Nach tödlichem Unfall auf A66

Ersthelferin aus Hammersbach und weitere Beteiligte unterstützen sich gegenseitig

Sie haben geholfen: Fabian Just (von links oben), Alina Hüttner aus Langen-Bergheim, Michelle Okrusch, Christian Slowik und Maurice Cox (unten rechts).
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Sie haben geholfen: Fabian Just (von links oben), Alina Hüttner aus Langen-Bergheim, Michelle Okrusch, Christian Slowik und Maurice Cox (unten rechts).

Der 1. Juni 2021 wird Alina Hüttner aus Langen-Bergheim wohl für immer in Erinnerung bleiben. Sie ist an diesem Dienstagmorgen mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit. Auf der A45 von Hammersbach kommend passiert sie das Langenselbolder Dreieck. Von hier ab bis zum Hanauer Kreuz verlaufen die jeweils zwei Spuren von A45 und A66 parallel.

Region/Hammersbach – Wie jeden Morgen herrscht zur Stoßzeit zwischen 7 und 7.30 Uhr dichter Verkehr. Autos wechseln eilig die Spur, wollen weiter in Richtung Aschaffenburg oder nach Hanau. So auch Alina Hüttner. Die gelernte Krankenpflegehelferin arbeitet in der Grimm-Stadt in der Kinderbetreuung. Doch an diesem Dienstag wird sie nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen.

Es ist der Morgen, an dem ein mit Schotter beladener Laster nahezu ungebremst in einen Stau zwischen dem Langenselbolder Dreieck und dem Hanauer Kreuz fährt (wir berichteten). Vor dem Lkw waren offenbar zwei Autos beim Spurwechsel zusammengestoßen, der Verkehr kam plötzlich zum Stehen, der Laster konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen oder ausweichen. Wie die Polizei später mitteilt, sind insgesamt acht Autos in das Geschehen verwickelt. Zwei der Fahrzeuge geraten in Brand. Ein 26-jähriger Mann aus Steinau an der Straße kommt ums Leben. Weitere fünf Menschen werden bei dem Unfall verletzt.

Umherfliegende Fahrzeugteile treffen nachfolgendes Auto

Den Moment des Zusammenstoßes hat Alina Hüttner nicht erlebt. Doch sie kommt unmittelbar danach als eine der ersten nachfolgenden Verkehrsteilnehmer an den Unfallort. „Zwischen mir und dem Lkw war nur ein weiteres Auto“, berichtet sie. „Es konnte noch rechtzeitig bremsen, aber es wurde bei dem Zusammenstoß von herumfliegenden Fahrzeugteilen getroffen.“

Mit der Fahrerin dieses Fahrzeugs, Michelle Okrusch, leistet die junge Frau umgehend Erste Hilfe. Weitere Helfer aus den umliegenden Fahrzeugen kommen hinzu. Schnell findet sich eine kleine Gruppe.

„Christian rief direkt die Polizei und Maurice den Rettungsdienst an“, schildert Alina Hüttner. „Eine Ersthelferin, die wir noch suchen – sie ist Studentin bei Heraeus –, und Fabian trugen eine Frau von ihrem Auto weg, aus dem sie aus dem Fenster kletterte. Michelle und ich kümmerten uns dann um sie.“

Helfer funktionieren wie ein eingespieltes Team

Die Helfer verschaffen sich schnell ein Bild der Lage, sprechen weitere Verletzte an, versuchen sie zu beruhigen und versorgen sie mit Getränken aus ihren Autos. Alina Hüttner kümmert sich um eine Frau, die sich das Bein und die Nase gebrochen hat. Sie wird später vom Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen.

