Grüne Energie

Staudinger: Gemeindewerke wollen Fernwärme künftig aus Sonne und Mainwasser gewinnen

2025 geht das Kohlekraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg vom Netz. Mithilfe der vorhandenen Infrastruktur will die Gemeinde eigene Energie erzeugen.
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2025 geht das Kohlekraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg vom Netz. Mithilfe der vorhandenen Infrastruktur will die Gemeinde eigene Energie erzeugen.

Wenn Staudinger im Dezember 2024 vom Netz geht, ist für Großkrotzenburg eine Ära zu Ende. Nach rund 60 Jahren beendet das Dampfkraftwerk, heute unter Regie des Betreibers Uniper, seinen Betrieb. Staudinger war für die kleine Gemeinde nicht nur ein Gewerbesteuergarant: Das Großkraftwerk, das vorwiegend mit Steinkohle und mit anderen fossilen Brennstoffen befeuert wird, hielt auch rund 700 Haushalte im Ort warm.

Großkrotzenburg – Denn das kommunale Fernwärmenetz, das 1988 an den Start ging, wurde durch die Kraft-Wärmekopplung über die Jahrzehnte fast ausschließlich mit der gigantischen Abwärme von Staudinger gespeist, rund 32 Gigawattstunden pro Jahr. Schon jetzt läuft das Kraftwerk sozusagen auf „Sparflamme“. Von fünf Blöcken ist nur noch einer regelmäßig in Betrieb. Ein zweiter wird für die Sicherung der Netzstabilität genutzt.

Wo nach dem Staudinger-Aus die Fernwärme herkommen soll, beschäftigt die Verantwortlichen der Großkrotzenburger Gemeindewerke schon seit geraumer Zeit. „Es ist eine Investition in unsere Zukunft“, sagt Geschäftsführer Horst Prey. Deshalb sollen eigene Erzeugungslagen her. Der Anteil erneuerbarer Energien soll so hoch wie möglich sein, aber mindestens 50 Prozent. Denn erst bei dieser Maßgabe fließen die entsprechenden Fördermittel von Bund und Land.

Ein hoher Anteil von grüner Wärme ist inzwischen ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. CO2 wird seit Kurzem besteuert und das wirkt sich auf den Endpreis aus. „Das merkt der Kunde sofort“, so Preys Erfahrung. „Wir wünschen uns für die nächsten Jahre eine gewisse Preisstabilität.“

Gemeindewerke sprechen von bahnbrechendem Konzept

Die Gemeindewerke haben nun ein Konzept ausgetüftelt, das ihren Aussagen nach bahnbrechend sein könnte. Vorteil, so Prey, sei klar die vorhandene Substanz auf dem Staudinger-Areal und das eigene Fernwärmenetz im Ort. „Wir haben die Flächen, wir haben die Infrastruktur des Kraftwerks und wir haben den Main“, fasst Horst Prey zusammen. Die Gemeindewerke haben mit Uniper einen Reservierungsvertrag geschlossen, der ihnen bis zu 50 000 Quadratmeter Fläche vor und im Kraftwerksgelände sichert.

Geschäftsführer Horst Prey ( zweiter von links) begrüßte kürzlich die CDU-Landesfraktionsvorsitzende Ines Claus (Mitte) und ihre Parteikollegen Katja Leikert, Theresa Neumann und Max Schad (von links).

Der Plan: Gut ein Fünftel der Wärme soll bald aus dem Main, ein Sechstel aus der Kraft der Sonne geholt werden. „In dieser Größenordnung Wärme aus erneuerbaren Energiequellen zu erzeugen, das gibt es in Deutschland noch nicht so oft“, erklärt Prey. „Wir wollen es probieren.“ Auf diese Weise könnte die Gemeinde in den nächsten 20 Jahren rund 180 000 Tonnen CO2 einsparen.

Machbarkeitsstudie soll Rahmenbedingungen aufzeigen

Aber noch stehen nicht alle technischen Rahmenbedingungen. Eine Machbarkeitsstudie für die Detailplanung soll Mitte nächsten Jahres vorliegen. Direkt im Anschluss soll die Umsetzung starten.

Das heißt konkret: Damit die Wärme bis in den November genutzt werden kann, soll ein saisonaler Wärmespeicher gebaut werden, der einen vorhandenen Wärmespeicher ergänzt. Beide sollen rund 4500 Megawattstunden speichern können. Außerdem will das kommunale Unternehmen eine neue Großwärmepumpe mit einer Leistung von 1,5 Megawattstunden thermisch bauen. Sie entzieht dem Mainwasser die Wärme, rund 20 Grad im besten Fall. „Wir versuchen, die alte Kühlwasseranlage für unsere Wärmepumpenanlage zu nutzen“, erklärt Prey. Durch die Wärmeenergie des Wassers könnten über die Pumpe und den Speicher bis zu 6400 Megawattstunden jährlich gewonnen werden.

Kollektoren-Park soll Solarenergie liefern

Auf dem Gelände der ehemaligen Granulatdeponie ist überdies ein 15 000 Quadratmeter großer Kollektoren-Park für Solarthermie geplant, der bis zu 7000 Megawattstunden pro Jahr erzeugen soll. Für die Spitzenlast im Winter wird Energie aus Biomasse gewonnen. Mit zusätzlicher Wärme aus Blockheizkraftwerken werden schließlich die nötigen 32 Gigawattstunden erreicht, die für die Versorgung der Gemeinde nötig sind.

Der Bedarf der relativ kleinen Kommune sei nicht allein mit eigenen Mitteln zu stemmen, erklärt Prey. Die reinen Investitionskosten, die auf die Gemeindewerke zukommen, betrügen rund 26 Millionen Euro, durch die Fördergelder des Bundes würde der Betrag immerhin auf 13 Millionen reduziert. Die Gemeindewerke wollen sich deshalb einen kommunalen Partner mit ins Boot holen, der sich an der Finanzierung beteiligt und die technische Betriebsführung übernimmt. Die Verhandlungen stünden kurz vor dem Abschluss.

Parallel werden weitere Konzepte geprüft

Solches Neuland zu betreten, bedeutet auch ein Risiko: Ob die Großraumwärmepumpe und der saisonale Wärmespeicher die berechneten Leistungen tatsächlich erbringen werden, muss sich erst zeigen. „Sollte sich nach Abschluss der Machbarkeitsstudie herausstellen, dass das Vorhaben so nicht umsetzbar ist, werden wir auf ein parallel laufendes Konzept zurückgreifen“, so Prey.

Die Grundstimmung ist aber optimistisch. „Aufgrund der Kohlekraft war Energie aus Großkrotzenburg immer negativ konnotiert“, erklärt der Großkrotzenburger Christdemokrat Max Schad, der im Aufsichtsrat der Gemeindewerke sitzt. Er war einer der Begleiter von Ines Claus, Fraktionsvorsitzender der Landes-CDU, die sich das Konzept von Prey kürzlich erläutern ließ. Staudinger sei lange der größte CO2 Emittent in Hessen gewesen. „Das“, so Schad, „ist aber bald vorbei.“

Von Christine Semmler

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