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Großkrotzenburg feiert 50 Jahre Verschwisterung mit dem französischen Achères

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Von: Christine Semmler

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Das Partnerschaftskomitee pflegt die Freundschaft zu Achères seit fünf Jahrzehnten. Vergangene Woche wurde ein neuer Vorstand gewählt: Reiner Bäuml (zweiter Kassierer), Nicole Köhler (stellvertretende Vorsitzende), Heike Syha (erste Kassiererin), Gerda Visser (Vorsitzende), Karin Fairburn (Schriftführerin, von links).
Das Partnerschaftskomitee pflegt die Freundschaft zu Achères seit fünf Jahrzehnten. Vergangene Woche wurde ein neuer Vorstand gewählt: Reiner Bäuml (zweiter Kassierer), Nicole Köhler (stellvertretende Vorsitzende), Heike Syha (erste Kassiererin), Gerda Visser (Vorsitzende), Karin Fairburn (Schriftführerin, von links). © -

„Mich hat es immer interessiert, die Menschen und die Kultur kennenzulernen“, sagt Gerda Visser. Sie und ihre Tochter Heike Syha engagieren sich seit über 30 Jahren für die deutsch-französische Freundschaft. Und das, obwohl Visser kein Französisch spricht. „Ich hatte aber noch nie Schwierigkeiten, mich in Frankreich zurechtzufinden“, sagt sie.

Syha reiste mit 13 zum ersten Mal nach Achères, um ihr damals „katastrophales Französisch“ vor Ort aufzubessern. „Mich hat die Nähe zu Paris gereizt“, sagt sie. Der 21 000-Einwohner-Ort liegt nur rund 20 Kilometer von der Metropole entfernt. Drei Jahre später, im Jahr 1988, saß sie bereits im Vorstand des Partnerschaftskomitees, das neben der Verschwisterung mit Achères auch die Partnerschaft zum schwedischen Torsby betreut.

Ihre Mutter stieß 1991 dazu. Zur Frankreich-Begeisterung der beiden Frauen und aller anderen Aktiven im Komitee hat wohl vor allem Guy Maliverney beigetragen. „Er hat uns das Land auf eine ganz besondere Weise näher gebracht“, erzählt Visser. Der gebürtige Franzose und Wahl-Großkrotzenburger ist inzwischen 84 Jahre alt und Ehrenvorsitzender im Komitee. Er – und der allererste Vorsitzende Heinz Schikora – hätten den 1979 gegründeten Verein zu dem gemacht, was er heute ist, betonen sie.

Dass die Gemeinde in diesem Jahr auf 50 Jahre Verschwisterung mit dem französischen Achères zurückblicken kann, hat einen tragischen Hintergrund. Die Freundschaft nahm ihren Anfang in einem schweren Verkehrsunfall im Juni 1971. Vier französische Schwimmer verunglückten auf dem Weg zu einem Wettbewerb in Großkrotzenburg, als sie mit einem verkehrswidrig überholenden Pkw kollidierten.

Zwei Insassen starben. Die beiden anderen kamen schwer verletzt in Hanauer Krankenhäuser. Einer davon, der 23-jährige Gerard Dumont, stammte aus Achères. Seine besorgten Eltern, die nach Deutschland reisten und blieben, bis ihr Sohn genesen war, wurden von den Großkrotzenburgern mit großer Gastfreundschaft aufgenommen.

Bindeglied zwischen Gemeinde, Vereinen und Anwohnern

Wenig später bedankte sich der Achèraner Bürgermeister Roger Belis bei seinem deutschen Amtskollegen und schlug eine Verschwisterung vor. Im Mai 1972 wurde sie in einer Charta besiegelt. Im gleichen Jahr gründete die französische Seite ein „Comité de Jumelage“, sieben Jahre später zog Großkrotzenburg mit dem Partnerschaftskomitee nach. Der Verein hat die Aufgabe, alle Beschlüsse der Verwaltung, die die Zusammenarbeit mit den Partnerstädten betreffen, umzusetzen. Seit 1991 hat das Komitee seinen festen Sitz im Theodor-Pörtner-Haus.

