Infektionsfälle

Corona-Ausbruch im Altenheim: Kreis muss einschreiten

Chaotische Zustände: Im Seniorenheim Theresa in Großkrotzenburg sind nahezu 100 Bewohner und Beschäftigte positiv getestet worden.
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Chaotische Zustände: Im Seniorenheim Theresa in Großkrotzenburg sind nahezu 100 Bewohner und Beschäftigte positiv getestet worden.

Im Seniorenheim Theresa in Großkrotzenburg haben sich viele Bewohner und Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert. Sieben Bewohner sind bereits verstorben. Das Gesundheitsamt hat eklatante hygienische Mängel festgestellt.

Großkrotzenburg – Die letzte Zeit ihres Lebens wollten Heinrich und Barbara Zeller nach 68 Ehejahren wieder gemeinsam verbringen. Deswegen ging der 89-Jährige nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr zurück in seine Großkrotzenburger Wohnung, sondern zog am 2. Dezember 2020 gleich ins Seniorenheim Theresa in Großkrotzenburg. Dort wartete bereits seine an Demenz erkrankte Frau Barbara (90) auf ihn. Sie lebte bereits seit April vergangenen Jahres in dem Heim, in dem sie nach Ansicht ihres Sohnes Horst eine optimale Betreuung erhielt. „Dass sie wieder zusammenkommen, das war der größte Wunsch meiner Eltern“, berichtet Horst Zeller.

Viel Zeit blieb seinen Eltern jedoch nicht mehr. Erst verstarb Vater Heinrich am 12. Dezember auf der Intensivstation des Klinikums in Hanau, vier Tage später auch seine Mutter Barbara. Beide hatten sich im Seniorenheim Theresa in Großkrotzenburg mit Covid-19 infiziert.

Mängel in Seniorenheim in Großkrotzenburg – mit weiteren Todesopfern muss gerechnet werden

In dem privat geführten Heim wurden bis jetzt mehr als 50 Bewohner positiv getestet, sieben Bewohner sind bisher nach Angaben des Main-Kinzig-Kreises gestorben, es sei damit zu rechnen, dass die Zahl noch steige, so die Pressestelle des beim Kreis angedockten Gesundheitsamtes.

Zumindest sein Vater könnte heute noch leben, glaubt Horst Zeller. Denn bereits bevor der 89-Jährige am 2. Dezember sein Zimmer in dem Altenheim bezog, habe es Verdachtsfälle gegeben, die erste Covid-19-Meldung ging beim Gesundheitsamt in Gelnhausen bereits am 1. Dezember ein, also einen Tag bevor Heinrich Zeller ins Heim zog. Am selben Tag wurde nach Angaben der Kreispressestelle auch ein Besuchsverbot für das Seniorenheim erlassen.

„Darüber wurden wir von der Heimleitung jedoch nicht informiert. Ansonsten hätte ich meinen Vater doch niemals ins Heim, sondern ihn erst einmal wieder zurück in seine Wohnung gebracht“, sagt Horst Zeller. Dass sich Heinrich Zeller woanders infiziert hat, hält er für ausgeschlossen. Unmittelbar vor der Entlassung aus dem Krankenhaus sei sein Vater zweimal negativ getestet worden. Die Tests musste er im Heim auch vorlegen.

Die Heimleiterin stellt die Situation so dar: Herr Zeller sei über das gemeldete Ausbruchsgeschehen am Abend des 2. Dezember gegen 18.30 Uhr von der diensthabenden Pflegefachkraft hingewiesen worden. Er habe die Einrichtung von da an nicht mehr betreten dürfen. Sein Vater sei jedoch bereits am Mittag des gleichen Tages eingezogen. Der Ansprechpartner des Gesundheitsamtes sei ebenfalls am 2. Dezember schriftlich in Kenntnis gesetzt worden. Von Seiten des Amtes sei am 6. Dezember als erste Reaktion eine Namensliste angefordert worden. „Da keine weitere Rückmeldung hinsichtlich Hygienemaßnahmen benannt wurden, wurde in der Zwischenzeit als weitere Maßnahme in Eigenregie eine Ärztin zur Testung aller Bewohner und Mitarbeiter organisiert“, so die Heimleiterin.