„Es hört sich vielleicht seltsam an, aber wir haben so gut funktioniert, als wären wir seit Jahren ein eingespieltes Team“, erinnert sich die junge Frau. „Wir waren auch alle ganz ruhig und haben den eintreffenden Rettungskräften die Situation geschildert und die Verletzten übergeben. Unglaublich, wie der Mensch in solchen Situationen funktioniert.“

Polizei muss filmende Gaffer zurückhalten

Doch die Ersthelfer erleben am Rande des Geschehens auch verstörende Dinge. Etwa eine schimpfende Frau, die versucht, mit ihrem Auto durch die Unfallstelle zu fahren, um schnell weiterzukommen. Und leider gibt es auch bei diesem Unfall zahlreiche Gaffer, die in dieser schrecklichen Situation mit ihren Handys Fotos machen und Videos drehen. „In dem Moment selbst hat uns das gar nicht so sehr gestört. Wir hatten ja auch Wichtigeres zu tun. Die Polizei hat sich um diese Leute gekümmert. Aber im Nachhinein waren wir von dem Verhalten echt schockiert.“

Überhaupt: im Nachhinein. Zunächst geht es Alina Hüttner im weiteren Verlauf des Dienstags noch gut. Doch die belastenden Bilder gehen ihr nicht aus dem Kopf – natürlich nicht. „Am nächsten Tag kamen dann Selbstzweifel auf. Haben wir wirklich genug getan? Hätten wir vielleicht die brennenden Autos noch irgendwie löschen können?“ In dieser Situation hilft es Alina und den anderen Ersthelfern ungemein, dass sie sich austauschen können. Denn einige von ihnen haben nach den zwei Stunden Einsatz am Unfallort glücklicherweise noch Kontaktdaten getauscht. Ein weiterer Mann hat sich inzwischen auf einen Aufruf bei Facebook hin gemeldet.

Seelische Belastung macht sich erst einen Tag später bemerkbar

„Wir hätten auch die Möglichkeit, die Notfallseelsorge in Anspruch zu nehmen“, weiß die Hammersbacherin. „Doch uns ist es einfach wichtig, uns gegenseitig zu unterstützen, da wir das gemeinsam durchlebt haben. Das schweißt irgendwie zusammen.“ Auch zu „ihrem“ Unfallopfer und deren Vater hat Alina Hüttner Kontakt. Die Frau wurde operiert. „Sie sind uns unendlich dankbar. Sobald es ihr besser geht, wollen wir uns treffen.“

Und so suchen Alina und die anderen noch weitere Unfallbeteiligte, Helfer oder Geschädigte, um sich gegenseitig auszutauschen.

Und eines liegt den Ersthelfern besonders am Herzen: „Was an diesem Dienstag leider überhaupt nicht funktioniert hat, ist, dass die Leute eine Rettungsgasse bilden. Maurice und Fabian mussten sie erst frei machen. Die Einsatzfahrzeuge kamen nur mühsam zur Unfallstelle durch. Das kostet im Notfall wertvolle Minuten, vielleicht lebenswichtige.“

Die Bilder des Unfalls vom 1. Juni zwischen Langenselbolder Dreieck und Hanauer Kreuz werden den Beteiligten noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Rettungsgasse hat leider nicht funktioniert

Zudem will Alina Hüttner den Menschen die Angst nehmen, zu helfen. „Man muss ja nicht immer gleich eine Wunde verbinden“, sagt sie. Es genüge auch schon, jemanden zu beruhigen, ihm gut zuzureden, bis die Rettungskräfte kommen. Einfach bei ihm zu sein. „Jeder will doch im Ernstfall geholfen bekommen. Wir alle wollen, dass unsere Familien gesund wieder nach Hause kommen.“

Beteiligte gesucht

Wer am 1. Juni 2021 an dem Unfall auf der A66 in irgendeiner Form beteiligt war, ist willkommen, mit Alina Hüttner und den anderen Ersthelfern sowie Unfallgeschädigten Kontakt aufzunehmen, um sich gegenseitig auszutauschen. Alina Hüttner ist unter z 0163 1601113 (per SMS oder WhatsApp) oder über Instagram: alina313a zu erreichen. (Jan-Otto Weber)

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