Main-Kinzig-Kreis

Die Kreis-CDU in der Krise: Katja Leikert im Interview

Niederlage in Bruchköbel: Den Verlust der einstigen CDU-Bastion kreiden selbst einige Christdemokraten der Kreisvorsitzenden an. Hier beobachtet sie gemeinsam mit ihrem Kandidaten Daniel Weber (links) und dem CDU-Landtagsabgeordneten Max Schad das für die CDU enttäuschende Ergebnis auf der Leinwand. Archivfoto: Scheiber

Main-Kinzig-Kreis. Durch den Sieg des SPD-Kandidaten Timo Greuel bei der Bürgermeisterwahl in Langenselbold am Sonntag hat die CDU jetzt auch das letzte Rathaus in den 29 Kommunen des Main-Kinzig-Kreises verloren. Das ist vor allem bitter für die heimische Bundestagsabgeordnete und CDU-Kreisvorsitzende Dr. Katja Leikert.

Von Yvonne Backhaus-Arnold und Holger Weber

Sie war 2018 mit dem Ziel angetreten, verlorengegangene Rathäuser zurückzuerobern. Schon vor der Niederlage von Tobias Dillmann in der Gründaustadt traf die CDU der Verlust des Bürgermeisterpostens in Bruchköbel hart.

Dort gab es bei der Wahl im Oktober neben dem offiziell nominierten CDU-Kandidaten Daniel Weber mit dem Stadtverbandsvorsitzenden Thomas Sliwka sowie Dietmar Hußing gleich zwei unabhängige Bewerber mit CDU-Parteibuch. Die Schuld für die Spaltung der Partei in Bruchköbel sehen viele in der Personalpolitik Leikerts.Im schriftlich geführten Interview mit unserer Zeitung zieht Leikert nun Bilanz und erklärt, warum sie trotz der Niederlagenserie im März erneut für das Amt der Kreisvorsitzenden kandidieren möchte.

Frau Leikert, Sie sind im Mai 2018 als neue Parteivorsitzende mit dem Ziel angetreten, die Zahl der CDU-Bürgermeister im Main-Kinzig-Kreis wieder zu mehren. Nach der verlorenen Langenselbold-Wahl gibt es zwischen Maintal und Schlüchtern keinen einzigen CDU-Bürgermeister mehr. Und jetzt?"Arbeiten wir hart daran, dass sich das wieder ändert."

Wie erklären Sie sich den Niedergang Ihrer Partei vor Ort?"Natürlich sind wir mit dem Abschneiden der CDU-Kandidaten bei Bürgermeisterwahlen nicht zufrieden. DerVerlust der Rathäuser in Bruchköbel und Langenselbold schmerzt besonders. Am Ende haben unsere Kandidaten in der Stichwahl verloren. Der Wähler hat demokratisch entschieden.

Im Übrigen halte ich es für überzogen, von einem 'Niedergang der Partei vor Ort' zu sprechen. Ihre Fragestellung blendet völlig aus, dass die CDU sowohl bei der Landtags- und Bundestagswahl 2013, als auch bei der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 alle Direktmandate im Main-Kinzig-Kreis gewonnen hat.

CDU-ler haben Schlüsselpositionen

Michael Reul als haushaltspolitischer Sprecher und Heiko Kasseckert als wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU Landtagsfraktion bekleiden ebenso wie Peter Tauber als Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung und ich als stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Schlüsselpositionen. Max Schad hat sich in seinem ersten Jahr als Landtagsabgeordneter als fleißiger, stets ansprechbarer und umsetzungsstarker Politiker einen Namen gemacht. Nach der Kommunalwahl 2016 mit mir als Spitzenkandidatin sind wir nach einer starken Teamleistung zudem in die Kreisregierung zurückgekehrt. Winfried Ottmann leistet hier als hauptamtlicher Kreisbeigeordneter sehr gute Arbeit.

Nicht zu vergessen die starken CDU-Verbände vor Ort mit vielen engagierten Gemeindevertretern und Stadtverordneten, die gemeinsam mit anderen Fraktionen in Koalitionen oder bei offenen Mehrheiten konkret Projekte in den Kommunen voranbringen. Gemeinsam können und wollen wir als CDU für den Main-Kinzig-Kreis auf allen Ebenen viel erreichen. Dabei machen wir im Einsatz für die Städte und Gemeinden auch keinen Unterschied, ob ein SPD-, FDP-, unabhängiger oder hoffentlich bald auch wieder CDU-Bürgermeister im Chefsessel sitzt."

Sehen Sie auch Fehler bei sich selbst?"Kein Mensch ist fehlerlos, das gilt selbstverständlich auch für mich. Wichtig ist, dass man aus Fehlern lernt. Ich lege Wert darauf, dass Kritik direkt geäußert wird und Entscheidungen transparent sind."

