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Imposante Landschaft unter Wasser: Braunkohletagebau erschuf den heutigen Großkrotzenburger See

Eimerkettenbagger beim Kohleabbau: Zwischen Großkrotzenburg und Kahl entstand ab 1928 eine riesige Grube.
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Eimerkettenbagger beim Kohleabbau: Zwischen Großkrotzenburg und Kahl entstand ab 1928 eine riesige Grube.

Großkrotzenburg – Still ruht der See – das meinen zumindest die Schwimmer. Doch wer glaubt, er wäre in einer gut gefüllten, flachen Badewanne unterwegs, der irrt sich. Weit unter der Oberfläche gibt es Berge und Täler – seit beinahe 100 Jahren. Denn das 20 Hektar große Gewässer, im Volksmund Großkrotzenburger See, heißt offiziell „See Freigericht West“.

Allein der Name weist auf die Zeche „Freigericht“ hin, in der von 1928 bis 1932 im Tagebau Braunkohle abgebaut wurde.

Federführend bei den Erkundungsarbeiten waren Ingenieure der in Dettingen gelegenen Zeche „Gewerkschaft Gustav“, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts nahe dem Mainufer nach Braunkohle gesucht und die aufgespürten Vorräte anschließend abgebaut hatten.

Als das recht große Vorkommen ausgekohlt war, ging man bei der weiteren Suche in die Fläche, was an-schließend zur Einrichtung verschiedener Tagebaue in der weiteren Mainebene führte. Nachdem 1926 die zwischen Kahl und Großkrotzenburg gelegenen Tage-baue „Emma-Nord“ und Emma-Süd“ in Betrieb gegangen waren, entschied man sich ein Jahr später zur Errichtung der Grube „Freigericht“ nordöstlich von Großkrotzenburg.

Bei der Verpachtung stellten sich die Eigentümer auf bayerischer Seite zunächst quer und gaben ihren Widerstand gegen die Kohleausbeutung erst nach ei- nem Zwangsüberlassungsverfahren auf.

Zur Beseitigung von Sand, Kies und Erde wurde der damals in Deutschland größte Bagger eingesetzt. Die riesige Maschine konnte sowohl den Abraum als auch Kohle in einer senkrechten Schnitthöhe von bis zu 25 Metern aus der Wand schneiden und fördern.

Da die Grabung sowohl von Großkrotzenburger als auch von Kahler Seite aus begonnen worden war, kamen sich die beiden Bodenvertiefungen mit der Zeit immer näher, um sich schließlich zu einer riesigen, mehr als 50 Hektar großen Tagebaugrube zu vereinigen. Dem Zusammenschluss fiel die Staatsstraße von Hanau nach Aschaffenburg (heutige Staatsstraße 3308/Bundesstraße 8) zum Opfer.

Sie wurde für einige Jahre umgelegt und verlief von der heutigen B8-Zufahrt zum Strandbad Spessartblick und dann weiter entlang der Bahnlinie in Richtung Kahl bis zur Eisenbahnbrücke.

Mit Tiefgang: Der 20 Hektar große See Freigericht West birgt immer noch einige geschichtliche Geheimnisse.

Doch schon Anfang der 1930er-Jahre musste auf Forderung der bayerischen Verwaltung ein neuer Damm errichtet und der Straßenverlauf wieder in seinen früheren Zustand gebracht werden, Dadurch wurde das riesige Loch im Boden in die beiden Freigericht-Gruben „West“ und „Ost“ aufgeteilt, wie sie auch heute noch zu sehen sind.

Doch der Kohleabbau in „Freigericht“ lief nicht reibungslos. Im Verlauf der Zeit hatten die Arbeiter bei der Förderung immer häufiger mit Sand- oder Kiesbänken zu kämpfen – zudem stellte man fest, dass die Kohle wohl recht minderwertig war.

In einer noch vorhandenen alten Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der „Zeche Gustav“ ist festgehalten, dass die Arbeiter des dortigen Kraftwerks die Freigericht-Kohle scherzhafterweise als „feuerfest“, also nur schwer brennbar bezeichneten.

