„Es gibt nichts Sensibleres als Daten“

Die Gratwanderung des Kreisgesundheitsamts zwischen Schutz und Aufklärungswünschen

Coronavirus - Schweiz
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Fachkenntnis und Feingefühl: Wer am Corona-Telefon sitzt wie die Mitarbeiter des Kreisgesundheitsamtes oder hier eine Mitarbeiterin einer Hotline in der Schweiz, braucht einen langen Atem.

Es ist eine tägliche Gratwanderung, die die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes derzeit vollführen müssen: Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen Bürger hochsensible Daten zugänglich machen, damit sie Infektionsketten nachvollziehen und den Ursprung einer Infektion mit dem Covid-19-Erreger ausfindig machen können.

Auch sollen ihnen Betroffene in Quarantäne die Ergebnisse von Temperaturmessungen anvertrauen und mögliche Symptome schildern. Gleichzeitig aber muss das Gesundheitsamt für den Schutz der Bevölkerung sorgen. Also dafür, dass möglicherweise Schulen oder Kitas geschlossen werden oder – weil die Lage noch nicht als sicher genug eingeschätzt wird – dass Schwimmbäder oder Sportanlagen noch nicht geöffnet werden sollten. Der Druck aus der Bevölkerung und von jenen, die nicht erkrankt sind und sich schützen wollen, ist groß. Am liebsten wüsste jeder gerne, welcher Nachbar sich vielleicht angesteckt hat und jede Mutter, welches Kind in der Kita des eigenen Sprösslings Symptome zeigt.

 „Die Menschen´, die mit Covid-19 infiziert sind, sind keine Verbrecher“, betont die für das Gesundheitsressort zuständige Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) im Gespräch mit unserer Zeitung. „Es geht nicht ums Thema Schuld, es geht uns als Gesundheitsamt darum, die Infektionsketten zu unterbrechen.“ 

Kreisgesundheitsamtleiter Dr. Siegfried Girnat zeigt Verständnis

Um zu verdeutlichen, wie sensibel Gesundheitsdaten sind, verweist sie auf andere Viruserkrankungen. Würde man Corona durch HIV ersetzen, wäre manchem klarer, weshalb das Gesundheitsamt so sorgfältig über diese Daten wacht, sagt sie. Weshalb aber erhalten beispielsweise nicht Behörden, Polizei oder Feuerwehr vorsorglich die Namen und Daten von Infizierten? Schließlich sollten sie doch vor Einsätzen, etwa vor Hausdurchsuchungen oder Festnahmen, wissen, ob sie auf einen Erkrankten treffen? 

Mit dieser Frage konfrontiert, zeigt der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Dr. Siegfried Girnat, großes Verständnis für den Wunsch von Behörden und Einzelpersonen, sich zu schützen. Rettungskräfte, Polizei und Feuerwehr, die bei ihrer Tätigkeit wie andere Berufsgruppen auch derzeit mit Schutzmaßnahmen arbeiten, können seinen Worten zufolge immer beim Gesundheitsamt anrufen, um vor einem Einsatz zu erfragen, ob sie Gefahr laufen sich anzustecken. 

Wird ein Kind krank, so wird zunächst nur der Schulleiter informiert

Und das geschehe auch. Nachts sei dies über die Rettungsleitstelle möglich und auch schon vor Corona geübte Praxis, versichert er: „Natürlich bekommt zum Beispiel die Polizei anlassbezogen die Daten, wenn das nötig ist“.Doch müsse man da sehr genau abwägen, betont er: „Ich habe schon Schulamt, Politik, Schulen und Ordnungsämter frustrieren müssen.“ 

Wenn ein Kind erkrankt ist, erfährt das erst einmal nur der Schulleiter, der vom Gesundheitsamt wiederum zum Schweigen verpflichtet werde. Ihm obliege dann das weitere Vorgehen in der Schule in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt, dem Staatlichen Schulamt und auch dem Schulträger. Natürlich werden auch die Eltern möglicher Kontaktpersonen eingebunden Die Öffentlichkeit werde erst dann informiert, wenn es einen Ausbruch gebe. Von einem Ausbruch, so ein Pressesprecher des Kreisgesundheitsamtes, spreche man, wenn eine Person infiziert sei und mindestens eine weitere angesteckt habe. 

Mitarbeiter rücken zur Verstärkung des Teams auf

Das Grundrecht auf den Schutz der persönlichen Daten dürfe nur dann eingeschränkt werden, wenn es zur Verhinderung der Weiterverbreitung einer Infektion notwendig sei. Das heißt, dass er im Einzelfall Namen herausgeben müsse. Jedoch immer nach einer sorgfältigen Einzelfallprüfung. Da mit der Corona-Infektion eine Fülle von Aufgaben auf das Kreisgesundheitsamt zukam, musste das Amt personell aufgestockt werden. War der Bereich Hygiene bis dahin mit 13 bis 14 Personen besetzt, wurde diese Zahl auf bis zu 80 erhöht. Hinzu kommen noch über 100 Personen am Bürgertelefon und hinter der Internet-Plattform Coronanetz. Schließlich ist das Nachverfolgen von Kontakten, die ein Infizierter hatte, eine ebenso aufwendige Geschichte wie etwa die regelmäßige Verbindung zu den Menschen in Quarantäne. Diese waren und sind täglich anzurufen, um mit ihnen über ihr Befinden und mögliche Symptome zu sprechen. 

Zur Verstärkung des Teams rückten viele Mitarbeiter aus der Verwaltung auf, die Erfahrung aus früheren Tätigkeiten in medizinischen Berufen oder als Rettungsassistenten hatten, gewährt Girnat Einblick in die Personalpolitik. „Es ist am Ende Detektivarbeit“. Mit diesen Worten beschreibt er die mühselige und zeitaufwendige Recherche. 

Nicht nur Fachkenntnis ist gefordert - auch Fingerspitzengefühl

Dem Amtsleiter zur Seite steht der Arzt Dr. .Christoph Höhn, der immer wieder bei „Ärzte ohne Grenzen“ zu Einsätzen in Krisengebieten unterwegs war, unter anderem zu Zeiten von Ebola und Sars.. Wer getestet wurde und vom Gesundheitsamt einen positiven Bescheid erhält, hat meist Gesprächsbedarf. Er will wissen, wie er sich verhalten muss, wie er seine Familie schützen kann, wann er möglicherweise in die Klinik muss. 

Das erfordert neben Fachkenntnissen auch viel Fingerspitzengefühl. Und ohne Vertrauen darauf, dass die Gesundheitsbehörde nicht als Polizei auftritt sondern als Helfer, Ratgeber und Krankheitsmanager, offenbaren sich die Bürger nicht, macht Susanne Simmler deutlich. Menschen die eine Party gefeiert haben zu Zeiten, als dies noch nicht zulässig war, die sich im Park mit Gruppen trafen oder anderes unternahmen, was während der Kontaktsperre nicht zulässig ist, sollen ja mit dem Gesundheitsamt Kontakt aufnehmen, wenn klar ist, dass sich dort ein Infizierter aufgehalten hat.. Inzwischen testet das Gesundheitsamt die Bürger häufiger als in der Anfangszeit. 

Nicht nur jede Person mit Atemwegsbeschwerden oder Geruchsverlust, sondern auch jede ihrer Kontaktpersonen werde auf das Virus getestet, erklärt Girnat: „Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir jede Infektionskette nachvollziehen können“, sagt Girnat. Doch das gelinge auch in der Zukunft nur, wenn jeder Bürger eigenverantwortlich mit dem Thema und den Schutzmaßnahmen umgehe.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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