Wenn Familie zur Gefahr wird

Albert-Schweitzer-Kinderdorf Hanau eröffnet zweite Inobhutnahme in Hammersbach

Felicia Tomkiewicz (links) ist eine der beiden Leiterinnen der Inobhutnahmen in Hanau und Hammerbach. Bettina Ohl (rechts) leitet den stationären Bereich beim ASK.
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Felicia Tomkiewicz (links) ist eine der beiden Leiterinnen der Inobhutnahmen in Hanau und Hammerbach. Bettina Ohl (rechts) leitet den stationären Bereich beim ASK.

Riesige Schlafsäle mit Mehrstockbetten, strenge Hausregeln, grimmige Erzieherinnen – ein Großteil der Bevölkerung hat noch immer ein negatives Bild von stationären Jugendhilfeeinrichtungen. „Auch bei den Familien, mit denen wir zusammenarbeiten, herrscht manchmal die Sorge, dass die Kinder bei uns nicht gut untergebracht sind“, berichtet Felicia Tomkiewicz. Die diplomierte Pädagogin betreut seit 13 Jahren Kinder und Jugendliche in der Inobhutnahme im Albert-Schweitzer-Kinderdorf Hanau (ASK). Mit dem klassischen Kinderheim haben die heutigen auf Familien zugeschnittenen erzieherischen und therapeutischen Angebote des ASK kaum noch etwas zu tun.

Hammersbach/Hanau – Wir treffen uns an diesem Vormittag in einem Wohngebiet in Hammersbach. Hier ist Anfang Oktober eine zweite Inobhutnahme des ASK Hanau eingerichtet worden. Die Herbstsonne strahlt durch die großen Fenster des geräumigen Wohnhauses. Das Laub der Bäume draußen im Garten ist bunt gefärbt. In der Küche ist die Haushälterin mit der Vorbereitung des Mittagessens beschäftigt. Ihr Hund, ein Dalmatinermischling, begrüßt die Besucher mit wedelndem Schwanz.

Im Ofen backt Brot, der Duft durchströmt das Erdgeschoss. Zwei Mädchen von etwa vier und sechs Jahren laufen den Gang entlang und öffnen uns die Tür zu ihrem Zimmer. Die Wände leuchten in einem frischen Grün, einige Spielzeuge liegen auf dem Teppich, Fensterbilder zeugen von Halloween.

In Hammersbach betreuen sieben Pädagogen bis zu neun Kinder und Jugendliche

„In den vergangenen Jahren war hier eine unserer Wohngruppen untergebracht“, erläutert Felicia Tomkiewicz die Nutzung des Hauses, das im Eigentum des ASK ist. Neben dem Gelände am Pedro-Jung-Park in Hanau gibt es in der Region noch weitere dezentrale Wohn- und Familiengruppen des Vereins, der außerdem ein Kinderdorf in Wetzlar unterhält.

Tomkiewicz teilt sich die Leitung der neuen Einrichtung in Hammersbach und der Inobhutnahme in Hanau mit einer Kollegin. Sie führen zwei gemischte Teams aus länger beschäftigten und neu angestellten Fachkräften. Allein in Hammersbach betreuen sieben Pädagogen bis zu neun Kinder und Jugendliche – in der Regel im 25-Stunden-Dienst. Das heißt, die Mitarbeiter verbringen im Wechsel einen gesamten Tag und die Nacht in dem Haus, sorgen für einen geregelten Tagesablauf, spielen und essen mit den Kindern, gehen spazieren, erledigen Behördengänge, klären den Kontakt zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen – und geben nicht zuletzt eine qualifizierte Beurteilung an das Jugendamt oder Familiengerichte, welche Perspektive aus ihrem Erleben die beste für die weitere Entwicklung des Kindes ist.

Manchmal können die Eltern sich nicht angemessen um die Kinder kümmern

„Unsere Zielsetzung ist, dass die Kinder – soweit möglich – wieder in ihre Herkunftsfamilien zurückkehren können“, erklärt Bettina Ohl, die den Stationären Bereich mit seinen verschiedenen Unterbringungskonzepten und Einrichtungen im ASK Hanau leitet. Ein Gedanke, der auf Außenstehende zunächst befremdlich wirken mag. Denn schließlich sind es ja akute Gefahrensituationen in den Familien, die die Behörden dazu veranlassen, die Kinder und Jugendlichen in sichere Obhut zu nehmen.

