Nach Heimkehr aus England

Trucker aus Hammersbach wieder auf Achse

Unermüdlich: Helmut Huhn ist schon wieder auf dem Weg nach England.
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Unermüdlich: Helmut Huhn ist schon wieder auf dem Weg nach England.

Bruchköbel – Eine Nacht war er zu Hause, und schon ist er wieder auf Achse: Helmut Huhn, der Hammersbacher Trucker, der über Weihnachten in England feststeckte, ist schon wieder auf dem Weg. Fahrziel England. Ausgerechnet die Insel, die er nur mit allergrößter Mühe verlassen konnte, nachdem die französischen Behörden vergangene Woche für alle Lkw-Fahrer ohne Corona-Test die Häfen geschlossen hatten.

„Er hat die Fracht für einen Kollegen mit Kindern übernommen“, freut sich sein Chef Markus Grenzer, der Geschäftsführer der Spedition Maintaler in Bruchköbel, über so viel Einsatzbereitschaft seines Fahrers.

Am Sonntagmittag erst hatte Huhn den Auflieger seines Lkw auf dem Firmengelände der Spedition Maintaler in Bruchköbel abgestellt. Es war das Ende einer fast zweiwöchigen Tour, die der Hammersbacher Trucker nicht so schnell vergessen wird. Huhn gehörte zu den mehreren Tausend Lkw-Fahrern, die Großbritannien nicht verlassen konnten, weil Frankreich wegen der rasanten Ausbreitung des mutierten Corona-Virus die Grenzen auch für den Warenverkehr geschlossen hatte (wir berichteten in unserer Ausgabe vom Heiligen Abend ausführlich).

„Habe alles richtig gemacht“

Angesichts der Tatsache, dass es immer noch Kollegen gibt, die darauf warten, die Insel verlassen zu können, habe er noch großes Glück gehabt, sagt Huhn, der beim Anruf unserer Zeitung sein erstes Frühstück daheim seit dem 12. Dezember genoss. Das Weihnachtsfest wird er so schnell nicht vergessen. Den Heiligen Abend und auch den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachte er auf einem Autohof etwa sechs Kilometer vom Fähranleger in Dover entfernt. „Glücklicherweise hatte ich genug zu essen dabei und auch noch eine Kerze kaufen können.“ Somit sei die Stimmung in der Fahrerkabine zumindest ein wenig weihnachtlich gewesen, berichtet er. Auch freut er sich darüber, dass er instinktiv alles richtig gemacht hat. Statt zu dem ehemaligen Flughafen ins 30 Kilometer entfernte Manston zu fahren, wo das britische Militär ein Testzentrum errichten wollte und wo sich im Laufe der Tage kilometerlange Staus gebildet hatten, war er auf dem Autohof geblieben, wo es Duschen und Toiletten gab. Diesen Standort habe er angesichts der chaotischen Situation um Dover herum nicht aufgeben wollen. Am ersten Weihnachtsfeiertag lief er zu Fuß zum sechs Kilometer entfernten Fährhafen, um die Lage zu sichten. „Die frische Luft und die Bewegung taten mir ja gut“, erzählt er.

Zu seiner Überraschung hatte sich der Stau dort bereits wieder aufgelöst. „Es gab kaum noch Lkw an der Zufahrt.“ Zudem erfuhr er, dass es im Hafen noch Restbestände von Coronatests gab. „Ich konnte den notwendigen Test also gleich vor Ort ablegen und die Rückfahrt für den nächsten Morgen reservieren.“ Um Punkt 3 Uhr in der Nacht des zweiten Weihnachtstags legte die Fähre von Dover ab. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, englischen Boden zu verlassen“, sagt er. Die Ankunft in Calais sei ein Gefühl wie bei einer Mondlandung gewesen. Bevor er die letzten 620 Kilometer in Richtung Heimat antrat, legte der Hammersbacher noch eine Pause ein. „Ich hatte wegen der nächtlichen Überfahrt nur wenig geschlafen.“

Dass er jetzt genau dorthin zurückkehrt, wo er sich in den vergangenen Tagen wie ein Gefangener gefühlt hat, sieht er mittlerweile gelassen. „Die Lage entspannt sich jetzt zunehmend“, sagt er und hofft, dass die Brexit-Veränderungen, die das neue Jahr mit sich bringt, daran nichts ändern werden.

Fünfstelliger Verlust für das Unternehmen

Erleichtert zeigt man sich auch in der Firmenzentrale in Bruchköbel. Maintaler-Geschäftsführer Markus Grenzer hatte die gesamten Weihnachtsfeiertage Kontakt zu seinen insgesamt neun Fahrern gehalten, die auf der Insel feststeckten. „Die Feiertage habe ich nicht wirklich genießen können“, so der Geschäftsführer. Besonders nervenaufreibend war sowohl für Grenzer als auch für Huhn die unsichere Informationslage. Vor allem in den sozialen Netzwerken seien abenteuerliche Nachrichten verbreitet worden. „Die meisten Informationen waren reine Fake News“, weiß Huhn heute. Und selbst die deutsche Botschaft sei nicht immer auf dem aktuellen Stand gewesen. Grenzer hatte von Bruchköbel aus versucht, alternative Routen zu finden. Ungeachtet der menschlichen Belastung sei für das Unternehmen ein wirtschaftlicher Schaden entstanden, der im fünfstelligen Bereich liege. „Wir müssen jetzt herausfinden, wer uns dafür entschädigt“, so Grenzer.

Währenddessen gibt Helmut Huhn jetzt Gas. Seine Lieferungen – Eventmaterial und chemische Erzeugnisse – werden in Birmingham und Dartford erwartet. Zu Beginn des neuen Jahres sollte er wieder zurück in Bruchköbel sein. Vorausgesetzt am Fährhafen läuft alles glatt.

Sonntagnacht war es so weit: Helmut Huhn konnte die Insel mit der Fähre von Dover verlassen.

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