Corona

Kinderarzt mit Ebola-Erfahrung koordiniert im Kreisgesundheitsamt Covid-19-Maßnahmen

Koordiniert im Kreisgesundheitsamt die Covid 19-Maßnahmen: Christoph Höhn.
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Koordiniert im Kreisgesundheitsamt die Covid 19-Maßnahmen: Christoph Höhn.

2014 kämpfte er in Sierra Leone gegen Ebola. Nun ist der Wächtersbacher Kinderarzt Christoph Höhn wieder im Main-Kinzig-Kreis und engagiert sich im Gesundheitsamt für den Kampf gegen Corona.

Gelnhausen – Der nächste Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ in Liberia steht kurz bevor, da durchkreuzt der Corona-Lockdown die Pläne von Christoph Höhn. Ausreise und Wiedereinreise nach Deutschland sind zu unsicher. Kurzentschlossen bewirbt sich der engagierte Kinderarzt aus Wächtersbach beim Kreisgesundheitsamt. Dort liegt seit Ende März „alles, was mit Covid-19 zu tun hat“ in seinem Verantwortungsbereich. Die Erfahrungen aus seinen zahlreichen Auslandseinsätzen sind dem 38-Jährigen dabei von großem Nutzen.

Bereits als junger Assistenzarzt folgt Höhn dem Beispiel eines Studienfreundes, der sich für ein Projekt von „Ärzte ohne Grenzen“ in Kenia beworben hatte. Ihn selbst führt es 2012 für 14 Monate nach Tadschikistan, wo er sich um Kinder kümmert, die von multiresistenten Tuberkulosekeimen befallen sind. Sein wohl gefährlichster Einsatz findet 2014 während des Ebola-Ausbruchs in Sierra Leone statt. Die Viruskrankheit ist hochansteckend und verläuft in sehr vielen Fällen tödlich. Sechs Wochen ist der Kinderarzt vor Ort, um bei der Versorgung der Kranken zu helfen. Oft sei es um die palliative Behandlung gegangen. „Es war ein schwerer Einsatz, aber auch erfüllend“, sagte er damals in einem Zeitungsinterview über diese Zeit.

Main-Kinzig-Kreis: Seine Auslandseinsätze hätten Höhn für den klassischen Ärzteberuf „verdorben“

Doch auch wenn das Heilen von Kindern für ihn „größte Freude“ bedeutet, interessiert sich der Mediziner aufgrund seiner Einsätze schnell für den wichtigen organisatorischen Überbau der medizinischen Hilfe. „Ich glaube, meine Auslanderfahrungen haben mich für den klassischen Ärzteberuf ‘verdorben’, sagt er. Effektive Organisation und Ressourcen optimal nutzen – das sind heute seine Themen. „Bei ‘Ärzte ohne Grenzen’ arbeitet man ja nicht nur mit Berufskollegen zusammen, sondern in einem großen Team aus Pflegekräften sowie Verwaltungs- und Logistikpersonal“, erklärt Höhn. Man gehe als Führungsperson in den Einsatz, bespreche sich mit den Ärzten vor Ort. In London legt Höhn 2019 seinen Master in „Public Health“ (Öffentliches Gesundheitswesen) ab.

Blick in ein Büro des Kreisgesundheitsamts. 110 Mitarbeiter sind aktuell mit der Pandemie-Bewältigung befasst.

Das Coronavirus sorgt nun dafür, dass bei dem Mediziner auch in Deutschland keine Langeweile aufkommt. Im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen arbeitet er nun ebenfalls mit einem großen Team zusammen. Es verfolgt unter anderem Infektionsketten und hält Kontakt zu den Corona-Patienten.

