Die Gefahr vor Augen

Main-Kinzig-Kreis kritisiert Land: Hochwasserschutz zu langsam umgesetzt

Gefährlich nah kam das Hochwasser im Januar auch dem Nidderauer Stadtteil Heldenbergen. archiv
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Gefährlich nah kam das Hochwasser im Januar auch Nidderau.

Es ist erst ein paar Monate her, da stand die Altstadt von Büdingen unter Wasser, die Nidderauen waren überflutet, und auch die Pegel von Kinzig und Main stiegen rasant an. Die Bilder, die jetzt aus NRW und Rheinland-Pfalz um die Welt gehen, zeigen eindrücklich, was Unwetter und Regen anrichten können.

Main-Kinzig-Kreis - Wie ist es um den Hochwasserschutz im Main-Kinzig-Kreis bestellt? Sind die verantwortlichen Stellen vorbereitet auf Starkregen, ansteigende Pegel, Überschwemmungen? Das wollten wir wissen und haben beim Kreis und dem zuständigen Regierungspräsidium (RP) Darmstadt nachgefragt.

Mit der Nidder, der Kinzig, dem Main, aber auch Hauptnebengewässern wie der Salz oder der Bracht gibt es zwischen Maintal und Schlüchtern eine ganze Reihe von Flüssen, die im Falle von Starkregenereignissen kräftig anwachsen können. Das haben die vergangenen Wintermonate gezeigt. Hochwasserschutz gehöre daher zu einem festen Schwerpunkt der Unteren Katastrophenschutzbehörde beim Main-Kinzig-Kreis, teilt dieser auf Nachfrage unserer Zeitung mit.

264 Warnsirenen-Standorte im Kreis

Der Kreis wirbt für die Nutzung von Warn-Apps, allen voran Katwarn. Darüber werde die Bevölkerung schnell gewarnt. Rund 62 000 Nutzerinnen und Nutzer sind darüber derzeit registriert, die ihre Warnungen im Familien- und Bekanntenkreis teilen. Es sei davon auszugehen, dass durch eine rasche Verbreitung und das Teilen von Warnmeldungen binnen kurzer Zeit mindestens 200 000 Bürger erreicht werden könnten. Trotz aller Digitalisierung, das hätten die Ereignisse der vergangenen Tage gezeigt, müssten auch die älteren Menschen im Blick behalten werden. Für sie brauche es die klassischen Alarmwege, also und insofern auch die Warnsirene. Im Kreisgebiet gibt es 264 Warnsirenen-Standorte. Sie werden eigenständig durch die Kommunen überprüft, wobei die meisten Städte und Gemeinden einen festen Prüfturnus haben: monatlich, quartalsweise oder halbjährlich. Davon abgesehen würde bei Unwetterereignissen auch frühzeitig über den Rundfunk gewarnt, so der Kreis.

Die Untere Katastrophenschutzbehörde bewerte die Lage nach aktuellen Ereignissen immer wieder neu. Neben dem Personellen, Organisatorischen und hinsichtlich der Fahrzeuge und des Equipments gebe es gerade im Main-Kinzig-Kreis noch ein weiteres Thema in dem Zusammenhang: der Bau von Hochwasserrückhaltebecken. Für den Kreis hat sich nichts an der Einschätzung geändert: An den Hauptnebengewässern wie der Salz und der Bracht werden Hochwasserrückhaltebecken gebraucht. Dies gerade auch als Ergänzung zur Talsperre, die in den vergangenen vier Jahrzehnten schon große Dienste für das Kinzigtal geleistet habe. Hinzu kommt laut Kreis das Ziel, auch am Fallbach vor Erlensee ein Rückhaltebecken zu errichten.

Nach wie vor keine Genehmigung für Rückhaltebecken

Der aktuelle Stand sei der, dass in Bad Soden an der Salz die weitere Umsetzung gebremst sei durch die bekannten Bedenken des Regierungspräsidiums, weil ein angrenzender Hang rutschen könnte. Das sei zwar 2014 durch ein Fachbüro bereits verneint worden, auch die geologischen Messungen der folgenden Jahre hätten kein anderes Bild ergeben. Dennoch ziehe sich das Projekt und könne selbst im günstigsten Falle erst 2028 fertiggestellt werden.

