern. Das war ein entsetzlicher Anblick“, erinnert sich Reinhard Heiderich heute. Teils im Kinderwagen haben die Menschen ihr letztes Hab' und Gut, das sie aus den Trümmern retten konnten, mit sich geführt.

Auch die kleine Ursula Kinsel, die etwa 13 Jahre später Heiderichs Frau werden sollte, hatte in dieser Nacht ihr zerstörtes Zuhause hinter sich lassen müssen und mit ihren Geschwistern und der Mutter Unterschlupf in einer Bauernhofsscheune bei Ostheim gesucht. „Das, was damals passiert ist, lässt sie bis heute nicht los“, sagt Heiderich. Über die Jahre hat sie oft mit ihrem Mann darüber gesprochen. Heute könne sie das nicht mehr. „Das wühlt sie dermaßen auf, dass sie nicht mehr darüber sprechen möchte“, sagt er.

Ursulas Vater war als Oberzugführer damals von Ostpreußen mit seiner Familie nach Hanau versetzt worden und als Soldat an die Front nach Griechenland berufen worden. Seine Frau wohnte mit den drei Kindern damals in der Leimenstraße 40. „Die Mutter hatte immer darauf geachtet, dass die Kinder angezogen in ihren Betten schlafen, damit sie sofort aufstehen und runterrennen können.“

Die Bombardierung im Keller überlebt

So auch am 19. März, als sie die Kinder, als die ersten Bomben auf Hanau fielen, aus den Betten riss. Das Haus hatte bereits Feuer gefangen. „Dann sind sie in dem brennenden Treppenhaus, wo die Balken schon runterstürzten, durch ein Flammenmeer in den Keller geeilt“, so der Erlenseer. „Für einen Moment waren sie in Sicherheit und dann stürzte das Haus komplett in sich zusammen.“

Reinhard Heiderich ist sich sicher: Wenn der benachbarte Feuerwehrmann nicht mit in dem Keller gewesen wäre, in den alle Hausbewohner geflohen sind, wäre seine Frau vielleicht nicht mehr am Leben. Der Feuerwehrmann war einer der beiden Schutzengel, der Ursula in dieser Nacht vor 75 Jahren das Leben rettete. Der andere war ihre Mutter.

„Nach einer halben Stunde war alles still. Dann hat der Feuerwehrmann die Steine und alles, was runtergefallen war, beiseite geräumt und hat es tatsächlich geschafft, ein Loch durchzutreten, durch das er alle einzeln rausziehen konnte.“

Verkohlte Körper lagen auf der Straße

Nach der Bombardierung erblickten Ursula, ihre Geschwister und die Mutter bei Tagesanbruch die in Trümmern versunkene Stadt. „Ein bestialischer Gestank nach verbranntem Fleisch lag in der Luft, man sah verkohlte Körper auf der Straße liegen. Das war für die Leute, die unmittelbar in dem Chaos drin waren, die Hölle“, sagt Heiderich.

Gerade als Ursula und ihre Familie dem Keller entflohen waren, drohte ein brennender Balken vom Nachbarhaus auf das Mädchen herabzufallen. „Im letzten Moment hat Ursulas Mutter sie weggezogen. Der Balken fiel ihr selbst dann auf den rechten Fuß und das Kleid hat angefangen zu brennen.“ Auch hier ist sich Heiderich sicher: „Der Balken hätte das Kind erschlagen.“ 

Vater kehrt von der Front zurück und such seine Familie

Ursulas Vater dachte zunächst, seine Familie sei in der Bombennacht wie mehr als 2000 andere Hanauer ums Leben gekommen. Als er Wochen später als Soldat aus Griechenland zurück, suchte er seine Familie in der Hanauer Leimenstraße. „Und was er da vorfand, war ein einziger Trümmerhaufen. Auf einer Dachlatte stand ein kleines Schild, auf dem stand 'hier in diesem Haus sind alle umgekommen'“, erzählt Heiderich.

„Was Ursulas Vater da emotional durchmachen musste, kann man gar nicht in Worte fassen.“ Relativ schnell hatte sich dann jedoch aufgeklärt, dass Ursulas Familie auf dem Weg nach Ostheim war, wo ihr Vater die Familie schließlich fand.

In Hanau war die "totale Vernichtung"

Heiderich lernte seine gleichaltrige Frau dann knapp sechs Jahre später, 1951, bei seiner Lehre kennen. Der begabte Zeichner wurde damals beim Hansa Kaufhaus zum Plakatmaler und Schaufenstergestalter ausgebildet, Ursula zur Buchhalterin. Stundenlang könnte er von seinen Kindheitserlebnissen im Zweiten Weltkrieg erzählen.

„Bomben haben wir natürlich auch abgekriegt, aber nicht in dem Ausmaß wie in Hanau. Das war ja die totale Vernichtung. Wir haben auch mal im Keller gesessen, meine Mutter und ich. Da konnte ich annähernd nachempfinden, was meine Frau in Hanau miterleben musste“, sagt er.

Ein Erlebnis ist ihm jedoch besonders in Erinnerung geblieben. Wenn er daran zurückdenkt, wie er seinen Vater nach dem Krieg wieder in die Arme schließen konnte, kommen ihm auch heute noch, nach 75 Jahren, die Tränen. „Mein Vater war einer der ersten Kriegsheimkehrer. Bei uns in der Gartenstraße ist damals einer mit Fahrrad und Schelle rumgefahren und hat Bekanntmachungen vorgelesen und gesagt, die ersten Heimkehrer sind auf dem Fliegerhorst in Langendiebach angekommen. Etwa 60 Soldaten sind mit abgetragenen, dreckigen Uniformen nach Rückingen gelaufen, furchtbar haben die ausgesehen“, sagt er. „Mein Vater lief in der ersten Reihe. Da bin ich als kleiner Junge zu ihm gesprungen und hab' ihn umarmt.“ 

Die Erlebnisse der Bombennacht und ihre Folgen für Hanau hielt Ursulas Bruder Hans in einem Aufsatzheft fest.

Aufsatz zur Bombennacht

HA-Chefredakteur Robert Göbel liest die handschriftlichen Aufzeichnungen von Hans Kinsel aus Hanau vor.

Quelle: Hanauer Anzeiger

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare