Großkrotzenburg: Hätte Abschiebung die Bluttat verhindert?

Mutmaßlicher Messerstecher bereits wegen versuchten Totschlags verurteilt

Tatort Schulstraße: Am Mittwochabend ist ein 25-Jähriger an den Folgen von Messerstichen gestorben.
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Tatort Schulstraße: Am Mittwochabend ist ein 25-Jähriger an den Folgen von Messerstichen gestorben.

Ein 25 Jahre alter Mann aus Afghanistan ist erstochen worden. Das Kapitalverbrechen vom Mittwochabend (wir berichteten), wirft viele Fragen auf. Denn der mutmaßliche Täter, Abdiqadir M. (33), ist ein einschlägig vorbestrafter Gewaltverbrecher, der nach der vollständigen Verbüßung seiner Freiheitsstrafe nach vorliegenden Informationen bereits 2019 aus dem Gefängnis entlassen worden ist.

Großkrotzenburg/Hanau/Maintal – Nachdem die Justiz alles getan hat, stellt sich nun die Frage: Warum ist M. von den zuständigen Behörden der Exekutive nicht abgeschoben worden?

Eine HA-Anfrage beim Main-Kinzig-Kreis, bei dem die Ausländerbehörde angesiedelt ist, erbringt keine Antwort. Dort geht die Bürokratie offenbar in volle Deckung und versucht, sich hinter den Paragrafen des Datenschutzgesetzes zu verstecken: „Der Main-Kinzig-Kreis kann aus datenschutzrechtlichen Gründen keine näheren Angaben zu dieser Person machen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme aus dem Landratsamt in Gelnhausen.

Eine Anfrage bei der Pressestelle des Regierungspräsidiums in Darmstadt kann am Donnerstag bis Redaktionsschluss noch nicht beantwortet werden. Die Fragen lauten: Weshalb ist M. nach der Verbüßung seiner Freiheitsstrafe und seiner Entlassung aus der Haft im Jahre 2019 nicht in sein Heimatland abgeschoben worden? Wer ist in diesem Fall zuständig? Wer hat die Unterbringung von M. in der Einrichtung in Großkrotzenburg angeordnet?

Die Hanauer Justizbehörden haben dagegen zahlreiche Fragen beantwortet zu dem, was an diesem Abend in Großkrotzenburg geschehen ist. Nach den bisherigen Ermittlungen kommt es gegen 18 Uhr in der Flüchtlingsunterkunft an der Schulstraße 6 zu einem Streit zwischen den beiden Männern. Dabei soll M. zu einem Messer gegriffen und auf seinen Kontrahenten eingestochen haben.

Motiv für die Tat gibt es bislang nicht

Weitere Bewohner sowie ein für die Unterkunft zuständiger Mitarbeiter der Gemeinde gelingt es, den bewaffneten Täter zu überwältigen und festzuhalten. Sie übergeben den 33-Jährigen der ersten Polizeistreife.

Für den 25-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. „Er hat wohl mehrere Stichverletzungen erlitten. Trotz sofortiger Reanimation konnte ein Notarzt nur noch den Tod des Mannes feststellen“, berichtet Dominik Mies, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Hanau.

Ein Motiv für die Tat steht bislang nicht fest. „Dazu liegen uns noch keine gesicherten Erkenntnisse vor“, so Mies. Bis in die Nacht zum Donnerstag sind Beamte von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft sowie Mitarbeiter der Spurensicherung am Tatort mit der Sicherung von Beweisen beschäftigt.

Am Donnerstagnachmittag wird M. auf Antrag der Staatsanwaltschaft dem Hanauer Amtsgericht vorgeführt, das den 33-Jährigen wegen des Verdachts des Totschlags in Untersuchungshaft schickt. Es nicht das erste Mal, dass M. hinter Schloss und Riegel sitzt. Vor rund sieben Jahren ist das schon einmal der Fall gewesen. Rückblende. 28. November 2013: In der Asylbewerberunterkunft an der Neckarstraße in Maintal-Dörnigheim kommt es am Abend zu einem lautstarken Streit zwischen dem damals 26-jährigen M. und seinen Mitbewohnern, vor allem einen 19-jährigen Landsmann.

Seit der Tat in Untersuchungshaft

Die Ursache ist fast eine Lappalie. Die Männer streiten über die Beleuchtung in dem gemeinsam genutzten Raum. Die einen wollen Licht, die anderen es lieber ausgeschalten haben. Eine Streife der Maintaler Polizei ist vor Ort und schlichtet den Streit zunächst.

Kurz darauf eilen die Beamten erneut an die Neckarstraße, denn M. hatte zu einem Messer gegriffen und seinem Kontrahenten in den Rücken gestochen. Die schweren Folgen: Der 19-Jährige erleidet einen Stich in die Lunge und schwebt mehrere Tage in Lebensgefahr. Es sei nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass das Opfer diesen Angriff überlebt habe, heißt es damals von den Ermittlungsbehörden. M. ist seit der Tat zunächst in Untersuchungshaft.

Am 17. Juni 2014 verkündet die 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht Hanau das Urteil, über das der HANAUER ANZEIGER berichtet: Wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher Körperverletzung wird M. zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt.

2019 nach fünfeinhalb Jahren aus dem Gefängnis entlassen

Die Staatsanwaltschaft hatte wegen versuchten Mordes eine Strafe achteinhalb Jahren gefordert. Über die weiteren möglichen Konsequenzen berichten der HA sowie die „Frankfurter Rundschau“ unisono: „Wenn das Urteil rechtskräftig wird, müsste der Angeklagte die Hälfte seiner Strafe verbüßen und dann mit der Abschiebung nach Somalia rechnen.“ Dies, so der damalige Ankläger, sei „gängige Praxis“.

Bericht aus dem Juni 2014: Das Urteil gegen M. ist verkündet worden.

Wie jetzt aus Justizkreisen bekannt geworden ist, hat M. die komplette Freiheitsstrafe abgesessen und wurde demnach im Laufe des Jahres 2019 aus dem Gefängnis entlassen.

Wie der HA weiter erfahren hat, sollte M. anschließend offenbar wieder in die Asylbewerberunterkunft in Maintal zurück. Da dort aber das Opfer seines Verbrechens weiterhin lebte, sei er in Großkrotzenburg untergebracht worden.

Auch Bürgermeister Thorsten Bauroth zeigte sich erschüttert über das Verbrechen in der Gemeinde, die seit der Flüchtlingswelle vor rund fünf Jahren ein Standort für Asylbewerber ist.

Zunächst hatten die Behörden dort zwei Unterkünfte eingerichtet, später wurde diese am zentralen Standort an der Schulstraße in mehreren Modulcontainern zusammengefasst. Laut Bauroth leben derzeit rund 75 Menschen in der Unterkunft. (Von Thorsten Becker)

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