Gibt es bald Freibier für den Kreistag?

Silja Voigt erobert für die PARTEI einen Platz im Kreistag – „Nicht den lustigen Clown machen“

„Haben ein gewisses Image“: Silja Voigt ist nach dem Wahlerfolg die neue Kreistagsabgeordnete der Satirepartei die PARTEI.
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„Haben ein gewisses Image“: Silja Voigt ist nach dem Wahlerfolg die neue Kreistagsabgeordnete der Satirepartei die PARTEI.

Main-Kinzig-Kreis – „Von uns erwartet man nicht so viel, deshalb glaube ich, dass wir viel zeigen können.“ Die 23-jährige Silja Voigt ist neue Abgeordnete im Kreistag des Main-Kinzig-Kreises. Als eine der Jüngsten im Gremium. Sie hat als Spitzenkandidatin der PARTEI, streng genommen „Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“, den Sitz errungen.

Main-Kinzig-Kreis – Mit 10 545 Stimmen. „Bei der ersten Sitzung in der Sport- und Kulturhalle Meerholz saß ich direkt hinter der AfD. Ich hatte nicht den schönsten Ausblick.“

Und generell: Mit der AfD-Fraktion schließe sie schon jetzt eine Zusammenarbeit für die Zukunft aus. „Und auch mit der CDU werde ich nicht auf einen Nenner kommen.“ Von dieser Fraktion habe sie, wie sie später sagt, auch keinen Vertreter im Rahmen der konstituierenden Sitzung begrüßt. „Zumindest kann ich mich an kein Mitglied dieser Fraktion erinnern.“

Alle anderen hätten sie „zum Teil sehr nett“ angesprochen, selbst die AfD sei aufgrund der Sitzaufteilung „gezwungen gewesen, sich mit mir zu befassen. Sie waren mir gegenüber aber nicht sehr freundlich gestimmt“. Die Sitzung selbst „war in gewisser Weise eher langweilig“.

Für die Groß- und Außenhandelskauffrau sei es, da sie bislang keine politische Erfahrung vorweisen könne und in deren Familie sich niemand politisch engagiere, ein erstes Kennenlernen gewesen: „Das ist Parlamentarismus, so läuft das also“. Ein Ausblick auf das, was auf sie zukomme, so Voigt. „Wobei ich hoffe, dass es spannender wird bei den Diskussionen.“

Ihre Reden will sie mit Unterstützung der Parteikollegen selbst schreiben

Überhaupt habe sie sich erst einmal schlaumachen müssen, „Und das geht vielen in meiner Generation so“, betont Voigt, die 2016 am Grimmelshausen Gymnasium ihr Abitur absolviert hat. Sie sieht es als eine Aufgabe, für mehr politische Bildung zu sorgen.

Vor ihrem ersten Redebeitrag werde sie schon Herzklopfen haben, vermutet die Gelnhäuserin. Zwar habe sie früher beim Modern Dance schon auf der Bühne gestanden und „am Grimmels“ auch Theater gespielt – „aber da hat man etwas Einstudiertes, da erhält man keine Widerworte“.

Ihre Reden jedenfalls wird sie selbst schreiben, wobei sie auf die Unterstützung ihrer Parteikollegen zählen kann. Dennoch: „Wenn ich einen Ghostwriter bezahlen könnte, würde ich es machen.“ Das Wahlergebnis, da ist sich Voigt sicher, liege„weniger an meiner Person als an der Partei, weil wir ein gewisses Image haben“.

„Viele wissen nicht, was sie wählen sollen. Und wir sind natürlich bekannt wegen Sonneborn und dem Satiremagazin ‘Titanic’. Man muss sich bei uns nicht so genau festlegen, das ist für junge Menschen zugänglicher. Von uns wird erwartet, dass wir humorvoll sind. Das spricht auch Jüngere an.“

Warum sie Spritzenkandidatin ist? - „Ich habe den kürzesten Weg“

Das habe sie selbst schließlich auch von einem Engagement in dieser Partei überzeugt. Ihre Wählerklientel vermutet sie deshalb auch unter denen, „die sich selbst und uns nicht zu Ernst nehmen und politisch wahrscheinlich eher links stehen. Sonst hätten wir, glaube ich, auch die falschen Leute erreicht“.

Dass sie selbst Spitzenkandidatin geworden sei, läge allem daran, „dass ich hier am nächsten dran wohne. Ich habe den kürzesten Weg“. Und tatsächlich hat sie nur ein paar hundert Meter Fußweg zum Plenarsaal zu bewältigen – vielleicht auf Rollschuhen, denn mit denen ist sie in Covid-Zeiten mit Begeisterung unterwegs, wo doch das Fitnessstudio geschlossen hat.

Die Jung-Parlamentarierin sieht dem Kommenden mit Gelassenheit entgegen: „Für mich ist noch nicht ganz klar, was ich fraktionslos als Einzelperson bewirken und mit wem ich vielleicht eine coole Zusammenarbeit zuwege bringen kann.“ Dafür, „den lustigen Clown zu machen“, stehe sie allerdings nicht zur Verfügung.

Sicher gebe es Ideen für lustige Anträge wie „Freibier für den Kreistag“. Und sicher sei Satire ein Stilmittel, das es einzusetzen gelte. „Aber das muss gut durchdacht und nicht stumpf sein.“ Bei Themen, mit denen andere Menschen verletzt würden, sei Satire ihrer Meinung nach nicht angebracht – weshalb sie beispielsweise von Satiriker Jan Böhmermann nicht alle Beiträge möge.

#allesdichtmachen fand sie nicht gut: „Zum Teil sehr überheblich“

Und auch die Beiträge zu #allesdichtmachen fand sie nicht gut. „Es ist sicher leicht, sich als jemand, der nicht so hart betroffen ist, dagegen auszusprechen. Ich genieße viele Privilegien, das ist mir auch bewusst. Aber ich fand die Beiträge zum Teil sehr überheblich.“

Inhaltlich seien die Themen noch nicht alle klar, um die sich die Jung-Abgeordnete kümmern wolle. Erneuerbare Energien werden wohl dazu gehören, auch das Thema „Sichere Häfen“. In der Schule, sagt sie, werden zu wenige aufklärerische Themen bearbeitet, von Geschlechterrollen bis hin zum Thema Drogenkonsum. Da gelte es, nachzuhaken.

Zudem sammeln die Parteimitglieder derzeit noch Ideen, wie sie ihre Social-Media-Auftritte bei Facebook, Instagram und Twitter verbessern könnten. „Eigentlich bin ich immer noch in dieser Blase: Och, mal schauen, was so kommt. Aber ich bin zuversichtlich, dass das gut werden kann.“ (Andrea Euler)

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