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Prozess um Scherenangriff: Gelächter vor dem Ende der Beweisaufnahme - Urteil fällt relativ milde aus

Übersetzer und Dolmetscher in Verwaltungen
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Eigenwillige Übersetzung: Schlampige Vernehmungsprotokolle der Polizei haben vor dem Landgericht Hanau Entsetzen ausgelöst und die Beweisaufnahme behindert.

Das Urteil im Prozess um den Scherenangriff ist gefallen. Doch vorher sorgte das Ende der Beweisaufnahme für Gelächter. 

Vor dem Schwurgericht geht es um sehr ernste Themen. In diesem Fall um den Vorwurf des versuchten Totschlags. Eigentlich gibt es keinen Anlass zum Schmunzeln oder gar zum Lachen im Verhandlungssaal. Doch weder die Richter unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel, noch Staatsanwältin Lisa Pohlmann oder Pflichtverteidiger Sascha Marks können sich ein Lachen verkneifen. 

Beispiel: „. . . rauchen Balkon stehen wir . . .“ Nur eines der Satzfragmente, die Wetzel vorliest. Es sind recht kuriose, lustige Wortkreationen und recht eigenwillige Interpretationen der deutschen Sprache, die auf diesem Papier stehen. Aber alle Juristen im Saal sind sich sehr sicher: So etwas hat die Zeugin in ihrer Vernehmung wohl niemals gesagt. Das Peinliche daran: Es handelt sich um amtliche Wortprotokolle, die von der Hanauer Kripo abgeliefert worden sind – polizeiliche Vernehmungen nach der Eskalation an der Unterhaagstraße in Großkrotzenburg, bei der in der Nacht zum 18. Januar ein 48-Jähriger seinen Kontrahenten mit einer Schere in den Rücken gestochen und schwer verletzt hat. 

Dolmetscherin übersetzt die Aussagen bei dem Prozess um den Scherenangriff

Und gerade in einem solchen Prozess, bei dem viel auf dem Spiel steht, kommt es auf exakte Aussagen an – zusammengewürfelte Worte helfen nicht weiter. Da der Angeklagte Virginjus S. heißt und – wie alle anderen Beteiligten in dieser Nacht – aus Litauen stammt, benötigt er vor Gericht eine Dolmetscherin, weil er kein Wort Deutsch spricht. Die Dame, die ihm simultan alles übersetzt, ist eine allgemein vereidigte Dolmetscherin, die ihren Job perfekt macht. Als sie die polizeilichen Protokolle sieht, stehen ihr die Haare zu Berge. 

Bleibt die spannende Frage: Wer hat diese Vernehmung aus dem Litauischen übersetzt? „Ich weiß es nicht. Ich habe niemals von dieser Frau gehört“, sagt die amtliche Übersetzerin. Nach dem dritten sprachlich höchst eigenwillig übersetzten Vernehmungsprotokoll ist die Beweisaufnahme beendet. „Ich höre jetzt auf, das hat keinen Sinn“, sagt die Landgerichtspräsidentin. Die Panne ist auch nicht mehr zu korrigieren, beispielsweise durch eine erneute, fachkundige Übersetzung der polizeilichen Vernehmungen. „Die Tonbänder der Polizei sind nicht mehr vorhanden“, stellt die Vorsitzende resigniert fest. 

Schwurgericht stand beim Prozess um Scherenangriff vor einem Dilemma

Eigentlich steht das Schwurgericht nun vor einem Dilemma bei der Suche nach der Wahrheit. Denn mehrere Zeugen des Geschehens weilen in Litauen oder Norwegen und sind der Zeugenladung nicht gefolgt. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen, die schlampigen Übersetzungen führen dazu, dass das Opfer erheblich von seiner ersten Aussage abweicht und auf Nachfrage steif und fest behauptet, einen „solchen Satz“ niemals der Polizei gegenüber gesagt zu haben. Für Strafverteidiger Marks wäre es in dieser Situation ein Leichtes, den kompletten Prozess zu verzögern oder platzen zu lassen. 

Doch daran hat der Jurist kein Interesse, denn auch als Verteidiger ist er der Gerechtigkeit verpflichtet. So bricht der Angeklagte doch sein Schweigen und legt ein Geständnis ab. Darin bestätigt er den Tatablauf in groben Zügen. In jener Nacht sei es zu einem Streit zwischen ihm und seiner Freundin gekommen. Er habe verhindern wollen, dass sie mit den anderen Hausbewohnern bei einer Party trinke. Denn – das ist eine der wenigen deutlichen Übersetzungen in den Protokollen – in dieser Nacht sind „ein bis eineinhalb Flaschen Brandy“ konsumiert worden. S. selbst habe jedoch seine Ruhe haben wollen. Mit seinen Landsleuten habe es dann zunächst Wortgefechte und schließlich eine Auseinandersetzung gegeben, bei der er zu einer Schere gegriffen habe.Damit habe er einem Kontrahenten in den Rücken gestochen

Plädoyers im Prozess um Scherenangriff unterscheiden sich

„Es tut mir sehr leid – das wollte ich nicht“, so S. in seiner Einlassung. Immerhin bleibt dem Gericht eine sehr klare Aussage: Die von Dr. Mattias Kettner von der Rechtsmedizin, der den Stich als „potenziell lebensgefährlich“ einstuft und die Promillezahlen der Beteiligten nennt, die er zwischen 1,8 und 2,2 ansiedelt. Am Ende ist es dann ein kurzer Prozess. Staatsanwältin Pohlmann nennt das „Dolmetscherproblem“ beim Namen und geht davon aus, dass in dieser Nacht „nicht wenig Alkohol“ im Spiel gewesen ist. „Der Vorwurf des versuchten Totschlags hat sich nicht bestätigt“, so die Anklägerin, die jedoch eine gefährliche Körperverletzung sieht und dafür eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten beantragt. Verteidiger Marks fordert ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung für seinen Mandanten, der bereits seit sechs Monaten in Untersuchungshaft sitzt. „Er stammt aus einem kleinen litauischen Dorf und hat nun in Frankfurt im Gefängnis gesessen. Das dürfte ihm eine Lehre für’s Leben gewesen sein“, so Marks. Das Schwurgericht verurteilt S. schließlich zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und rügt am Ende die „schlechten polizeilichen Protokolle“, die eine weitere Klärung verhindert haben. 

Wetzel dankt jedoch Staatsanwältin Pohlmann und Verteidiger Marks für die sachliche Zusammenarbeit. Und auch S., der nach sechs Monaten keine Handschellen mehr tragen muss und auf Bewährung aus der Haft entlassen wird, bedankt sich am Ende bei den Richtern für das milde Urteil.

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Quelle: Hanauer Anzeiger

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