Stolpersteine

Hammersbach: Verein für Kultur und Heimatgeschichte erinnert an jüdische Familien

Wider das Vergessen: Insgesamt sechs weitere Stolpersteine wurden am Mittwoch in Marköbel verlegt.
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Wider das Vergessen: Insgesamt sechs weitere Stolpersteine wurden am Mittwoch in Marköbel verlegt.

Im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war Leopold Stern bereits 71 Jahre alt. Die jüdische Familie lebte im Haus Hauptstraße 30 in Marköbel. An das Schicksal der Familie sowie der Familie Löbenstein erinnern nun sechs Stolpersteine und eine Gedenktafel.

Hammersbach – Fünf seiner Kinder konnten ins Ausland fliehen und so ihr Leben retten: Sally, Julius und Willy erreichten Palästina, Albert rettete sich nach Südafrika und Henry floh in die USA.„Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihre Mutter Johanna ‘Jettchen’ Stern, geborene Löbenstein, 1937 aus Gram über das Schicksal ihrer Kinder gestorben ist“, berichtet der Verein für Kultur und Heimatgeschichte Hammersbach. „Leopold fühlte sich zu alt für eine Auswanderung, vielleicht nahm er an, dass er wegen seines hohen Alters geschont würde.“

Das war jedoch nicht der Fall. Gemeinsam mit seiner Tochter Hedwig, die als einzige bei ihm geblieben war, um sich um den Haushalt zu kümmern, musste er 1937 zwangsweise nach Braunschweig umziehen. Dort wohnten Tochter Paula und Schwiegersohn Georg Heller Pollack mit ihrer Tochter Myra. 1942 wurde er ins Ghetto Warschau verschleppt, Hedwig ins KZ Theresienstadt. Dort wurden beide noch im selben Jahr ermordet. Auch die Tochter Paula erlitt dieses furchtbare Schicksal mit ihrer Familie. Myra wurde nur 22 Jahre alt.

Nachfahren aus Israel und den USA per Videoschalte dabei

Auf Initiative des Vereins für Kultur und Heimatgeschichte Hammersbach wurden nun zum vierten Mal seit 2015 in Hammersbach Stolpersteine verlegt und erstmals auch eine Gedenktafel angebracht. In Gegenwart von Bürgermeister Michael Göllner (SPD) und vielen Zoom-Teilnehmern wurde an die ehemaligen jüdischen Mitbürger und die Auslöschung der hiesigen jüdischen Gemeinde gedacht. Es wurden sechs Stolpersteine für zwei jüdische Familien in Marköbel in das Straßenpflaster vor ihren ehemaligen Wohnhäusern gelegt, wo diese Familien bis zu ihrer Vertreibung und Ermordung in den 1930er Jahren gelebt haben. Neben Leopold und Hedwig Stern waren dies Sophie, Seligmann, Helene und Fanny Löbenstein, die ein ebenso grausames Schicksal ereilte. Von den vier Mitgliedern der Familie Löbenstein – die nur wenige Schritte entfernt von der Familie Stern lebten – hat keiner das verbrecherische Naziregime überlebt.

Am ehemaligen Haus der Familie Stern wurde eine Gedenktafel angebracht mit den Daten der Eltern und all ihrer Kinder.

Beeindruckend und berührend zugleich: Zum ersten Mal nahmen Nachfahren ehemaliger jüdischer Mitbürger an der Stolpersteinverlegung per Videoschalte teil. Zwei Urenkelinnen von Jettchen und Leopold Stern, Frau Ofra Karo aus Israel und ihre Cousine Doreen Stecker aus den USA mit ihrem Sohn Steven, verfolgten die Zeremonie. Da Stolpersteine nur für Mitbürger gelegt werden, die 1933 noch in ihren Heimatgemeinden ansässig waren, und deshalb nur Steine für Leopold und Hedwig Stern gelegt wurden, wurde anlässlich der Zeremonie am ehemaligen Haus der Familie Stern eine Gedenktafel angebracht, auf der die Namen und Geburtsdaten der Eltern und aller ihrer Kinder vermerkt sind. Durch den Kontakt mit der Urenkelin Ofra Karo war zu erfahren, dass die Kinder, denen die Flucht gelang, wiederum zahlreiche Nachkommen hatten.

Bürgerspenden ermöglichen Aktion

„Insbesondere angesichts des wachsenden Antisemitismus in diesem Land ist es wichtig, dass Initiativen wie die Stolpersteinverlegung vor allem junge Menschen über dieses Kapitel der deutschen Geschichte aufklären“, stellte Bürgermeister Göllner fest. „Nur so können wir sicherstellen, dass solche Verbrechen nie wieder begangen werden.“

Christoph Neizert vom Verein für Kultur und Heimatgeschichte fügte hinzu: „Es ist die Erschütterung über das Schicksal der ehemaligen Mitbürger und die Fassungslosigkeit über die an ihnen begangenen Verbrechen, die uns heute hier zusammenbringen. Möge die Erinnerung an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde und ihr Schicksal immer aufrecht erhalten bleiben.“

Durch das Engagement von Bürgern aus Marköbel und Langen-Bergheim und deren Spenden konnten die Stolpersteine und die Gedenktafel finanziert werden.  jow

Größtes dezentrales Mahnmal der Welt

„Stolpersteine“ nennt sich das Lebensprojekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen Steinen will er an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Mittlerweile finden sich über 75 000 Steine in 1265 deutschen Kommunen und in 21 europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt. In der Rüdigheimer Straße 2 in Marköbel wurden 2015 sechs Stolpersteine für die Familie Lichtenstein verlegt. 2017 wurden in Langen-Bergheim sieben Stolpersteine für die Familien Löwenstein und Schildger, in Marköbel fünf Steine für die Familien Löbenstein und Reichenberg gelegt. 2018 folgte eine Verlegung für einen weiteren Zweig der Großfamilie Lichtenstein mit elf Stolpersteinen. Am vergangenen Mittwoch kamen sechs Steine hinzu. jow

» kultur-geschichte-hammersbach.de

Spenden willkommen

Wer den Verein für Kultur und Heimatgeschichte Hammersbach bei der Verlegung weiterer Stolpersteine unterstützen möchte, kann spenden: Kontonummer 1 0211 7606 bei der VR Bank Main-Kinzig-Büdingen. IBAN DE91 5066 1639 0102 1176 06, Stichwort „Stolpersteine“.

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