„Ich kann auch Zähne zeigen“

Nach zwei Jahren Vakanz: Iva Rosen ist neue Frauenbeauftragte von Großkrotzenburg

Bereit für den Job: Iva Rosen will sich in den kommenden sechs Jahren für die Gleichstellung in der Verwaltung starkmachen.
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Bereit für den Job: Iva Rosen will sich in den kommenden sechs Jahren für die Gleichstellung in der Verwaltung starkmachen.

„Ich bin die Richtige für diese Stelle“, erklärt Iva Rosen gleich zu Beginn des Gespräches mit unserer Zeitung: Eine Behauptung, die anderswo vielleicht wie eine Floskel klingen würde. Rosen sagt es, weil sie es so meint, weil sie wirklich für die Sache kämpfen will. Für die nächsten sechs Jahre ist Rosen für das Amt der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Großkrotzenburg bestellt.

Sie habe selbst erlebt, wie mühsam es ist, als Frau gleichberechtigt im Berufsleben Fuß zu fassen, berichtet sie, vor allem wenn man Mutter ist und einen Migrationshintergrund hat. Mit den Jahren habe aber sie gelernt, sich nicht alles gefallen zu lassen.

„Ich bin von Natur aus eigentlich ein freundlicher Mensch“, sagt sie. „Doch ich kann auch Zähne zeigen.“

Und auf diese nette, aber auch hartnäckige Art hat die 40-jährige Großauheimerin ihren Weg gemacht: Nach dem BWL-Studium in Gießen und einem Auslandsjahr in den USA gründete die gebürtige Bulgarin eine Familie mit Marcus Rosen, der aktuell für den Bürgermeisterposten im Ort für die Initiative kandidiert.

Sie bekamen zwei Kinder, einen Sohn (9) und eine Tochter (7). Heute steht Iva Rosen wieder voll im Berufsleben, seit fünf Jahren arbeitet sie in der Großkrotzenburger Verwaltung, erst in Teilzeit, dann in Vollzeit. Sie ist für den Friedhof und das Versicherungswesen zuständig und außerdem in der Finanzabteilung beschäftigt.

Einstieg in den Beruf war ein Kampf

„Der Einstieg in den Beruf nach der Elternzeit war ein Kampf“, erinnert sie sich. Einem Zeitarbeitsvertrag in der freien Wirtschaft folgte der Einstieg bei der Großkrotzenburger Gemeinde. „Mein Arbeitgeber hat mir hier viel ermöglicht“, erinnert sie sich. Aber irgendwann habe sie das Gefühl gehabt, dass sie als Frau in der Verwaltung auf Grenzen stößt: Nämlich als sie sich trotz bester Qualifikation erfolglos auf einen Posten in der Leitung bewarb.

In der Großkrotzenburger Verwaltung war der Posten der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten zwei Jahre lang vakant. Und das, obwohl das Amt in einer öffentlichen Dienststelle mit über 50 Mitarbeitern vorgeschrieben ist. Rosen hatte sich schon einmal auf eine Ausschreibung beworben, hatte aber zurückgezogen, als klar war, dass kein Freistellungskontingent zum Zeitausgleich vorgesehen war. „Das wäre on top gekommen“, sagt sie.

Diese Regelung wird von Bürgermeister Thorsten Bauroth damit begründet, dass zu dieser Zeit die Personaldecke in der Verwaltung zu dünn gewesen sei, um Zeit freizustellen. Das war möglicherweise auch der Grund, warum lange keine Frau diesen Posten übernehmen wollte.

Leitungsposten fast alle von Männern besetzt

Das zähe Ringen um die Gleichstellungsbeauftragte war schließlich sogar einer der Punkte, die in der Resolution des Parlaments gegen die Amtsführung des Bürgermeisters auftauchten: Die Fraktion Initiative ging so weit, alle Neueinstellungen der vergangenen zwei Jahre infrage zu stellen, weil es in der Zeit keine regulierende Kraft in Sachen Gleichstellung gab.

Inzwischen hat der Bürgermeister die Ausschreibung erneuert, inklusive Freistellung – und Rosen hat zugegriffen. „Ich habe einen meiner Verantwortungsbereiche an einen Kollegen abgeben können“, sagt sie. Damit bleibe genug Zeit für die Zusatzaufgabe, etwa fünf Stunden pro Woche. Wenn sie in die Großkrotzenburger Verwaltung blickt, bietet sich ein Bild, dass leider gang und gäbe ist: Die Leitungsposten sind fast alle von Männern besetzt, in Teilzeitstellen arbeiten vorwiegend Frauen. „Ich finde, der Öffentliche Dienst sollte eine Vorbildfunktion haben“, sagt sie.

Deshalb will sie im kommenden halben Jahr einen Gleichstellungsplan erarbeiten, der aufzeigt, was Stand der Dinge ist und wie sich der Personalschlüssel in den kommenden Jahren hinsichtlich der Gleichstellung verbessern lässt. „Auch Männer sind in manchen Positionen unterrepräsentiert“, sagt Rosen. „Beispielsweise im Erziehungsbereich.“

Bei sämtlichen Neueinstellungen und Personalfragen wird sie künftig beratend mitwirken, außerdem ist sie Ansprechpartnerin, wenn sich Mitarbeiter wegen des Geschlechtes oder der Herkunft diskriminiert fühlen. Auch Bürger können sich an sie wenden.

„Will Zeichen setzen“

„Ich will auch mit Aktionen Zeichen setzen“, erklärt sie. Zum „Orange Day“ am 25. November, der weltweit zum Kampf gegen Gewalt an Frauen begangen wird, will sie erstmals auch das Großkrotzenburger Rathaus orangefarben beleuchten. „Außerdem bestelle ich orangefarbene T-Shirts für unsere Führungsriege.“ Denkbar wäre auch ein jährlicher Treff der Frauen in der Verwaltung.

Rosen betritt in Großkrotzenburg ein relativ unbeackertes Feld, muss sich vieles von Grund auf erarbeiten. „Beim Lesen des Gleichstellungsgesetzes habe ich das Gefühl gehabt, es geht mir in Fleisch und Blut über“, sagt sie. Anfang November stehe die erste Schulung in Darmstadt an, auch mit Amtskolleginnen ist sie im Austausch.

Und was wäre, wenn ihr Ehemann Marcus Rosen im März die Bürgermeisterwahl gewinnt? „Dann muss die Aufsichtsbehörde meine Tätigkeiten prüfen“, sagt sie. Sollte sie dann nicht mehr als Frauenbeauftragte arbeiten dürfen, habe sie zumindest einen Grundstein gelegt.

Nun gilt es erst einmal, die Dinge anzupacken. Angst vor Gegenwind, sagt sie, hat sie keine: „Ich bin nicht hier, um mich beliebt zu machen. Ich bin hier, um mich für Frauen starkzumachen.“ Christine Semmler

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