Abschied der Achèraner Freunde: Der Bus fährt nach dem Besuch des Großkrotzenburger Oktoberfestes in den Siebziger Jahren zurück nach Frankreich.
Abschied der Achèraner Freunde: Der Bus fährt nach dem Besuch des Großkrotzenburger Oktoberfestes in den Siebziger Jahren zurück nach Frankreich. © PM

Der Verein sieht sich als Bindeglied zwischen Gemeinde, Vereinen und Einwohnern. Seine Aufgabe ist es, kulturelle, sportliche und touristische Begegnungen mit Torsby und Achères zu organisieren. Seit Visser den Vorsitz übernommen hat, legt sie großen Wert darauf, dass nicht nur „die Offiziellen“ von den Partnerschaftsaktivitäten profitieren, etwa durch Festessen oder teure Geschenke. „Mir ist es ganz wichtig, die Bevölkerung einzubinden“, sagt sie. Der Verein verschenkt deshalb zum Jubiläum zwei „Bambelbänke“, die in Achères und Großkrotzenburg öffentlich aufgestellt werden sollen.

Um die jährlichen Aufgaben zu stemmen, braucht der Verein jährlich mehrere Tausend Euro. Die Gemeinde gibt einen Zuschuss von 3000 Euro jährlich, hinzu kommen Mitgliedsbeiträge und Spenden. Der Verein versucht auch von Fördertöpfen, beispielsweise für Europaangelegenheiten, zu profitieren. Im Jubiläumsjahr ‘22 wird es nämlich noch etwas teurer. Mindestens 18 000 Euro, schätzt Visser, wird die Umsetzung der Feierlichkeiten kosten.

Vorbereitungen auf Limesmarkt

Eigentlich sollte die erste Begegnung im Jubiläumsjahr an Christi Himmelfahrt in Achères stattfinden. Die geplanten Feierlichkeiten in der Partnerstadt wurden aber aufgrund klammer Kasse ganz kurzfristig abgesagt. Ein Schlag für das hiesige Komitee, das schon alle Vorbereitungen getroffen hatte. „Glücklicherweise hatte ich die Fahrkarten noch nicht gekauft“, sagt Heike Syha.

Partnerschaftsbesiegelung am 21. Mai 1972 in Achères: Der Bürgermeister Roger Belis (sitzend) und sein Großkrotzenburger Amtskollege Alfred Rodewald (links).
Partnerschaftsbesiegelung am 21. Mai 1972 in Achères: Der Bürgermeister Roger Belis (sitzend) und sein Großkrotzenburger Amtskollege Alfred Rodewald (links). © -

Nun bereitet sich die Großkrotzenburger Seite auf den Limesmarkt vom 16. bis 19. September vor, zu dem die 50-jährige Freundschaft groß gefeiert werden soll. Freitags reisen die Gäste aus der Partnerstadt an. Trotz öffentlichem Aufruf haben sich nicht genügend private Quartiere gefunden: „Wir haben deshalb Mobilheime auf dem Campingplatz reserviert“, sagt Visser. Für Samstag sind die akademische Feier sowie ein binationaler Workshop der Judokas geplant. Am Sonntag besucht die Delegation den Limesmarkt und die Highland-Games.

Gegenbesuch beim Selleriefest

Der Limesmarkt soll unter dem Zeichen der Freundschaft stehen: Viele Stände und Vereinsaktionen widmen sich der französischen Lebensart. Der Backverein backt zum Beispiel französisches Brot, der Brauer „G-Town-Beer“ bietet ein besonderes Gebräu an. Die Gewerbetreibenden sind aufgerufen, ihre Schaufenster nach französischem Motto zu gestalten. In der Galerie Colibri soll es von 18. bis 25. September eine Ausstellung Achèraner Künstler geben. Auch Aktionen für Kinder und Jugendliche gehören dazu, etwa eine Postkartenaktion oder ein Kunstprojekt zum Thema deutsch-französische Freundschaft.

Zum Gegenbesuch fahren die Großkrotzenburger dann vom 29. September bis 3. Oktober zum Selleriefest in Achères, einem Landwirtschaftsfest mit langer Tradition. 50 Jahre Verschwisterung: Das bedeutet, die Schlüsselperson, der Schwimmer Gerard Dumont, müsste inzwischen 73 Jahre alt sein. Was aus ihm und seiner Familie geworden ist? „Das wissen wir nicht“, sagt Gerda Visser. „Wir haben später leider nichts mehr von ihnen gehört.“ (Christine Semmler)

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