„Wir haben nur unsere Pflicht getan“

Mit den Scheuerles vom Baiersröderhof beendet Georg Brodt seine Videointerview-Reihe

Respekt für eine außergewöhnliche Lebensleistung: Die Ostheimer Videofilmer Georg Brodt (links) und Waldemar Förter (rechts) haben zum Abschluss ihrer Reihe das frühere Pächterpaar Walter und Ingrid Scheuerle von der Staatsdomäne Baiersröderhof in Marköbel interviewt.
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Respekt für eine außergewöhnliche Lebensleistung: Die Ostheimer Videofilmer Georg Brodt (links) und Waldemar Förter (rechts) haben zum Abschluss ihrer Reihe das frühere Pächterpaar Walter und Ingrid Scheuerle von der Staatsdomäne Baiersröderhof in Marköbel interviewt.

Mit einem Stapel DVDs unter dem Arm steigt Waldemar Förter gemeinsam mit Georg Brodt die Außentreppe zum Gutshaus auf dem Baiersröderhof hinauf. „Viele davon gehen in die Weihnachtspost“, sagt Senior-Chefin Ingrid Scheuerle wenige Augenblicke später im geräumigen Esszimmer, wo sich das Ehepaar, das über Jahrzehnte die Staatsdomäne gepachtet und ausgebaut hatte, an diesem Vormittag mit den beiden Ostheimer Filmemachern zum Nachgespräch trifft. „Wir werden uns in diesem Jahr an den Feiertagen ja leider nicht so sehen können wie sonst“, sagt die Hausherrin. „Aber ich packe gerne Päckchen.“

Hammersbach/Nidderau – Für die drei Söhne und ihre Familien mit immerhin bereits sieben Enkeln und bald auch zwei Urenkeln wird dieses Geschenk ein ganz besonderes sein. Denn Brodt und Förter haben im Rahmen ihrer Videointerview-Reihe die Lebenserinnerungen von Walter und Ingrid Scheuerle in Bild und Ton festgehalten.

Es ist zugleich die letzte Folge des Zeitzeugenprojekts, das Brodt vor etwa drei Jahren mit der inzwischen verstorbenen Ostheimerin Else Faber begonnen hatte. „Das Interview mit Frau Faber habe ich aufgenommen, um kommenden Generationen zu vermitteln, wie entbehrungsreich oft das Leben im Dorf früher war. Gerade darauf kommt es mir an“, hatte Brodt damals erläutert und Dietrich Bonhoeffer zitiert: „Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.“

Eine Lebenshaltung, die ebenso den Scheuerles zu eigen ist. Walter Scheuerle und seine Frau Ingrid stammen beide aus landwirtschaftlichen Betrieben in der Nähe von Heilbronn. Da jeweils die älteren Geschwister die heimischen Höfe übernahmen, suchte das junge Paar nach einem eigenen Betrieb und landete 1963 über eine Annonce zunächst auf Hof Trages in Freigericht, den sie aus einem maroden Zustand in kürzester Zeit zu einem rentablen Betrieb entwickelten. Hier wurden auch die drei Söhne Andreas, Georg und Ernst geboren, die gemeinsam mit den Kindern der Eigentümerfamilie von Savigny eine unbeschwerte Kindheit verbrachten. Zum 1. Januar 1976 übernahmen Scheuerles zusätzlich den Baiersröderhof und führten beide Güter fünf Jahre lang parallel. Die Saatgutvermehrung, mit der sie bereits auf Hof Trages begonnen hatten, entwickelten sie als eines der Standbeine auch auf der Staatsdomäne in Hammersbach fort.

Durch ihre Gastfreundlichkeit und ihr Engagement in zahlreichen Ehrenämtern, Vereinen und Verbänden haben sich Walter und Ingrid Scheuerle in den vergangenen gut 40 Jahren viel Anerkennung und Freundschaften erworben. So hat Ingrid Scheuerle aus den Festaktivitäten zur 850-Jahrfeier des Hofes heraus im Jahr 1990 die Landfrauen Marköbel gegründet, denen sie über 27 Jahre lang vorstand.

Brodt, der selbst seinen 70. Geburtstag mit 100 Gästen im rustikalen Schafstall des Anwesens feierte, hatte gemeinsam mit Walter Scheuerle anlässlich der

850-Jahrfeier des Baiersröderhofs ein Oldtimer-Traktoren-Treffen organisiert. Es war die Geburtsstunde der Interessengemeinschaft Historische Landmaschinen Wetterau/Main-Kinzig, die fortan ihre jährlichen Brauchtumsfeste auf dem Baiersröderhof feierte. Als Landwirte wollten sie „durch Gespräche und Kontakte Anerkennung und Achtung in der Bevölkerung wiederfinden, ohne die keine Arbeit gedeihen kann“, sagte Ingrid Scheuerle zum Jubiläum 1989 in ihrer Begrüßungsrede – damals schon auf Video festgehalten und von Brodt und Förter im aktuellen Film aufgegriffen.

Und so verstanden sich die Scheuerles als Staatsdomänenpächter immer auch als Vermittler und sahen sich verpflichtet, ein gutes Beispiel zu geben. „Die sogenannte schwäbische Gründlichkeit ist sicher ein Wesenszug von uns“, sagt Ingrid Scheuerle, „obwohl ich Badenerin bin und mein Mann Württemberger.“ Und so eilte dem Musterbetrieb auch immer ein gewisser Ruf voraus. „’Wer als Lehrling herkommt und nicht kehren kann, der lernt es hier’, hieß es immer.“

Erstaunlich sei, welche Erinnerungen die „Festplatte im Kopf“ zutage fördere, so die Scheuerles, die für das Video-Interview viele vergessene Fotografien und Familiengeschichten hervorkramten. „Ich kann mich vor Eurer Lebensleistung nur verneigen“, so Georg Brodt. Doch Walter Scheuerle, der dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, entgegnet lakonisch: „Wir haben nur unsere Pflicht getan und wollen nicht gebauchpinselt werden.“

Historie im Internet

Die Geschichte des Baiersröderhofs ist umfassend belegt. Aus Anlass des 850-jährigen Bestehens im Jahr 1989, das zusammen mit 1150 Jahren Marköbel gefeiert wurde, entstand sogar eine Doktorarbeit. Die Chronik ist digitalisiert und auf der Homepage des Vereins für Kultur und Heimatgeschichte verfügbar.

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