Ein Stock ist nicht nur ein Stock

Waldkita Großkrotzenburg feiert ihren fünften Jahrestag

Wilde Kreuzkröten: Die Erzieher Simon Milaner, Susanna Hartmanshenn und Sophie Patzschke (von links) mit buddelfreudigen Schützlingen.
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Wilde Kreuzkröten: Die Erzieher Simon Milaner, Susanna Hartmanshenn und Sophie Patzschke (von links) mit buddelfreudigen Schützlingen.

Leicht zu finden sind sie nicht, die „Wilden Kreuzkröten“. Der Weg vom Parkplatz des Kreuzburggymnasiums führt über einen holprigen Feldweg am Waldrand entlang. Aus der Ferne sind Kinderstimmen zu hören. Ein schmaler Pfad biegt in den Buchenwald ab. „Halt! – Du darfst hier nicht rein! Wer bist du?“ Fünf wilde Kreuzkröten haben gut aufgepasst.

Jetzt erwarten sie eine Antwort – und Wegezoll. Bis zu 20 Kinder zwischen zweieinhalb und sieben Jahren kommen morgens mit ihren Eltern zum Sammelplatz. Hier steht eine kleine Hütte, in der Tische, Bänke, ein paar Werkzeuge wie Schaufeln und Materialien wie Stifte lagern. Ansonsten ist die Waldkita „spielzeugfrei“.

Während die Jungen und Mädchen sich einfinden, alleine klettern oder mit Freunden nach Schätzen wie Dinoknochen suchen, nutzen Erzieher und Eltern gerne die Zeit zum „Tür- und Angel-Gespräch“. Dabei lassen die Erzieher Susanna Hartmanshenn, Lucia Bohländer, Sophie Patzschke und Simon Mildner ihre Schützlinge nicht aus den Augen. Sie sind zur Stelle, wenn Unterstützung nötig ist.

Elf Kitas in verschiedenen Kommunen

Was auf den ersten Blick wie ein lockeres Abenteuer im Wald aussieht, folgt einer klaren pädagogischen Kon-zeption, die seit vielen Jahren in den Waldkitas in Trägerschaft des AWO Ortsverein Obertshausen weiterentwickelt wird. Vor 20 Jahren bereits gab eine Elterninitiative in Obertshausen den Anstoß zur Gründung eines Waldkindergartens. Inzwischen sind unter dem Dach der AWO Obertshausen elf Waldkitas in verschiedenen Kommunen entstanden. „Wir folgen einer Tages-, Wochen- und Jahresstruktur. Das gibt den Kindern Sicherheit und Halt“, so Hartmanshenn. Innerhalb dieses Rahmens haben die Kinder viele Möglichkeiten, sich einzubringen, eigenständig zu entscheiden und sich zu entwickeln.

Der Tag beginnt mit dem Morgenkreis. In das Begrüßungslied ist auch die Natur eingebunden. „Wie viele Kinder sind da, wer fehlt heute?“ ist die erste Frage. Ein Kind zählt die Anwesenden, gemeinsam wird der Zahlenraum bis 20 spielerisch erarbeitet. Die Kinder, die fehlen, werden mit Namen benannt und oft auch erklärt, warum sie nicht da sind. Gerade macht ein Kind der Gruppe mit seinen Eltern eine Weltreise; er hat sich aus Mexiko bei seinem Freund in Großkrotzenburg gemeldet. „Dort ist es sehr warm. Matthew kann im Pool schwimmen.“ Für das Team ist dies ein guter Anknüpfungspunkt für eine Fantasieweltreise.

Kinder lieben den Regen

Zum Start in den Tag gehören für die wilden Kreuzkröten Körperübungen. Die Kinder machen selbst vor, was sie können. Anschließend beratschlagen sie, welchen ihrer Waldplätze sie aufsuchen wollen. Schnell vergeht die Zeit und um 10 Uhr darf das Frühstück ausgepackt werden. „Wir achten darauf, dass die Kinder ein gesundes Frühstück in ihrer Box mitbringen“, so Erzieherin Hartmanshenn. Den Eltern werde einiges an Zusammenarbeit abverlangt, dafür aber würden sie fitte, gesunde und ausgeglichene Kinder in Empfang nehmen. An Re-gentagen sind es auch mal „Wilde Erdkröten“. Die Kinder lieben den Regen. Das Wasser sammelt sich in Ei-mern, Tonnen und Pfützen. Die Jungen und Mädchen machen spannende Naturbeobachtungen und haben viel Spaß beim Schöpfen, Matschen und Mischen. Nur bei Sturm und ganz eisigen Temperaturen nutzt die Gruppe als Ausweichquartier die nahe gelegenen Räume des Nabu.

Motorisch fit und seltener krank

Die Kinder sind motorisch fit und auch seltener krank – die Erzieher übrigens auch. Auch der Lärmpegel ist bei weitem nicht so hoch, was einigen Kindern sichtlich guttut. Der Umgang mit der Natur, mit Bäumen, Sträuchern und Tieren, ist Wertschätzung ein ganz zentrales Thema in der Waldkita.

Hier im Wald brauchen die Kinder keine Spielsachen. Es gibt Werkzeuge wie Schau-feln, Wolle oder Seile und Stifte. Gerade das fördert Kreativität und Fantasie, regt zu Rollenspielen an und un-terstützt die Sprachentwick-lung. „Ein Stock kann alles sein: Rührlöffel, Speer oder Ruder. Die Kinder müssen sich immer zuerst darüber verständigen.“, erläutert Hartmanshenn das sprach-fördernde Potenzial des Konzepts.

Erfolgsmodell in Großkrotzenburg

Sprache, Bewegung, Kreativität und Ästhetik, Rhythmus, Rituale und Stille sind die Schwerpunkte in der Waldkita. Das Konzept wird durch Projekte, Ausflüge und Feste ergänzt. Zu den Besonderheiten in Großkrotzenburg gehören die Zusammenarbeit mit einer Logopädin, eine tiergestützte Pädagogik mit Hund Zuza oder das begleitete Malen im Wald nach Arno Stern. Die Waldkita „Die wilden Kreuzkröten“ gibt es seit September 2016. Sie ist ein Erfolgsmodell auch in Großkrotzenburg und für die nächsten drei Jahre praktisch ausgebucht. Jetzt feiert sie ihren fünften Geburtstag mit einem Familienfest in einem überschaubaren Rahmen. „Vielleicht feiern wir nächstes Jahr fünf Jahre und 365 Tage mit einem öffentlichen Fest, sagte Hartmanshenn. „Wir bleiben flexibel.“

Waldkita der AWO-Obertshausen „Die wilden Kreuzkröten“ in Großkrotzenburg, Niederwaldstraße, Telefon: 06104 / 95364436,  awo-obertshausen.de (Ulrike Pongratz)

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