Sind beide an Covid-19 gestorben: Barbara und Heinrich Zeller. Die Veröffentlichung dieser Aufnahme erfolgte auf Wunsch des Sohnes. (ARCHIV)

Seniorenheim in Großkrotzenburg: Situation hat sich von Tag zu Tag verschlechtert

Die Situation habe sich in der Einrichtung von Tag zu Tag verschlimmert. Schnelltests standen nach Informationen unserer Zeitung nicht zur Verfügung, auch an anderen Instrumenten, die präventiv gegen die Verbreitung des Coronavirus in den Heimen eingesetzt werden, habe es gemangelt. Offenbar wurden die Schnelltests aus Kostengründen nicht angeschafft. Später gab es dann kaum noch Personal, das diese Tests hätte durchführen können, weil zunehmend Mitarbeiter aus allen Bereichen an dem Virus erkrankten oder positiv getestet wurden. Mit der zunehmenden Zahl von Infizierten, die Rede ist von rund 50 Beschäftigten, habe sich die Situation im Heim zunehmend verschlechtert. Nach Ansicht von Horst Zeller haben die noch verbliebenen fünf gesunden Mitarbeiter und die Pflegedienstleitung alles getan, was in ihrer Macht gestanden habe. „Aber ihnen haben die Mittel gefehlt“, sagt er. „Da ging nichts mehr.“

Eklatante Mängel in Seniorenheim: Wie konnte es so weit kommen?

Die Situation eskalierte, als am Freitag, 11. Dezember, gleich acht Rettungswagen über den Tag verteilt zum Seniorenheim gerufen wurden. Laut Kreispressestelle wurden insgesamt zwölf Bewohner in die Klinik gebracht. Recherchen unserer Zeitung zufolge stießen die Rettungskräfte auf chaotische Zustände im Heim. „Das wäre eigentlich ein Fall für den Katastrophenschutz gewesen“, berichtete eine Einsatzkraft, die an dem Tag dabei war.

Das streitet die Heimleitung ab: Man habe sich streng an die Vorgaben des behördlichen Pandemiekonzeptes sowie des Gesundheitsamtes gehalten.

Die Frage lautet: Wie konnte es so weit kommen? Der Kreis verweist darauf, dass Anweisungen des Gesundheitsamts nicht umgesetzt worden seien. Es habe konkrete Warnungen einer behandelnden Ärztin sowie eine Mängelliste des Gesundheitsamtes gegeben.

Seniorenheim in Großkrotzenburg: „Eklatante hygienische Mängel“ aufgedeckt

Seit der ersten Covid-19-Meldung am 1. Dezember habe man mit der Einrichtung kontinuierlich in Kontakt gestanden: Am 2. Dezember sei ein Besuchsverbot angeordnet und am 9. Dezember dann die Quarantäne für das gesamte Haus erlassen worden. Unter anderem habe das Gesundheitsamt maßgeblich mitgewirkt, um die notwendigen Tests zu organisieren. Auch seien eine Hygienefachkraft sowie das Team Pflege mehrmals vor Ort gewesen, um fachlich zu beraten. Auch eine Begehung mit Vertretern des Robert-Koch-Institutes habe stattgefunden.

Aus den diversen Begehungen und Ermittlungen hätten sich gerade mit Blick auf das Coronavirus „eklatante hygienische Mängel“ ergeben. „Abstands- und Kontaktregeln wurden nicht eingehalten, Schnelltests nicht eingesetzt und auch andere präventive Maßnahmen nicht konsequent befolgt“, heißt es in einer Stellungnahme des Gesundheitsamts. Quarantäneauflagen des Gesundheitsamtes und weitere Hilfestellungen seien nicht – oder in der Vergangenheit nur unzureichend umgesetzt worden, heißt es weiter.

Auch das streitet die Heimleitung ab: „Eklatante Mängel oder Verstöße in meiner Einrichtung sind mir nicht bekannt. Insbesondere verfügen wir über ausreichende Mittel, wozu selbstverständlich auch Schnelltests zählen“, so die Leiterin.

Interventionsteam hat Organisation übernommen

Auf Bestreben des Main-Kinzig-Kreises war gestern erstmals die zuständige Betreuungs- und Pflegeaufsicht Hessen mit Sitz in Fulda in Großkrotzenburg vor Ort. Auch soll seit gestern ein Kriseninterventionsteam des Kreises helfen. Es gelte nun, die Extremsituation zu organisieren. Auch für zum Beispiel alltägliche Dinge wie die Organisation der Mahlzeiten und die Reinigung der Wäsche müssten kurzfristige Lösungen gefunden werden, teilte der Kreis mit.

Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen die Seniorenheime im besonderen Fokus. Beim ersten Lockdown wurden die Kontakte der Bewohner zu ihren Familien praktisch komplett gekappt. Auch jetzt gelten erhebliche Besuchseinschränkungen.

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