Der Glanz aus alten Zeiten verblasst 

Juwelenfasser Jörg Wolf aus Langen-Bergheim sieht für sein Handwerk kaum goldenen Boden

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Handwerks- und Familientradition: An der Seite seines Vaters lernte Jörg Wolf in der heimischen Werkstatt in Langen-Bergheim den Umgang mit Kittstock, Stichel und Bohrer. Mit nur 25 Jahren nahm er nach dem Tod des Vaters dessen Platz ein.

Jörg Wolf hegt zwei große Leidenschaften: den Schmuck und das Tanzen. „Wenn meine Frau und ich beim Wiener Opernball sind, nutze ich gern die Gelegenheit, mir in der Hofburg die Kronjuwelen der Habsburger anzuschauen“, sagt der Langen-Bergheimer.

 „Ich könnte mich stundenlang in der Kunstfertigkeit der Stücke verlieren. Es fasziniert mich, dass die Handwerker mit ihren technischen Mitteln schon damals in der Lage waren, solchen Schmuck herzustellen. In einen einzigen Ring sind die Fertigkeiten und Erfahrungen von Generationen eingeflossen.“ 

An der handwerklichen Technik habe sich bis auf einige neue Schliffformen und Steine seither nicht viel verändert, sagt Wolf. Diesbezüglich sei der heutige Schmuck dem von Kaiserin Sisi nach wie vor sehr ähnlich. Und doch beklagt der 53-Jährige den Niedergang seiner Zunft – gerade mit Blick auf die große Tradition, die Hanau als Goldschmiedestadt vorzuweisen habe. 

Wolf wurde an der Hanauer Zeichenakademie ausgebildet

Pflicht und Kür: Der Messingwürfel, den Jörg Wolf in seiner Ausbildung fertigen musste, brachte ihn an seine Grenzen

„Die heutigen Absolventen der Zeichenakademie – immerhin eine der ältesten Goldschmiedeschulen in Europa – haben nach sieben Semestern zum Teil nicht mal ein Stück Gold in der Hand gehabt“, beklagt Wolf. „Stattdessen werden berufsfremde Materialien wie Holz, Federn oder Leder verwendet. Es wird einfach zu viel künstlerisch und zu wenig handwerklich gearbeitet.“ 

Wolf selbst, der ebenfalls die Zeichenakademie absolvierte, erlernte sein Handwerk von der Pike auf. Sein Onkel war Goldschmied in Hanau, sein Vater hatte 1971 die Juwelenfasserwerkstatt in Langen-Bergheim eingerichtet. An seiner Seite übte der Sohn ab seinem 16. Lebensjahr den Umgang mit Kittstock, Stichel und Bohrer. Zunächst arbeitete er mit Glas-steinen, später mit Edelsteinen. Er machte sich mit Fass-Techniken wie dem Pavee-Verschnitt, Einreibearbeiten oder der Krappenfassung vertraut. 

Auszubildende müssten ermutigt werden, die Grenzen auszuloten

Feinarbeit: Diese Vergissmeinnicht-Blüte besteht aus 148 Brillanten, Aquamarinen, Iolithen und einem Saphir.

Als sein Vater früh verstarb, übernahm Jörg Wolf den Betrieb – mit nur 25 Jahren. „Ich hatte damals die Möglichkeit, in der Werkstatt meines Vaters mit all den kostbaren Materialien zu arbeiten“, ist sich Wolf bewusst. „Doch auch andere Lehrlinge meiner Generation wurden noch von den Eltern oder Großeltern unterstützt, damit sie sich die teuren Werkstoffe leisten konnten.“ 

Heute hingegen hätten die meisten Auszubildenden nicht einmal mehr einen Arbeitsplatz bei sich zu Hause eingerichtet. „Das ist, als hätte ein Informatikstudent keinen eigenen Laptop.“ Doch Wolf will nicht nur klagen. Vielmehr möchte er Auszubildende dazu ermutigen, ihre Grenzen auszuloten. „Glas geht vom Anschauen schon kaputt. Wer jahrelang in der Ausbildung mit Glas gearbeitet hat, braucht vor Edelsteinen keine Angst zu haben.“ 

