Gelnhausen: Streit um JOH-Areal

Magistratsspitze erhebt schwere Vorwürfe gegen Kreissparkasse - Wollten die Banker eine Extrawurst?

Nur ein Wurststand ist geblieben: In der Gelnhäuser Südstadt wird der Stillstand rund um das ehemalige Kaufhaus JOH noch andauern.
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Nur ein Wurststand ist geblieben: In der Gelnhäuser Südstadt wird der Stillstand rund um das ehemalige Kaufhaus JOH noch andauern.

Öffentlicher Streit zwischen Magistrat und der Kreissparkasse Gelnhausen. Der Vertrag um das seit acht Jahren leerstehende Kaufhaus JOH ist geplatzt. Beide Seiten machen sich schwere Vorwürfe.

Gelnhausen - Blauer Himmel über der Südstadt. Die Sonne taucht die graue Betonfassade in gleißendes Licht. Der Schriftzug JOH, der jahrelang an dem Gebäude hing, ist längst verschwunden. Nach acht Jahren Leerstand steht vor dem einstigen Kaufhaus im Zentrum nur noch ein Würstchenstand. Rings herum breitet sich Tristesse aus, denn auch benachbarte Schaufensterfronten vermelden: Hier herrscht Leerstand.

Und Stillstand. Denn seitdem die Kreissparkasse Gelnhausen in dieser Woche die Reißleine gezogen hat und als Investor für das Areal nicht mehr zur Verfügung steht, herrscht im altehrwürdigen Rathaus am Obermarkt Ratlosigkeit. Hinzu kommt eine gehörige Portion Ärger.

Gelnhäuser Bank zieht die Reißleine

Denn nicht einmal mehr die Kreissparkasse Gelnhausen will das brachliegende Areal des 2014 pleite gegangenen Kaufhauses JOH weiterentwickeln. Das kommunale Finanzinstitut hat nach eigenen Angaben „die Bremse gezogen“. Der Kaufvertrag wird abgelehnt, die weiteren Planungen eingestellt. Gleichzeitig übt das kommunale Kreditinstitut ungewöhnlich harsche Kritik an den politisch Verantwortlichen der Barbarossastadt.

Chef der Kreissparkasse Gelnhausen: Nicht zu kalkulierendes Risiko

„Für die Umsetzung eines solch zentralen Stadtentwicklungsprojekts ist eine breite und nachhaltige Unterstützung parteiübergreifend durch die Kommunalpolitik unabdingbar. Ist diese grundsätzlich konstruktive Unterstützung immer weniger erkennbar, bei allem Respekt vor parlamentarischen Diskussionen, wird das für eine Projektentwicklung zu einem kurz- und mittelfristig nicht zu kalkulierenden Risiko“, so Kreissparkassenchef Horst Wanik in einer Pressemitteilung, mit der die Banker für einen Paukenschlag sorgen. Wanik watscht die Verantwortlichen im Rathaus ab: „Zahlreiche Verzögerungen ohne echte Fortschritte machen eine notwendig strukturierte Planung für die nächsten Jahre nicht möglich.“

Damit wird aus dem Desaster eine Lachnummer. Denn selbst Schlüchtern, wo es ähnliche Probleme gab, als das alteingesessene Kaufhaus Langer im Zentrum der Bergwinkelstadt die Türen schloss, ist deutlich weitergekommen. Dort ist bereits der Abriss vollendet und die Pläne werden umgesetzt.

In Gelnhausen ist dagegen in über acht Jahren außer vielen Ideen und Debatten nichts geschehen. Als 2015 die ersten Pläne auf dem Tisch liegen, mitten in der Kreisstadt das „Barbarossa Outlet-Center“ zu errichten, haben vor allem Einzelhändler in der Hanauer Region die Ohren gespitzt. Das hätte zu anderen Kundenströmen und Konkurrenz führen können. Heute wird darüber nur milde gelächelt.

Der Ärger ist daher groß im Gelnhäuser Rathaus. Das dürfte vor allem an der Wortwahl liegen, mit der Sparkassenchef Horst Wanik in einer Pressemitteilung das Aus verkündet und die politisch Verantwortlichen öffentlich bloßgestellt hat. Der Vorwurf: Magistrat und Stadtverordnetenversammlung hätten in den vergangenen beiden Jahren das Vorhaben verzögert. Flapsig zusammengefasst: Gelnhausen habe es verpennt, die Kreissparkasse als Investor im Boot zu halten.