Aber auch an anderer Stelle gab es Probleme: Die Großkrotzenburger Gemeindevertreter beklagten eine Wasserknappheit in manchen Brunnen. Ob sich dieses Phänomen allerdings auf den Tagebau oder vielleicht doch auf alte, zugesetzte Rohre zurückführen ließ, konnte niemals geklärt werden.

Wasser war allerdings auch in anderer Hinsicht ein Problem für die Grubenarbeiter. Zahlreiche von den Hängen des Spessarts gespeiste Quellen drückten vom Boden her ihr Wasser in die bis zu 25 Meter tiefe Grube, das über große Pumpen durch den Mühlgraben zum Main abgeleitet werden musste. Heute fließt der Überlauf in die „Schifflache“.

In der Grube selbst sah es aus wie auf einem großen Verschiebebahnhof: Bis zu zehn Kilometer Gleise für die Lorenbahn waren am Ende auf den Grubenboden verlegt worden. Um die Kohle zum Dettinger Kraftwerk transportieren zu können, baute man eine gesonderte Trasse mit einer eisernen Brücke über die schon bestehende Bahnstrecke Hanau-Aschaffenburg; heute befindet sich an dieser Stelle die B8-Brücke.

Als es in Deutschland mit der Steinkohleförderung wieder bergauf ging, wurde der Braunkohleabbau unrentabel – in Großkrotzenburg gingen 1932 die Lichter aus.

Laut den Geschäftsberichten der „Gewerkschaft Gustav“, die sich in den Archiven des RWE-Konzerns befinden, waren bis zu diesem Zeitpunkt in Großkrotzenburg und Kahl eine Million Tonnen Braunkohle gefördert worden.

Nach dem Ende der Arbeiten demontierten die Betreiber fast alle vorhandenen Maschinen, Gleisteile und Loren. Dann blieb das riesige Loch im Boden sich selbst überlassen. Die Natur nahm das von Menschenhand geschaffene Geschenk sofort an: Durch das Quellwasser lief der komplette Tagebau in nur zwei Jahren voll.

Durch den noch einige Jahre vorhandenen und später zugeschütteten Mühlgraben, der einen natürlichen Abfluss in den Main darstellte, gelangten bei Hochwasser die ersten Fische in den neu entstandenen See und sorgten schnell für vielfältiges Leben unter Wasser.

Arbeiten bauten den roten Riesenbaggers auf.

Den Flossenträgern bot sich ein höchst abwechslungsreicher Lebensraum: Weite Flachwasserzonen mit plötzlichen Steilabfällen bis zu 20 Meter tief hinab auf harten Grund, mit Unterwasserbergen und Erhebungen, dazu klares Quellwasser von bester Qualität.

Wie es heute, fast 90 Jahre nach der natürlichen Flutung, in der einstigen „Grube Freigericht-West“ unter Wasser aussieht, wissen wohl die Hobby-Taucher des Wassersportvereins Großkrotzenburg am besten.

„Auf dem Boden hat sich über viele Jahre hinweg eine mindestens 50 Zentimeter dicke Sedimentschicht gebildet“, sagt Mikel Scragg, der mit seinen Taucher-Kameraden schon oft im Reich der Fische unterwegs war.

„Man findet keine Maschinen, Gleise oder Loren mehr am Grund, die auf den damaligen Tagebau hinweisen.“ Gelegentlich würde man auf ein versunkenes Angelboot stoßen, das sich wohl im Sturm losgerissen hat, meint Scragg.

Die imposanten steilen Ab- schnittskanten, die der rote Riesenbagger in das Gelände geschnitten hatte, seien allerdings noch vorhanden und dienten den großen Hechten, Zandern und Wallern als Jagdrevier. Dass sogar Forellen im „Großkrotzenburger See“ zu stattlicher Größe heranwachsen, wissen die Angler des Großauheimer Vereins.

Die kapitalen Fische fühlen sich offenbar in den Zonen besonders wohl, in denen das kalte Quellwasser vom Grund bis an die Oberfläche aufsteigt.

Der hierdurch bedingte plötzliche Temperaturabfall im Wasser ist sicherlich für manchen Schwimmer eine unliebsame Erfahrung und weist auf das Phänomen hin, dass vor fast 100 Jahren in kurzer Zeit die beiden Seen von Menschenhand geschaffen wurden.

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