Meisten Fälle nach den Sommerferien im Main-Kinzig-Kreis seien auf Reiserückkehrer zurückzuführen

Nach Ende der Sommerferien sind die Zahlen der Infizierten wieder sprunghaft angestiegen. „Die aktuellen Fälle sind zumeist auf Reiserückkehrer zurückzuführen“, erklärt Höhn. Im Gegensatz zum Anfang der Pandemie, in dem es größere Ausbrüchen in Alten- und Pflegeeinrichtungen gab, seien momentan 80 Prozent der Erkrankten jünger als 50 Jahre. Vor wenigen Monaten waren es lediglich 40 Prozent. Das Gute: Nur eine Person wird derzeit im Krankenhaus behandelt. „Zum Glück lässt sich in den meisten Fällen die Ansteckung zurückverfolgen. Eine Überraschung erleben wir selten“, erklärt der Fachmann. Dass die Fälle allerdings komplizierter werden, zeigt die Nachfrage einer Mitarbeiterin im Büro von Christoph Höhn. Bei der von ihr betreuten Person handelt es sich um einen Reiserückkehrer aus einem Risikogebiet, der unabhängig davon Kontakt zu einem positiv Getesteten hatte. Der vorgelegte Negativtest ist nicht aussagekräftig genug, weil der Abstrich laut Labor nur unzureichendes Material hergab. Höhn entscheidet: Die Quarantäne bleibt bestehen.

Wer in die Isolation muss und wer nicht, das entscheidet das Gesundheitsamt. Für Außenstehende sind die Vorgaben manchmal verwirrend. Während die Klassenkameraden und deren Geschwister der bestätigten Corona-Fälle an der Hohen Landesschule in Hanau in Quarantäne mussten, dürfen sich deren Eltern frei bewegen. „Sie hatten keinen direkten Kontakt zum Indexfall. Und natürlich sollen sie in dieser Zeit engen Kontakt mit ihren Kindern vermeiden. So weit das eben möglich ist.“ Bei den Geschwisterkindern verhält es sich anders. In der Schule haben sie einfach zu viele Begegnungen mit anderen Mädchen und Jungen. Sie müssen daher zu Hause bleiben.

Auch die Ordnungsämter der Kommunen im Main-Kinzig-Kreis seien eingebunden

„Den Kontakt halten wir zumeist telefonisch“, sagt Höhn. In die Überwachung der Quarantäre seien vermehrt auch die Ordnungsämter der Kommunen eingebunden. Eine lückenlose Kontrolle sei aber nicht möglich. „Wir sind ein freies Land und daher auf die Kooperation der Menschen angewiesen.“ Ihn befremde eher, dass sich manche Leute so harte Maßnahmen wie in Russland oder China wünschen. Zudem sei ihm kein Fall bekannt, in dem Quarantänebrecher jemanden angesteckt hätten.

Ansonsten erstaune ihn, wie viele seiner Erfahrungen im Ebola-Gebiet sich mit denen der Corona-Krise ähneln. „Auch in Afrika gab es Verschwörungstheorien“, berichtet Höhn. Viele der Menschen dort glaubten nicht an die Existenz der Krankheit, sondern hielten das Phänomen Ebola für eine politische Lüge, die von der eigenen Regierung in die Welt gesetzt worden sei, um Entwicklungshilfegelder von westlichen Geberstaaten abzugreifen. In Deutschland demonstrierten jüngst Corona-Leugner in Berlin gegen die Hygienemaßnahmen.

Main-Kinzig-Kreis: Dem Gesundheitsexperten sei es lieber, wenn noch mehr getestet werden würde

Die sind nach Meinung des Experten aber unerlässlich, um eine weitere Verbreitung des Virus zu vermeiden. Am liebsten wäre ihm, es könnte noch mehr getestet werden, „selbst bei milden Erkältungssymptomen“. Doch das sei bei der nahenden Erkältungs- und Grippesaison schwierig umzusetzen. Die Labore sind bereits jetzt am Limit.

Für den kommenden Herbst fühlt sich Höhn trotzdem gut gerüstet. „Personell sind wir gut aufgestellt“, sagt der Fachmann. Auch wenn die Belastung für alle Mitarbeiter natürlich hoch sei. Verbessern möchte er die Vernetzung mit den 250 niedergelassenen Ärzten im Kreisgebiet. „Da läuft noch sehr viel über Fax“, so Höhn.

Im Main-Kinzig-Forum ist er angekommen. Obwohl der Wächtersbacher sehr gerne als Kinderarzt praktiziert hat, müsse er nicht mehr „an der vordersten Front“ kämpfen, um Erfüllung zu finden. „Ich denke, auch an dieser Stelle kann ich viel bewegen.“

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