Gelnhäuser Bürgermeister kontert die Vorwürfe

So kommt die Retourkutsche von Bürgermeister Daniel Christian Glöckner (FDP), der zusammen mit seinem neuen Ersten Stadtrat Volker Rode vor die Presse tritt. Glöckner ist selbst Mitglied im Verwaltungsrat der Kreissparkasse, scheint sehr verärgert, gibt sich aber diplomatisch und lacht auf die Frage, ob die Stadt Gelnhausen bereits ihre Bankverbindung geändert habe. „Wir haben mehrere Konten, unter anderem auch bei der Kreissparkasse.“

Der Rathauschef untermauert die Position der Stadt. Der Bumerang dürfte nun in der Chefetage der Kreissparkasse landen. „Ich kann die Vorwürfe so nicht stehen lassen“, sagt Glöckner und verweist darauf, dass auf Bitten der Bankkaufleute das Vorkaufsrecht dreimal verlängert worden sei.

Und er macht auch deutlich, dass die Bank, die sich in kommunalem Besitz befindet, immer wieder um eine Extrawurst gebeten habe. Vor allem beim Thema Parkplätze. „Die Sparkasse hatte gedacht, wir als Stadt sind für die Parkplätze zuständig. Das ist aber nicht so. Es ist der Bauherr, der die Stellplätze nachweisen muss.“ Doch die Stadt habe Entgegenkommen signalisiert und einen weiteren Investor gefunden, der schließlich ein Parkhaus bauen wollte. „Dann kam die Kreissparkasse auf einmal mit dem Vorschlag, selbst ein Parkhaus errichten zu wollen.“

Gelnhäuser Stadtrat Rode: „Das ist lächerlich“

Stadtrat Rode wird noch deutlicher: Die Bankkaufleute hätten sich wie bei der „Erscheinung des Messias“ aufgeführt, ohne die es keinen Fortschritt beim Thema JOH geben werde. Dass die Stadt nicht von der eigenen Satzung abweichen werde, unterstreicht Rode: „Wir können nicht die Bürger dazu verpflichten, bei Neubauten die Stellplätze vorzuhalten und dann eine Ausnahme machen. Was für Schmidtchen gilt, gilt auch für Schmidt“, sagt Rode, der von einer „unsäglichen Diskussion“ spricht. Will heißen: keine Extrawurst für Banker. Und die Argumente von Wanik bezeichnet er als „an den Haaren herbeigezogen“. Rode ist stinksauer: „Das ist ein abenteuerliches Geschäftsgebaren. Das ist mehr als lächerlich.“

Glöckner und Rode nehmen kein Blatt vor den Mund. Das Kreditinstitut, nur wenige Meter vom Rathaus entfernt beheimatet, habe nun „einen Vertrauensverlust“ zu befürchten. „Diese Art und Weise ist nicht akzeptabel“, sagt Glöckner. Gespräche mit Landrat Thorsten Stolz (SPD), dem Verwaltungsratsvorsitzenden der Sparkasse, habe er noch nicht geführt. „Das wird aber auf jeden Fall ein Thema in der nächsten Sitzung“, betont Glöckner, der die Banker nicht so schnell aus der Verantwortung entlassen wird, denn die haben ein Haus neben dem JOH-Gelände gekauft. Für rund 600 000 Euro.

Stadt Gelnhausen: Rund 300 000 Euro Schaden entstanden

„Dieses Haus fordern wir natürlich zurück“, sagt Glöckner, der zusammen mit dem Ersten Stadtrat vor allem über die finanziellen Folgen verärgert ist: „Wir haben einen Bebauungsplan aufgestellt, der nächste Woche verabschiedet werden sollte. Und just eine Woche vorher verabschiedet sich die Kreissparkasse“, sagt Glöckner. Rode nennt Zahlen: „Ich beziffere den Schaden auf rund 300 000 Euro.“

Und wie soll es nach acht Jahren Leer- und Stellstand weitergehen? „Wir haben einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung für eine europaweite Ausschreibung“, betont der Bürgermeister und gibt sich betont optimistisch, ganz nach dem Motto: Wenn es die Kreissparkasse nicht schafft, kann die Stadt auch ohne die Banker: „Ich habe schon eine E-Mail von einem Interessenten aus Frankfurt bekommen.“ Und an der Kinzig könne man sich neben Gewerbe und Büros auch eine Wohnbebauung vorstellen. Die einzige „Katastrophe“: Die Baukosten steigen und steigen. (Von Thorsten Becker)

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