„Dabei geht es aber nicht immer gleich um körperliche oder gar sexuelle Gewalt“, erklären Tomkiewicz und Ohl, die in solchen Fällen Unterstützung durch den ASK-eigenen Fachdienst Trauma erhalten. „Manchmal können sich die Eltern aufgrund von Alkohol- und Drogensucht oder psychischer Krankheit nicht genügend um die Kinder kümmern. Oder es handelt sich um eine alleinerziehende Mutter, die plötzlich ins Krankenhaus muss, und es sind keine Verwandten da, die die Kinder betreuen können.“

Kinder und Jugendliche werden im Schnitt etwa drei Monate vor Ort betreut

Das ASK Hanau führt für solche Fälle einen Bereitschaftsdienst außerhalb der Öffnungszeiten des Jugendamtes durch. Dieser wird aktiviert, sobald die Polizei Kinder und Jugendliche in Gefährdungssituationen antrifft. Kann der Krisendienst durch Beratung, Einbeziehung von Verwandten, der Nachbarschaft oder Ähnliches die Situation nicht auflösen, ist die Fachkraft befugt eine Inobhutnahme vorzunehmen.

„Hier in Hammersbach haben wir die Möglichkeit, neun Kinder und Jugendliche ab vier Jahren in eigenen Zimmern unterzubringen“, erklärt Tomkiewicz. Für Kleinkinder und Säuglinge gibt es ein gesondertes Konzept. Für Geschwisterkinder können Ausnahmen gemacht werden.

Familiäre Atmosphäre: Seit Oktober bietet das ASK Hanau in Hammersbach neun Plätze zur Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Notsituationen.

„Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Inobhutnahme beträgt etwa drei Monate. Einige Kinder kehren nach wenigen Tagen bereits in ihre Familien zurück, die bei Bedarf von ASK-Mitarbeitern ambulant begleitet werden. Vor allem bei Sorgerechtsstreitigkeiten vor Gericht, bleiben die Kinder aber auch über mehrere Monate bei uns, bis ihr weiterer Weg geklärt ist.“ In solchen Fällen müssen Tomkiewicz und ihr Team dann auch die Beschulung oder die Unterbringung in einer Kita sicherstellen.

Jugendämter zahlen festen Tagessatz für die Unterbringung der Kinder

Da die Einrichtung in Hanau den Bedarf an Plätzen nicht mehr decken konnte, hat die Geschäftsleitung des ASK entschieden, in Hammersbach eine weitere Inobhutnahme einzurichten. „Die Stadt Hanau, der Main-Kinzig-Kreis und andere Kommunen im Rhein-Main-Gebiet, die bereits seit Jahren vertrauensvoll mit dem ASK zusammenarbeiten, haben diesen Schritt sehr begrüßt und unterstützt“, erklärt Bettina Ohl.

Die Jugendämter, aus deren Kommune die Kinder und Jugendlichen stammen, zahlen einen festen Tagessatz für Unterbringung, Versorgung und Personalkosten. Für Einrichtungsgegenstände oder Spielgeräte, die über den Mindeststandard hinaus gehen, sowie für besondere Freizeitangebote und die Aufrechterhaltung des hohen Betreuungsschlüssels ist das ASK auf Spenden angewiesen. So hat die „Brigitte Letsch Geborene Düppers Stiftung“ die Anschaffung neuer Möbel für die Hammersbacher Inobhutnahme mit 15 000 Euro unterstützt. Für weitere gut 8000 Euro von der „Schlag Immobilien GmbH“ konnte das Haus so umgebaut werden, dass jedem der Kinder die Geborgenheit und Privatsphäre eines eigenen Zimmers zur Verfügung steht. Bei Bedarf könnte sogar ein separat zugänglicher Wohnbereich für in Quarantäne lebende oder mit Corona infizierte Kinder abgetrennt werden.

Regelungen der Behörden müssten an die Arbeits- und Lebensverhältnisse angepasst werden

Überhaupt Corona. Der Lockdown im Frühjahr mit Homeschooling und strikten Kontaktverboten hat schon so manche funktionierende Familie an den Rand der Belastung gebracht. Darüber, wie sehr die Pandemie häusliche Gewalt noch verstärkt hat, liegen dem ASK keine exakten Zahlen vor. „Es ist auf jeden Fall auch für uns eine harte Zeit“, stellt Bettina Ohl fest.

Viele Beratungsangebote für Familien konnten nicht persönlich, sondern nur eingeschränkt stattfinden, etwa am Telefon oder über das Internet. In den Wohn- und Familiengruppen mussten die Mitarbeiter das tägliche Homeschooling für bis zu neun Kinder- und Jugendliche organisieren, die sich natürlich in dieser Zeit auch nicht mit Freunden verabreden durften. Zeitweise waren auch Gruppen in Quarantäne. Sogar der Kontakt zu den Eltern war in dieser Zeit nur auf Abstand möglich.

„Wir müssen die von den Behörden erlassenen Regelungen ständig auf unsere Lebens- und Arbeitsverhältnisse anpassen“, schildert Ohl. „Glücklicherweise fahren wir gut mit unseren Konzepten. Es gab bisher keine Eskalation. Ein großer Dank an all unsere Mitarbeiter, aber auch an die Familien und vor allem die Kinder und Jugendlichen in unseren Einrichtungen, dass sie die Situation mit so viel Disziplin und Engagement bewältigen.“

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