Feste auf dem Baiersröderhof

Hammersbach: Gründer blicken auf über 30 Jahre IGHL / Zäsur durch Corona und Vorstandswechsel

Die Initiatoren der IGHL: Walter und Ingrid Scheuerle (von rechts), Gastgeber der Brauchtumsfeste auf der Hessischen Staatsdomäne Baiersröderhof, gemeinsam mit dem Ehrenvorsitzenden Georg Brodt und dessen Frau Karin.
+
Die Initiatoren der IGHL: Walter und Ingrid Scheuerle (von rechts), Gastgeber der Brauchtumsfeste auf der Hessischen Staatsdomäne Baiersröderhof, gemeinsam mit dem Ehrenvorsitzenden Georg Brodt und dessen Frau Karin.

Wenn sich ein Verein am 11.11. gründet, dann muss er wohl etwas Närrisches haben. „Die Nachfrage war da“, sagt Walter Scheuerle heute lakonisch mit Blick auf jenen November im Jahr 1989, als sich etwa 30 Personen im Historischen Museum der Stadt Hanau in Großauheim trafen, um die Interessengemeinschaft Historische Landmaschinen Wetterau / Main-Kinzig e.V. (IGHL) aus der Taufe zu heben.

Hammersbach/Nidderau – Seine Frau Ingrid schildert die Gründung emotionaler: „Es war Euphorie.“ Euphorie, die im Sommer 1989 durch die 850-Jahrfeier der Hessischen Staatsdomäne Baiersröderhof entstanden war. Parallel wurde das 1150-jährige Bestehen von Marköbel gefeiert. „Für den ‘römischen Ochsenkarren’ beim Festzug durch Marköbel hatten wir zuvor extra schottische Hochlandrinder gekauft“, erklärt der langjährige Domänenpächter Walter Scheuerle. „Mit den kastrierten Kälbern sind wir wochenlang im Wagengespann mit Musik vom Kassettenrekorder um den Hof gefahren, um sie auf den Umzug vorzubereiten“, ergänzt seine Frau Ingrid. „Die Leute, die uns gesehen haben, dachten bestimmt, wir sind etwas verrückt.“

Als närrische Idee würde das Pächterehepaar die Vereinsgründung aber nicht sehen. Dagegen spricht der nachhaltige Erfolg der Initiative, die die Scheuerles damals gemeinsam mit dem heutigen IGHL-Ehrenvorsitzenden Georg Brodt aus Ostheim ergriffen hatten. Zudem sind 1990 auch die Landfrauen Marköbel aus diesen Festtagen hervorgegangen. 27 Jahre lang war Ingrid Scheuerle deren Vorsitzende. Und die Frauen leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Brauchtumsfeste. Nicht nur mit der weithin beliebten Kuchentheke, die von Karin Brodt initiiert worden war.

Ein Fest für die ganze Familie

„Bei den Festen haben immer ganze Familien mitgeholfen“, betont Ingrid Scheuerle den besonderen Charakter der Brauchtumsveranstaltung. „Und die Großeltern haben ihren Enkeln erklärt, wie sie früher gelebt und gearbeitet haben und wie die Maschinen und Werkzeuge funktionierten. Wissen, das immer mehr verloren geht.“

Das schwindende Know-how ist ein Aspekt, der die Zukunft der Brauchtumsfeste auf dem Baiersröderhof ungewiss erscheinen lässt. Hinzu kommen immer mehr Auflagen für derartige Großveranstaltungen. Zudem musste das Fest aufgrund der Corona-Pandemie in den vergangenen beiden Sommern ausfallen. Die Familie will die Domäne aber auch künftig für Vereinsveranstaltungen zur Verfügung stellen, wie Walter Scheuerle bekräftigt. Zwar schied er selbst zur Jahreshauptversammlung im November nach 32 Jahren aus dem Vorstand aus (wir berichteten), doch Sohn Georg ist als Domänenpächter weiter in der Vereinsführung vertreten.

Domäne steht auch künftig zur Verfügung

Die Hessische Staatsdomäne Baiersröderhof zwischen Marköbel und Ostheim aus der Luft: Die Brauchtumsfeste der Interessengemeinschaft Historische Landmaschinen Wetterau/Main-Kinzig (IGHL) lockten jährlich Tausende Besucher an.

