Bildung

„Hört der Kreis seine Schüler?“: Kreisschülervertretung fordert in der Corona-Krise mehr Mitspracherechte ein

Vieles hat sich verändert an den Schulen: Maskenpflicht und Hygienevorschriften sollen vor dem Virus schützen. Die Schüler wollen bei den Konzepten mitreden.
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Vieles hat sich verändert an den Schulen: Maskenpflicht und Hygienevorschriften sollen vor dem Virus schützen. Die Schüler wollen bei den Konzepten mitreden.

Sie hören zu, wägen Argumente ab, stellen ihre Meinung dar, sind rhetorisch fit und sehr engagiert. Vor allem aber sind sie jung: Özan Erbasaran (19), Michelle Franzel (19), Paul Graszynski (17) und Julian Damm (16) arbeiten in der Kreisschülervertretung, sind dort Teil eines 15-köpfigen Vorstandsteams.

Region – Die Kreisschülervertretung vertritt die 30 000 Schüler der weiterführenden Schulen im ganzen Main-Kinzig-Kreis. In Corona-Zeiten sehen auch sie sich mit neuen Problemen und Themen konfrontiert und haben zur Bildungspolitik, aber im Speziellen zu den konkreten Situationen an den Schulen ihre eigenen Standpunkte. Und sie wünschen sich, dass ihre Meinung bei den Verantwortlichen mehr Gehör findet.

Darum schickte die Kreisschülervertretung vor einigen Tagen eine Pressemitteilung raus mit der Überschrift „Hört der Kreis seine Schüler?“, worin sie dem Main-Kinzig-Kreis unter anderem vorwerfen, sie nicht mehr über Termine und Treffen von Arbeitsgruppen mit Verwaltung, Schule und Elternvertretern informiert zu haben. Der HANAUER ANZEIGER hat daraufhin die Schülervertreter eingeladen, um zu erfahren, was die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Zeiten der Pandemie in Sachen Schule bewegt und was ihre Forderungen sind.

Der 16-jährige Julian Damm kommt aus Linsengericht und will an den Beruflichen Schulen in Gelnhausen sein Abitur machen. Er sagt: „Positiv finde ich, dass die Maskenpflicht auch auf den Fluren der Schule gut umgesetzt wird. Durch diese Krise wird auch der Schulzusammenhalt noch einmal gestärkt.“

Main-Kinzig-Kreis: Erinnerung an die Schließung der Schulen wegen Corona

Özan Erbasaran besucht die gleiche Schule und wird im kommenden Jahr sein Abitur machen. Er erinnert sich an den Beginn der Corona-Krise, als die Schulen von einem Tag auf den anderen geschlossen wurden. „Es war chaotisch, wir haben viel Lernstoff verloren. Mittlerweile arbeitet auch unsere Schule mit MS Teams, das klappt schon besser. Aber trotzdem ist vieles ungewiss.“ Er ist in der Oberstufe, dort gibt es keine festen Lerngruppen, sondern ein Kurssystem. Wenn dort ein Lehrer in Quarantäne muss, dann fällt er für viele Kurse aus. Özan hat Sorge, dann nicht gut genug für das Abitur vorbereitet zu sein. „Diese Unsicherheit ist da.“

Auch Michelle Franzel kennt diese Bedenken. Sie ist froh, dass sie ihr Abitur an der Kreuzburg in diesem Jahr bereits geschafft hat. In Hessen waren die Abiturprüfungen Ende April, also noch zu Beginn der Corona-Krise. „Aber für die mündlichen Prüfungen hat die Vorbereitung in der Schule gefehlt.“ Jetzt will die junge Frau Jura studieren. Bis zu den nächsten Neuwahlen zur Kreisschülervertretung, die am 25. September stattfinden sollen, ist Franzel noch Kreisschulsprecherin. Sie sagt: „Schüler dürfen nicht die Gruppe sein, die bei allen Diskussionen über Schule vergessen wird.“

Die Kreisschülervertretung vertritt rund 30 000 Schüler im Kreis. Özan Erbasaran (von links), Michelle Franzel, Paul Graszynski und Julian Damm sind Teil eines 15-köpfigen Vorstandsteams und sprechen über die Sicht der Schüler auf die Corona-Krise und ihre Ideen für Lösungen.

Sie wollen aktiv an Entscheidungen für die Schulen im Kreis teilhaben, immerhin gehe es in den Einrichtungen um die Schülerinnen und Schüler, die die größte Gruppe darstellen würden, so die 19-Jährige. Und Özan Erbasaran ergänzt: „Wenn wir zu Sitzungen vom Kreis, Elternvertretern und Gesundheitsamt nicht eingeladen werden, dann nimmt man uns unser Mitspracherecht.“

Kreisschülervertretung möchte ernst genommen werden

Seine Mitstreiter stimmen ihm zu. Sie wollen von den Verantwortlichen einfach nur ernst genommen werden. Dabei sind sie weder blauäugig noch naiv. Sie sind sich des Ernstes der Lage absolut bewusst und befürworten die Hygienemaßnahmen an den Schulen.

Paul Graszynski sagt: „Die Masken sind wichtig, ich hatte heute elf Schulstunden mit Maske, das geht, das funktioniert und ist auszuhalten.“ Seine Beobachtung an der Kopernikusschule in Freigericht, wo er die Oberstufe besucht ist, dass die Schüler sich überaus diszipliniert an die Hygienevorgaben und an die Maskenpflicht halten. Allerdings bemängeln die vier Schülervertreter, dass die Verantwortlichen insbesondere die Regelungen zur Maskenpflicht im Unterricht nicht zu Ende gedacht haben. So wurden die Einzugsgebiete der Schulen nicht bedacht. Am Kreuzburg Gymnasium in Großkrotzenburg müssen die Schüler im Unterricht keine Masken tragen. Der Erlass des Kreises zur Maskenpflicht in den Unterrichtsräumen betrifft nur Hanau, Erlensee, Bruchköbel, Neuberg und Erlensee. „Aber an die Kreuzburg kommen ganz viele Schüler aus Hanau und den aktuellen Risikogebieten des MKK, Bruchköbel, Neuberg, Erlensee“, so Franzel. Auch die Kopernikusschule, mit 2600 Schüler die größte Schule im Kreis, hat rund 900 Schüler aus dem Altkreis Hanau, weiß Paul Graszynski und auch dort gelte im Unterricht keine Maskenpflicht.

Schülervertretung: „Präsenzunterricht ist wichtig für die Psyche“

Mit Blick auf die Herbstferien hoffen die vier Schülervertreter, dass die Schulen und Ämter besser vorbereitet sind als nach den Sommerferien. Da sei vieles zu kurzfristig und erst kurz vor Schulöffnung entschieden worden. Die Software MS Teams, die der Kreis für alle Schulen im Kreis zur Verfügung gestellt hat, und die bisherigen Erfahrungen seien immerhin eine gute Basis, um in die kältere Jahreszeit zu gehen, meint Paul Grasyzynski.

Alle plädieren dafür, den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten. „In den Monaten des Lockdowns gab es für Jugendliche viel soziale Isolation, es war schwer, weil die Routinen und die Alltagsstruktur fehlten“, berichtet Paul. Sollte es noch einmal zu längeren Zeiten des Distanz-Unterrichts kommen, sei ein geregelter und verpflichtender Online-Unterricht allein für das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen wichtig, meint der 19-Jährige.

Gerade weiterführende Schulen bräuchten wegen Corona neue Konzepte

Gerade für die weiterführenden Schulen mahnt auch Michelle Franzel angesichts von Corona neue Konzepte an. „Gut wären A- und B-Gruppen im Schichtbetrieb und Konzepte, damit Präsenz- und Distanz-Unterricht parallel laufen können, um die Sicherheit für Schüler und Lehrer zu erhöhen.“

Das würde in der kalten Jahreszeit auch die Engpässe in der Schülerbeförderung entzerren. Denn die Bussituation war schon vor Corona ein Problem, betont Paul Graszynski. Das Schlimme sei, dass sich bei dem Thema trotz Corona nichts verbessert hätte. Was sich die Schülervertreter von den Verantwortlichen beim Umgang mit der Krise wünschen? „Wir wollen eingebunden werden. Und die Treffen, die stattfinden, sollten produktiver und mit klaren Ergebnissen sein“, meint Julian Damm, der sich auch im Landesschülerrat engagiert. Und Özan Erbasaran ergänzt: „Es wäre schön, wenn die Behörden nicht mehr so langsam arbeiten.“

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