Naturprojekt

Rückzugsraum für Tiere: Hirzbacher Kapellenhof stellt sechs Hektar Land für Feuchtbiotop zur Verfügung

Ortstermin in den „Langen Wiesen“: Bürgermeister Michael Göllner (von rechts), Christoph Neizert als Initiator und Pascal Küthe als Betriebsleiter des Hofguts Kapellenhof sowie Hartmut Schneider als einer der Grundeigentümer.
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Ortstermin in den „Langen Wiesen“: Bürgermeister Michael Göllner (von rechts), Christoph Neizert als Initiator und Pascal Küthe als Betriebsleiter des Hofguts Kapellenhof sowie Hartmut Schneider als einer der Grundeigentümer.

Es ist ein beachtliches Naturprojekt, das da südlich der Hammersbacher Kläranlage auf einer Fläche von rund sechs Hektar entstehen soll. Ein Feuchtbiotop, eine „Arche Noah“ für die heimische Flora und Fauna, soll laut Pressemitteilung der Gemeinde einen großzügigen Rückzugsraum für bedrohte Vögel, Amphibien und Insekten bieten.

Hammersbach – Die Idee entstand im Ökobetrieb Hofgut Kapellenhof in Hirzbach. Dort arbeitet man schon seit Beginn der 2000er Jahre ganz ohne synthetische Dünger und ohne jegliche Pestizide, um das Grundwasser und die Insekten zu schützen. Aber nicht nur im konventionellen, sondern auch im Biolandbau besteht die Notwendigkeit zu immer effizienterer Landbearbeitung. Das geht zu Lasten der Natur.

Deshalb sei laut Mitteilung die Überlegung aufgekommen, „Natur- und Landschaftsschutz einmal richtig zu machen“. Projektpartner ist auch der gemeinnützige Förderverein Hirzbacher Kapelle, dessen Satzung den Natur- und Landschaftsschutz umfasst. Bei den ersten Überlegungen war auch Bürgermeister Michael Göllner (SPD) dabei, der wertvolle Anregungen für das Konzept geben konnte.

Nachdem die Natur- und Wasserschutzbehörden grundsätzlich grünes Licht für das Vorhaben signalisiert haben, arbeitet nun ein Planungsbüro an einem Genehmigungsantrag, der in Kürze bei den Behörden eingereicht werden solle.

Bürgermeister voll des Lobes für die Initiative

„Es kommt selten vor, dass ein Landwirtschaftsbetrieb eine so große Fläche für den Naturschutz und damit auch die Allgemeinheit zur Verfügung stellt“, so Bürgermeister Göllner anerkennend. „Diese Initiative ist sehr erfreulich, und ich werde mich dafür einsetzen, dass alle beteiligten Gremien, vor allem auch die der Gemeinde Hammersbach, dieses Vorhaben billigen werden.“

Er sehe keinerlei Nachteile des Projekts, so Göllner, ganz im Gegenteil. Es füge sich nahtlos ein in zahlreiche Initiativen für den hessischen Auenschutz, ebenso wie in die bisher schon von der Gemeinde erfolgreich durchgeführten und die geplanten Renaturierungsmaßnahmen am Krebsbach.

Grundeigentümer erhalten Tauschangebote

Noch gibt es aber viel zu tun. So gehört der vorgesehene Standort zehn verschiedenen Grundeigentümern, denen attraktive Tauschangebote vorgelegt werden sollen, wenn sie ihre Flächen nicht veräußern möchten. So müssen auch die auf der vorgesehenen Fläche tätigen Landwirte nicht fürchten, dass ihnen Land verloren gehe.

Dies stimmt auch Hartmut Schneider, Grundeigentümer und stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Hirzbacher Kapelle, optimistisch: „An dem Projekt hat mich vor allem überzeugt, dass die hiesigen Landwirte keinerlei Nachteile durch das Konzept erleiden. Ihnen wird ein adäquater Ausgleich in der unmittelbaren Umgebung angeboten, sodass sie nicht fürchten müssen, dass die von ihnen genutzte Flächengröße schrumpft.“ Es sei ausschließlich das Hofgut Kapellenhof, das hier freiwillig Flächen für den Natur- und Landschaftsschutz zur Verfügung stellt. „Deshalb halte ich es für eine gute Sache, wenn alle Grundeigentümer das Projekt unterstützen, indem sie ihr Grünland tauschen oder veräußern“, so Schneider.

Rückzugsraum für Vögel, Insekten und Amphibien

Das Feuchtbiotop soll aus mehreren Teichen und Wiesenflächen bestehen. An den Grenzen der vorgesehenen Fläche schlängelt sich der Krebsbach entlang, wo auch schon der Biber wieder heimisch geworden ist. Zwei schon bestehende Himmelsteiche, die von der Gemeinde angelegt wurden, grenzen unmittelbar an das Feuchtbiotop an.

Initiator Christoph Neizert will damit unter anderem einen Beitrag gegen das Insektensterben leisten: „Seit Anfang der 1980er Jahre sind bei uns drei Viertel der Insektenmasse verschwunden, und die Zahl der Vögel ist dramatisch gesunken – mal ganz abgesehen von Amphibien, die man kaum mehr sieht. Wir möchten einen kleinen Beitrag dazu leisten, diese gefährliche Entwicklung aufzuhalten und nachhaltig umzukehren.“ Die Initiatoren wollen für diese Arten einen Rückzugsraum schaffen, wo sie sich ungestört ausbreiten könnten. „Es freut mich sehr, dass alle, denen wir das Projekt bisher vorgestellt haben, sehr positiv reagiert und ihre Unterstützung zugesagt haben“, betont Neizert.

Wiesen und Teiche müssen instand gehalten werden

Doch mit der Anlage des Biotops ist es nicht getan. Es muss auch ein stimmiges Konzept für die laufende Erhaltung geben. Damit Platz für seltene Wiesenbrüter vorhanden bleibt, müssen die Wiesen um die Teiche herum in regelmäßigen Abständen abgegrast werden, da keine schweren Maschinen auf den Wiesen eingesetzt werden sollen. Hier komme das Hofgut ins Spiel, das die Verantwortung für die Aufrechterhaltung dieses einzigartigen Habitats übernehmen wird.

„Das Feuchtbiotop ist für das Hofgut Kapellenhof ein entscheidender Baustein unseres Natur- und Landschaftsschutzkonzeptes, das wir derzeit mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen entwickeln“, erläutert Betriebsleiter Pascal Küthe die fachlichen Aspekte. „Das Feuchtbiotop ist deshalb eingebunden in eine Vielzahl von Maßnahmen, die von Blühstreifen, Ackerrandstreifen sowie Hecken- und Baumpflanzungen bis zu zeitlich versetzten Ernterhythmen reicht.“

Vorbild Erlensee: Wasserbüffelherde könnte einziehen

Während der Sommermonate sollen die Schafe des Betriebs auf den Feuchtwiesen weiden. Die „zarten Hufe“ der Tiere würden den Boden auf ideale Weise bearbeiten und die natürliche Düngung trage zur Entwicklung des Insektenlebens bei. Auch eine Wasserbüffelherde sei denkbar. Diese Tiere haben sich beispielsweise in anderen Feuchtbiotopen wie in Erlensee bewährt.

Die Projektpartner hoffen, im Lauf des Frühjahrs 2021 alle Voraussetzungen für dieses Projekt zu schaffen. Dazu werden neben den abschließenden Gesprächen mit den Grundeigentümern vor allem die Genehmigungen der Gemeinde und der Behörden nötig sein.  jow

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