„Ich habe euch immer für euer Engagement bewundert, das muss man sagen“, zollt Georg Brodt der Familie Respekt. „Die jährlichen Feste auf dem Hof mit diesen vielen Menschen, das hat schon Nerven gekostet.“

Und tatsächlich: Zweimal war während des Brauchtumsfests mit mehreren Tausend Besuchern die Ernte noch nicht eingebracht. Jahr für Jahr bereiteten über 100 Helfer auf dem Hof tagelang die Feste vor. In verregneten Jahren mussten die parkenden Autos der Besucher mit Traktoren von den verschlammten Äckern auf den Feldweg gezogen werden. Einmal verschwand von einem Mähdrescher ein Feuerlöscher, und sogar in den Keller wurde eingebrochen und zwei Motorsägen sowie eine Kabeltrommel entwendet. Doch die damaligen Domänen-Betreiber blicken gelassen zurück. „Es hat schon Spaß gemacht“, sagt Ingrid Scheuerle. „Man hat Erfolg gehabt. Das hat genügt.“

Dampfpflüge und Lanz-Bulldogs

Neben den Attraktionen wie dem Pflügen mit dem Dampfpfluggespann, dem nächtlichen Anglühen der Lanz-Bulldogs oder dem Eicher-Rad zur 30. Brauchtumsveranstaltung im Jahr 2018 gehörte die Präsentation des ländlichen Handwerks wie Schmied, Rechenmacher oder Korbflechter zum inhaltlichen Kern der Feste. Ebenso lagen den Vereinsmitgliedern die Arbeit mit alten Werkzeugen wie Dreschflegeln oder das Scheren und Hüten von Schafen am Herzen. „Und bei den Kindern war der Strohspielplatz immer die Nummer 1“, bemerkt Walter Scheuerle.

Attraktion aus Stahl: Mit den dampfbetriebenen Traktoren wurden verschiedene Maschinen und Ackergeräte betrieben.

Dokumentiert sind diese Jahre der Vereinsgeschichte nicht nur in 64 Ausgaben der IGHL-Zeitschrift „Ackerschiene“, die bis 2009 erschien, sondern auch in Filmdokumenten. Etwa von Dr. Helmut Friedrich vom Film- und Fotoclub Hanau über das Dampfpflügen oder in der HR-Reihe „Hessen feiern Feste“. Bei dieser Gelegenheit konnte Brodt die Fernsehmoderatorin Michaele Scherenberg als Vereinsmitglied gewinnen.

Mit dem Unimog nach Sizilien

„Georg sprach jeden an, der einen Traktor hatte“, erinnert sich Karin Brodt. So stieß auch der Nidderauer Steuerberater Dieter P. Gonze mit seinem 15er Deutz zu den IGHL-Freunden und brachte sich viele Jahre in der Finanzverwaltung und darüber hinaus im Vorstand ein. Gemeinsame Skiurlaube, Ausfahrten und Touren (Alpenüberquerung mit dem Unimog bis nach Sizilien) sowie der Besuch von Messen (etwa in England zur Dorset Great Steam Fair) bereicherten das Vereinsleben.

All dies ist durch Corona seit nun beinahe zwei Jahren unmöglich. Und auch durch die Änderungen im Vorstand – Brodts Nachfolger Rüdiger Witzel hat die Vereinsführung an ein Leitungsteam übergeben – erfährt die IGHL eine Zäsur. Der letzte verbliebene „vom alten Schlag“ ist Dr. Hans-Theo Jachmann. „Es ist dem Theo hoch anzurechnen, dass er sich bereit erklärt hat, noch einmal anzutreten, um den Übergang zu begleiten“, sagt Georg Brodt.

Scheuerles blicken zuversichtlich in die Zukunft

Walter Scheuerle macht sich trotz aller Widrigkeiten keine Sorgen um die Zukunft des Vereins. „Im neuen Vorstand sind gestandene Leute, die müssen nun eben ein Konzept entwickeln. Aber es wird weitergehen.“ Seine Frau Ingrid pflichtet ihm bei: „Gut, dass es die Jungen gibt, die ohne zu viel Wenn und Aber auch mal was anpacken, ohne Angst, etwas falsch zu machen. Sonst gäbe es keinen Fortschritt.“ (Von Jan-Otto Weber)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare