Einkaufen in der Corona-Krise

Nach Ärger im Supermarkt: Erlenseerin fordert mehr Rücksicht für Menschen mit Behinderung

Coronavirus - Dresden
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Beim Versuch, gemeinsam mit einer Begleitperson in einem Supermarkt einkaufen zu gehen – hier ein Symbolbild –, ist eine sehbehinderte Erlenseerin auf unerwartete Probleme gestoßen.

„Das war der Hammer, was mein Mann und ich erlebt haben.“ Auch Tage nach dem Erlebnis vor einem Supermarkt im Altkreis Hanau ist Brigitte Hermann empört, ihre Stimme am Telefon klingt aufgeregt und auch ein wenig wütend.

Die 58-Jährige aus Erlensee ist stark sehbehindert, auf einem Auge erblindet. Sie ist auf Hilfe beim Einkaufen angewiesen, zurzeit fährt der Ehemann das Auto. „Ich halte mich wirklich an die Regeln, so gut es geht“, meint Hermann. Sie verlasse die Wohnung nur selten, schon um ihre über 80-jährige Mutter zu schützen, deren Haushalt sie zudem versorgen müsse. „Meine Mutter verlässt ihre Wohnung zurzeit nicht, deshalb kaufen mein Mann und ich für zwei Haushalte ein.“

Und diesen Einkauf einmal pro Woche möchte Brigitte Hermann auch gerne weiterhin selbstständig erledigen. Das ist aber aufgrund der zurzeit geltenden Verordnung nur schwer möglich. Die Mitarbeiter vieler Supermärkte achten sehr genau darauf, dass pro Haushalt tatsächlich nur eine Person mit einem Einkaufswagen das Geschäft betritt.

Trotz Schwerbehindertenausweis: Sehbehinderte darf nicht mir ihrem Mann einkaufen

„Auch als ich meinen Schwerbehindertenausweis vorgezeigt habe, hat dies nichts bewirkt“, sagt Hermann. „Schließlich habe ich vorgeschlagen, einen eigenen Einkaufswagen zu nehmen, es waren ja genug vorhanden.“ Das Ehepaar hatte keine Chance, auch der Filialleiter war nicht zu sprechen, es blieb dabei: Es gab eine Anweisung, nur eine Person pro Haushalt konnte einkaufen.

Auf der Weiterfahrt zum benachbarten Supermarkt hatte Brigitte Hermann die Idee: „Schmeiß mich halt vorher aus dem Wagen, dann kommen wir getrennt, jeder nimmt einen Wagen und ich dackele hinter dir her“, habe sie ihrem Mann vorgeschlagen. Doch dieser ließ sich auf derartige Tricks nicht ein. „So weit sind wir also schon. Das kommt nicht infrage“, lautete dessen klare Antwort.

Keine Probleme beim nächsten Supermarkt

Bei diesem neuerlichen Versuch hatte das Ehepaar allerdings überhaupt keine Probleme. Es waren ausreichend Einkaufswagen vorhanden, Brigitte Hermann zeigte ihren Ausweis vor und konnte gemeinsam mit ihrem Ehemann einkaufen gehen. „Es fühlt sich nicht gut an, wenn man so behandelt und einfach vor der Türe stehen gelassen wird“, sagt Brigitte Hermann.

Für Menschen mit Handicap sei der Alltag schon in normalen Zeiten nicht einfach. In Corona-Zeiten wird es für die Erlenseerin fast unmöglich, zu zweit ein Geschäft zu betreten. „Menschen, die eine Person als Hilfe brauchen, werden komplett ausgeschlossen.“ So empfindet es Brigitte Hermann.

Sie hat sich an unsere Zeitung gewandt, weil sie sich mehr Aufklärung erhofft über die zusätzliche Belastung für Menschen mit Behinderung und auch mehr Kulanz. Zugleich möchte sie einen Appell an die Regierenden richten, bei allen Verordnungen und Regelungen behinderte Menschen nicht aus den Augen zu verlieren. „Ich wünschte mir, dass auf Menschen mit Behinderung mehr Rücksicht genommen würde; man muss doch menschlich bleiben.“

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