Erinnerungen an die eigene Ausbildung

Auch wenn bei der Arbeit mit hohen Temperaturen mal etwas kaputtgehe, erschaffe man am Ende mit dem Schmuckstück einen neuen Wert. Dabei sei es durchaus legitim, auch mit dem Material zu handeln. „Wenn ich Stücke mit Platin, Gold und Edelsteinen verkaufe, erhöht das natürlich auch den Umsatz.“ Die Angst, zu scheitern, ist Jörg Wolf keineswegs fremd. 

Auch er habe in seiner Ausbildung eine „Niederlage“ erlitten, wie er sagt. Dabei ging es nicht so sehr um materielle Werte, sondern um eine handwerkliche Herausforderung. „Wir sollten einen Würfel aus Messingblech fertigen. Sieben Versuche habe ich in den Sand gesetzt. Der achte war bezüglich seiner Winkel, Kantenmaße und Oberflächen perfekt. Ich habe eine Eins bekommen, aber es hat mich sechs Wochen zurückgeworfen. Diese Erfahrung hat mich geprägt.“ 

Besonders stolz ist Wolf auf seine eigene Deutschland-Kollektion

Jörg Wolf hat aus seinen Erfahrungen gelernt. Mit seinem heutigen Geschäftsmodell ist er erfolgreich. Privatkunden treten mit Wünschen nach einem Ring, einer Brosche oder einem Ohrstecker an ihn heran, wünschen sich einen speziellen Stein oder ein Motiv. Goldschmiede oder Juweliere legen Entwürfe oder Rohlinge vor, auf deren Basis Wolf das Schmuckstück fertigt und Edelsteine einsetzt. So arbeitet er derzeit für eine Privatkundin aus Nordrhein-Westfalen an einer Vergissmeinnicht-Blüte, bestehend aus 148 Brillanten, Aquamarinen, Iolithen und einem gelben Saphir in der Mitte. Der Wert des fertigen Stücks liegt im fünfstelligen Bereich. 

Zur WM-Begeisterung 2006 entwarf der Juwelenfasser seine Deutschlandkollektion.

Besonders stolz ist Wolf auf seine eigene Deutschland-Kollektion, die er anlässlich der Sommermärchen-Fußball-WM 2006 entworfen und patentrechtlich geschützt hat: Steine in Schwarz, Rot und Gold auf Weißgold. Beim Ausblick auf seine Zunft ist Wolf zwiegespalten. Die Hanauer Goldschmiede, Diamantschleifer und Juwelenfasser – von denen es in den 60er Jahren noch eine vierstellige Zahl an Werkstätten gegeben habe – hätten sich seinerzeit aus handwerklichem Stolz dem technischen Fortschritt verweigert und den Anschluss an Schmuckzentren wie Pforzheim oder Schwäbisch Gmünd verloren. 

Jörg Wolf: „In Deutschland hat unser Handwerk keine große Zukunft“

Heute würden viele Schmuckstücke unter dem Mikroskop statt mit der Kopflupe gefertigt. Damit ließe sich zwar präziser arbeiten, doch ob die Augen dies ein Arbeitsleben lang mitmachen würden, bezweifelt Wolf. Dem 3-D-Druck gehöre die Zukunft, da ist sich Wolf sicher. 

„Doch wer soll denn unser über Jahrhunderte gewachsenes Handwerk weitergeben, wenn es niemand mehr beherrscht?“, fragt sich der Familienvater, der sich nicht vorstellen kann, irgendwann in den Ruhestand zu gehen. „In Deutschland hat unser Handwerk keine große Zukunft“, befürchtet er, „dazu hat sich die Geiz-ist-geil-Mentalität zu sehr durchgesetzt. Aber ich bin mir sicher: Wer an der Zeichenakademie eine gute Ausbildung macht, hat international gute Chancen.“

Quelle: Hanauer Anzeiger

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