Dazu sagt das Regierungspräsidium, etwaige Hangsicherungsmaßnahmen seien noch nicht geklärt. Insoweit liege noch keine Genehmigung vor. Gerade die Erfahrungen im jetzigen Flutgebiet hätten gezeigt, wie wichtig es sei, „die Gefahr von Hangrutschungen sorgfältig zu untersuchen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Dies ist fachlich sehr komplex und anspruchsvoll“, so RP-Sprecher Christoph Süß.

Stolz: „Sollten alles daran setzen, das in unserer Region zu verhindern“

Etwas schneller könnte es mit einem Rückhaltebecken in Weilers an der Bracht gehen. Auch hier seien in den vergangenen Jahren einige Bedenken bei der Genehmigungsbehörde auszuräumen gewesen. Immerhin könne hier noch in diesem Jahr das Planfeststellungsverfahren eingeleitet werden. Mit einer Fertigstellung wäre aber auch hier erst im Jahr 2027 zu rechnen, so der Kreis. Zuletzt sei ein sogenanntes Scoping durchgeführt worden, führt RP-Sprecher Süß aus. Dies bedeute, der Umfang der erforderlichen Untersuchungen zur Umweltverträglichkeit sei bestimmt worden. Der Wasserverband Kinzig könne auf Grundlage dieser Untersuchungen dann den Planfeststellungsantrag ausarbeiten und dem RP vorlegen.

„Die Flut-Bilder aus den letzten Tagen haben sicher niemanden von uns kalt gelassen. Das waren dramatische Momente, für die Menschen traumatische Erlebnisse. Wo es in unserer Macht steht, sollten wir alles daran setzen, das in unserer Region zu verhindern. Wir kennen die Szenarien und wissen, dass im Kinzigtal hunderte oder gar tausende Menschen mit ihrem Hab und Gut bedroht wären“, erklärt Thorsten Stolz auf Nachfrage unserer Zeitung.

Planungsdauer von über 20 Jahren nicht hinnehmbar

Hochwasserschutz sei natürlich immer mehr als das Thema Hochwasserrückhaltebecken. „Das ist auch Personal, Equipment, Fahrzeuge, Notversorgung, Kooperation. Aber die Rückhaltebecken sind für uns eben ein zentrales Thema, weil wir den Schutz für die Ortschaften im Spessart, im Vogelsberg und im weiteren Verlauf an Kinzig und Main deutlich erhöhen könnten.“ Leider stoße der Main-Kinzig-Kreis bei den Genehmigungsbehörden immer wieder an Grenzen.

Stolz: „Ich hoffe sehr, dass die Erfahrungen aus diesem schlimmen Ereignis in Westdeutschland dazu führen, dass Themen wie dem unseren wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Es ist geradezu ärgerlich, dass Planungen wie für ein grünes Becken über 20 Jahre dauern, das Risiko für ein solch katastrophales Ereignis aber schon enorm gestiegen ist.“

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Sandsäcke zum Schutz: In Langenselbold kamen sie Anfang Februar zuletzt zum Einsatz.

ICE-Strecke und Hochwasserschutz

Auch beim Thema ICE-Neubaustrecke der Deutschen Bahn kommt der Hochwasserschutz immer wieder auf den Plan. Zuletzt hatte der Main-Kinzig-Kreis für und mit dem Wasserverband Kinzig vehement protestiert, als eine Ausbauvariante mittels Brücke über den Kinzigstausee in Ahl führen sollte. Dies hätte eine Bohrung auf Seegrund in einer Tiefe von rund 60 Metern bedeutet, mit unabsehbaren Folgen für die Bodendichte, wie ein Gutachten aufgezeigt hat. Das Talsperrensystem und die Bodenschichten hätten dadurch instabil zu werden gedroht. Der Protest war an der Stelle erfolgreich: Die Überlegung in der sogenannten Variante IV ist vom Tisch, demnach würde der Stausee nun südlich umfahren. Noch aktuell sind allerdings Pläne eines Brückenbauwerks auf der Fläche, das für ein Rückhaltebecken bei Weilers benötigt würde, mit gleichen Vorbehalten seitens des Wasserverbands (Variante VII). Diese Prüfung und Auseinandersetzung ist noch nicht abgeschlossen. Die Einwände aus dem Main-Kinzig-Kreis sind aber den entsprechenden Stellen bekannt. bac

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