Erfindung

Hammersbach: Ingenieur entwickelt als Rollstuhlfahrer barrierefreie Schranke

Umfahrungen von Schranken sind für Rollstuhlfahrer nicht passierbar. Frank Marasek (54, Mitte) aus Hammersbach hat ein Patent für ein Schrankensystem angemeldet. Der Prototyp wurde nun an der L3009 zwischen Hüttengesäß und Marköbel installiert. Von links: Lutz Hofheinz, Leiter des Forstamtes Hanau-Wolfgang, Hammersbachs Bürgermeister Michael Göllner (SPD), Frank Marasek, Handwerker Andre Schmidt und Andreas Hofmann (SPD), Bürgermeister der Gemeinde Ronneburg.
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Umfahrungen von Schranken sind für Rollstuhlfahrer nicht passierbar. Frank Marasek (54, Mitte) aus Hammersbach hat ein Patent für ein Schrankensystem angemeldet. Der Prototyp wurde nun an der L3009 zwischen Hüttengesäß und Marköbel installiert. Von links: Lutz Hofheinz, Leiter des Forstamtes Hanau-Wolfgang, Hammersbachs Bürgermeister Michael Göllner (SPD), Frank Marasek, Handwerker Andre Schmidt und Andreas Hofmann (SPD), Bürgermeister der Gemeinde Ronneburg.

Für den Hammersbacher Frank Marasek war Sport schon immer sehr wichtig. Daran hat auch seine Querschnittlähmung als Folge eines Motorradunfalls vor zweieinhalb Jahren nichts geändert. Anstatt mit Laufschuhen oder dem Mountainbike ist er nun mit dem Rollstuhl in den heimischen Wäldern sportlich unterwegs. Dank seiner eigenen Erfindung geht das nun noch einfacher.

Hammersbach - Im letzten Winter bei einem seiner Ausflüge im Oberwald in Langen-Bergheim blieb der 54-Jährige beim Versuch, eine Schranke zu umfahren, stecken. Es war dem Zufall zu verdanken, dass Jagdpächter Matthias Goldacker vorbeikam und Frank Marasek aus dieser misslichen Lage befreite.

Ein Dreivierteljahr später steht Marasek wieder an der Schranke im Wald. Doch statt Frust und Verzweiflung empfindet er an diesem Oktobertag Freude. Denn der Ingenieur hat inzwischen ein Patent für ein barrierefreies Schrankensystem angemeldet. Es zeichnet sich im Wesentlichen dadurch aus, dass der Querbalken durch einen nach oben gerichteten Bogen unterbrochen wird. Unter diesem Bogen können Menschen mit und ohne Handikap – etwa auch mit Rollator oder Kinderwagen – die Schranke passieren. Der Prototyp der weltweit ersten Schranke dieser Bauart wurde kürzlich an der Landesstraße 3009 zwischen Hüttengesäß und Marköbel für die Öffentlichkeit freigegeben.

Nach Motorradunfall auch im Rollstuhl sportlich aktiv

„Ich möchte einen Leuchtturm schaffen, um möglichst viele Menschen mit Handikap anzusprechen“, erklärt Marasek. „In den nächsten drei Jahren beabsichtige ich, alle relevanten Schranken in Deutschland mit diesem Schrankensystem auszustatten.“ Für ihn ist es ein persönliches Bedürfnis und Passion zugleich, die Gesellschaft auf diese Weise ein Stück weiter zu entwickeln.

Not macht erfinderisch: Weil die Umfahrung von Schranken auf unbefestigtem Untergrund oder aufgrund von Wildwuchs im Wald für Rollstuhlfahrer oft beschwerlich ist, hat sich Frank Marasek aus Hammersbach etwas einfallen lassen.

Bei seinen Ausflügen im Wald steht für Marasek der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund. Früher, sagt der Hammersbacher, als er noch Marathon lief und mit dem Mountainbike gefahren ist, war eine Schranke im Wald kein Hindernis. Nach dem Unfall, bei dem auch seine Lunge geschädigt wurde, sind Ausflüge in den Wald extrem wichtig geworden, um das Lungenvolumen zu vergrößern. Schranken sind für Rollstuhlfahrer dabei allerdings ein unpassierbares Hindernis.

Gemeinde Hammersbach will Schranken umrüsten

Als er im Februar beim Umfahren der Schranke stecken blieb, sei dies die Initialzündung gewesen, etwas zu ändern. „Es ist etwas, was so profan einfach ist, doch noch nie scheint jemand darauf gekommen zu sein“, sagt Hammersbachs Bürgermeister Michael Göllner, der Marasek bis zur Umsetzung der Idee begleitete. Zwar sei eine Umfahrung der Schranke vorhanden, doch sei diese bei Regen und Matsch mit einem Rollstuhl eben nicht zu passieren.

„Wir werden in Hammersbach die fünf relevanten Hauptzugänge zum Wald barrierefrei ausgestalten. Der Prototyp, der zugleich eine Weltneuheit ist, macht uns stolz“, sagt Göllner. Er hoffe, dass andere Kommunen für diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe sensibilisiert würden. Schranken seien wichtig, damit der Wald zwar für jeden zugänglich, aber nicht befahrbar sei. Die barrierefreie Schranke biete einen nachhaltigen Kompromiss. „Zudem werden so Zugänge in den Wald als wichtigen Erholungs- und Regenerationsraum eröffnet“, ergänzt Lutz Hofheinz, Leiter des Forstamtes Hanau-Wolfgang.

Nach umfangreichen Recherchen im Vorfeld und der Gewissheit, dass es für derartige Schrankensysteme noch kein Patent gibt, meldete Marasek mit Hilfe einer Patentanwältin seine Erfindung an. Ehefrau Birgit Marasek gründete ein Einzelunternehmen, damit die Idee vorangetrieben werden kann. Während Frank Marasek, Ingenieur für Produktionstechnik, für die technischen Belange zuständig ist, kümmert sie sich um die betriebswirtschaftlichen Aspekte.

Erfindung ist zum Patent angemeldet

Technische Hilfe beim Bau des Prototyps erhielt er von Andre Schmidt von der Kunst- und Bauschlosserei Schmidt aus Hammersbach. Der Prototyp wurde zunächst aus dickwandigem Rohr auf Gärung geschnitten, verschweißt und verzinkt. Die Breite von 7,80 Meter und die Durchfahrtshöhe von 1,67 Meter wurde am praktischen Beispiel vor Ort festgelegt. Aktuell ist geplant den Bogen mit Universalmanschetten zu optimieren und in Zusammenarbeit mit dem Forstamt Hanau-Wolfgang in Serienreife zu überführen.

Bestehende Schranken könnten auf diese Art vor Ort mühelos montiert und kostengünstig nachgerüstet werden, erklärt Marasek. Bei defekten, zu ersetzenden Schranken hingegen könne der Bügel von Beginn an eingearbeitet werden.

Für Familie Marasek und alle weiteren Beteiligten aus Hammersbach signalisiert die barrierefreie Schranke einen weiteren wichtigen Meilenstein für die Teilhabe von Menschen mit Handikap an einer gleichberechtigten Gesellschaft. An einer Schranke im Wald zumindest muss in Zukunft kein Rollstuhlfahrer mehr scheitern. (Von Georgia Lori)

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