Wie wollen Sie erreichen, dass die CDU in Neuberg und Nidderau, wo 2020 ein neuer Bürgermeister gewählt wird und der Amtsinhaber nicht mehr kandidiert, das Blatt wendet? "Die CDU Nidderau hat mit Phil Studebaker bereits einen kompetenten Kandidaten ins Rennen geschickt. Der Kreisverband wird die CDU Nidderau nach Kräften im Wahlkampf organisatorisch unterstützen. Kein Verband muss das Rad neu erfinden, deswegen bin ich hier bereits seit Wochen in regem persönlichen Austausch mit Kandidat und Vorstand. Das gleiche gilt für die CDU Neuberg, die sich derzeit noch in der Findungsphase befindet."

Wie wollen Sie überhaupt Impulse in die Basis geben, die am Ende auch beim Wähler ankommen?"Aus meiner Sicht funktioniert Kommunalpolitik genau umgekehrt: Die Basis sollte Impulse nach 'oben' weitergeben, keine Anweisungen nach 'unten' herabverordnet werden. Direkt nach meiner Wahl zur Kreisvorsitzenden habe ich daher das Format der 'Kreiskonferenzen' etabliert. Hierzu sind immer alle Mitglieder – nicht nur die Vorsitzenden und Fraktionsvorsitzenden – eingeladen.

In dieser Woche treffen wir uns bereits zum siebten Mal; derzeit erarbeiten wir gemeinsam die Grundlagen für unser Kommunalwahlprogramm 2021. Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind durchschnittlich bei diesen Treffen mit von der Partie. Jeder kann sich hier einbringen, seine Meinung sagen oder sich vielleicht auch einfach mal den Frust von der Seele reden. Viele Bürgermeisterkandidaten haben die Kreiskonferenzen genutzt, um sich einer breiteren Mitgliederbasis vorzustellen.

Regelmäßige Treffen für besseren Austausch

Und ganz wichtig: Wir hören einander zu. Das dabei richtig gute Ideen herauskommen, beweisen zum Beispiel die Anträge der CDU-Kreistagsfraktion für die Errichtung von E-Ladesäulen im Main-Kinzig-Kreis sowie das Aufstellen von Fahrradboxen für Pendler. Beide Vorschläge stammen aus den Reihen unserer Mitglieder und wurden bei den Kreiskonferenzen auf die politische Agenda gesetzt.

Auch bei den hauptamtlichen Kollegen lege ich großen Wert auf Vernetzung; deswegen habe ich regelmäßige Treffen als Austauschplattform initiiert. Es ist wichtig, dass alle Ebenen zusammenarbeiten und sich daraus ein dynamischer Prozess entwickelt. Da können wir übrigens noch viel von unseren Freunden von der CSU in Bayern lernen. Vielleicht ist es aber auch ein typisch weiblicher Führungsansatz. Das mögen andere beurteilen. Mut machen mir auch unsere Mitgliederzahlen: Der Abwärtstrend wurde gestoppt und wir konnten 2019 sogar ein leichtes Plus verzeichnen."

Sie haben immer wieder betont, dass Sie als Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende viele Wochen in Berlin sind. Können Sie das Amt als Parteivorsitzende bei dieser Aufgabenfülle überhaupt noch gut ausüben?"Mein Bundestagsmandat und meine Funktion als stellvertretende Fraktionsvorsitzende gereichen der CDU Main-Kinzig mit Sicherheit nicht zum Nachteil – im Gegenteil. Kürzer kann der direkte Draht nach Berlin nicht sein. Es entstehen automatisch Synergieeffekte, langwierige Anfragen und Abstimmungsschleifen entfallen. Natürlich ist es nicht immer einfach, allen Verpflichtungen gleichzeitig gerecht zu werden, und manche Terminüberschneidungen lassen sich aufgrund der Sitzungswochen des Deutschen Bundestages nicht vermeiden.

Leikert setzt auf Teamwork

Ich habe aber von Anfang an mit offenen Karten gespielt und klar gemacht, dass ich als Kreisvorsitzende keine 'One Woman'-Show bieten kann und werde. Stattdessen setze ich auf Teamwork. Der Kreisvorstand besteht aus vielen engagierten Mitgliedern, die alle einen wichtigen Beitrag leisten. Hervorheben möchte ich neben meinen Vorstandskollegen auch die Junge Union, die personell eine Bank und auch inhaltlich eine unglaublich wichtige Stütze für unsere Arbeit ist. Um den politischen Nachwuchs mache ich mir keine Sorgen."

Treten Sie bei der Wahl am 20. März noch einmal als Parteivorsitzende an – beziehungsweise müssen Sie antreten, weil die CDU Main-Kinzig keine Alternative für diesen Posten hat?"Ich trete bei der Wahl am 20. März erneut als Kreisvorsitzende an. Ich habe noch viel vor. Meine Top-Themen bleiben der Ausbau der Kinderbetreuung sowie eine Verbesserung der Infrastruktur inklusive dem Bau der Nordmainischen S-Bahn, die für den Main-Kinzig-Kreis als Pendlerregion unerlässlich ist."

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