Neue Stolpersteine erinnern an 15 Schicksale

Großkrotzenburger Holocaust-Opfern gedacht – Ausstellung in ehemaliger Synagoge

Drei von insgesamt 15 Stolpersteinen werden in das Pflaster eingesetzt: Sie erinnern an Großkrotzenburger Bürgerinnen und Bürger, die während des Nazi-Regimes verschleppt und ermordet wurden.
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Drei von insgesamt 15 Stolpersteinen werden in das Pflaster eingesetzt: Sie erinnern an Großkrotzenburger Bürgerinnen und Bürger, die während des Nazi-Regimes verschleppt und ermordet wurden.

Seit Mittwoch erinnern 15 neue Stolpersteine an die aus Großkrotzenburg stammenden jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung wurden die Steine an den Stellen verlegt, wo die Opfer früher zu Hause waren.

Großkrotzenburg - Am 9. und 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen angezündet und jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört – nicht nur in den Städten, auch im ländlichen Raum. In Großkrotzenburg lebten damals 155 jüdische Gemeindemitglieder, das waren etwa zehn Prozent der Einwohner. In den Morgenstunden des 10. November wurden alle männlichen Juden verhaftet und in die Synagoge an der Steingasse gebracht. Hier begann ein qualvoller Weg, an dessen Ende viele von ihnen den Tod fanden.

Gegen 14 Uhr begann die Zerstörung des Synagogen-Innenraums. Thorarollen, Gesangs- und Gebetsbücher wurden draußen auf einen Haufen geworfen und angezündet. Der Plan, die ganze Synagoge in Brand zu setzen, wurde in letzter Minute von einem Nachbarn verhindert. Das Zerstören nahm damit jedoch kein Ende.

Die genauen Überlieferungen dieser schrecklichen Stunden und Tage fasste eine Gruppe junger Menschen vergangenes Jahr in einem Videobeitrag zusammen. Unter dem Titel „Die Reichsprogromnacht in Großkrotzenburg“ ist er auf Youtube zu finden. Unterstützt wurden sie dabei von Monika Pfeifer vom Arbeitskreis Ehemalige Synagoge, die sich mit Hingabe für die Erinnerungskultur in ihrer Gemeinde einsetzt.

„Erinnerung an die Opfer in unserem Alltag wach halten“

Am Mittwochmorgen war die Synagoge an der Steingasse Ausgangspunkt der Verlegung neuer Stolpersteine, „die die Erinnerung an die Opfer in unserem Alltag wach halten sollen“, erklärte Pfeifer. Bis heute durchsucht sie regelmäßig die Staatsarchive, um Biografien der Opfer zu erstellen, ihnen ein Gesicht zu geben und ihre Nachfahren zu finden.

So machte es Pfeifer auch möglich, dass Helmut Blumenberg, der Großneffe von Julius Walter Berberich, bei der Stolpersteinverlegung am Mittwoch anwesend sein konnte. Begleitet wurde er von seiner Tochter Alexandra Kretschmer-Blumenberg.

Julius Walter Berberich wurde am 4. Oktober 1909 in Großkrotzenburg geboren. Mit 14 Monaten zog er mit seinen Eltern und seinen drei älteren Geschwistern nach Hanau, wo er seine Kindheit verbrachte und später eine kaufmännische Laufbahn einschlug.

1938 heiratete er Erna Karola Gutmann und wohnte zunächst in Frankfurt, wo er am 13. November 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager in Buchenwald deportiert wurde. Über weitere Lager in Frankreich landete Berberich letztendlich in Auschwitz, wo er am 4. Januar 1943 seinen psychischen und physischen Strapazen erlag.

An insgesamt fünf Stationen im alten Ortskern wurden die neuen Stolpersteine mit den Namen von Julius Walter Berberich und weiteren Opfern verlegt. Zwei sechste Klassen des Franziskanergymnasiums verlasen vor Ort Auszüge der Biografien der jüdischen Opfer.

Wenige noch lebende Zeitzeugen

Moderiert wurde die Veranstaltung vom evangelischen Pfarrer Dr. Manuel Goldmann. Neben Goldmann wohnte auch dessen Vorgänger Heinz Daume der Veranstaltung bei, der sich während seiner Amtszeit stark für den jüdisch-christlichen Dialog einsetzte und den Arbeitskreis Ehemalige Synagoge bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Großkrotzenburg unterstützte.

Einer von wenigen noch lebenden Zeitzeugen dieser schrecklichen Episode ist Heinz Richter aus Steinheim, der „in Großkrotzenburg viele Freunde“ hat.

Vor drei Jahren feierte er in der Synagoge seinen 90. Geburtstag und wünschte sich von seinen Gästen eine Spende zur Finanzierung weiterer Stolpersteine. 700 Euro kamen dabei zusammen, womit Richter etwa die Hälfte der neu verlegten Steine finanzierte.

In der Ehemaligen Synagoge an der Steingasse 10 wird noch bis Sonntag, 18. Juli, von 16 bis 18 Uhr eine kleine Ausstellung präsentiert, die die Geschichten der jüdischen Opfer aus Großkrotzenburg ausführlich dokumentiert.

Die neu in der Gemeinde verlegten Stolpersteine tragen die Namen von: Eva und Abraham Berberich, Erna, Moses und Laura Liesel Berberich, Jette und Gustav Hirschmann, Sarah und Salomon Hirschmann, Marianne, Adolf, Therese und Manfred Berberich sowie Julius Walter Berberich und Lina Westheimer. (Von Per Bergmann)

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