Schlossanlage Langenselbold

Überraschender Fund: Eingemauerte Schuhe geben Rätsel auf

„Dort waren die Schuhe versteckt“: Steinmetz Patrick Wurm zeigt auf die Fundstelle im Mauerwerk des Gebäudes, in dem die Ballettschule untergebracht ist.
+
„Dort waren die Schuhe versteckt“: Steinmetz Patrick Wurm zeigt auf die Fundstelle im Mauerwerk des Gebäudes, in dem die Ballettschule untergebracht sind.

Langenselbold – „Was ist denn das?“ Steinmetz Patrick Wurm traute seinen Augen nicht: Bei Sanierungsarbeiten an einem Nebengebäude der Schlossanlage (siehe LZ vom 25. September), in dem eine Ballettschule ansässig ist, fand er im Mauerwerk versteckt vier einzelne, teilweise verrottete Schuhe.

Wurm erkannte sogleich, dass es sich dabei um etwas sehr Geheimnisvolles handeln muss und informierte umgehend den Verein für Geschichte und Heimatkunde, der auch das Heimatmuseum betreibt. Am Dienstag dieser Woche präsentierten nun Museumsleiterin Maria Vetter und Vereinsvorsitzender Dr. Manfred Keil die vier geheimnisvollen Schuhe Bürgermeister Timo Greuel sowie einigen Pressevertretern.

„Zunächst konnte ich die Fundstücke überhaupt nicht einordnen“, berichtete Vetter. Bei der anschließenden Recherche bekam sie dann Kontakt zu der Bauforscherin Dr. Kristin Dohmen, die sie über den alten Brauch der „eingemauerten Schuhe“ aufklärte. Bis in die 1920er-Jahre hinein war es zumeist in England und im Commonwealth, aber auch in Teilen Deutschlands – vor allem im Rheinland – üblich, einzelne abgetragene Schuhe im Mauerwerk von Wohngebäuden, Schlössern oder Fachwerkhäusern zu verstecken.

Der Grund hierfür ist nicht genau bekannt. Man geht aber in Fachkreisen davon aus, dass die augenscheinlich recht lange getragenen Schuhe auf alle Zeit Glück bringen und Unheil vom Haus und seinen Bewohnern abwenden sollten.

„Für uns ist derzeit das Alter der Fundstücke der interessanteste Punkt der ganzen Geschichte“, berichtet Maria Vetter. Bislang könne man schwer einschätzen, wann die Schuhe eingemauert wurden und von wer sie getragen hat. Da es sich jeweils um Einzelstücke handelt, ist es wohl auch nicht möglich, festzustellen, ob sie – wie bis in die Goethe-Zeit hinein üblich – für beide Füße symmetrisch oder bereits anatomisch für Rechts- und Linksfuß gefertigt wurden.

Wie alt genau die vier Schuhe sind, kann derzeit niemand sagen. Auch ist unklar, wer sie in die Mauer des zur Schlossanlage gehörenden Gebäudes eingemauert hat.

Zumindest die Sohlen sind mit sogenannten Sohlenzwecken an die Schuhe genagelt. Die stark heruntergelaufenen Absätze wurden augenscheinlich mit Holznägeln aneinandergehalten. Eines der Exemplare ist der gut erhaltene Schuh eines Kindes. Dazu berichtete Bauunternehmer Stephan Platt, der die Fundstücke ebenfalls in Augenschein nehmen konnte, von einem Kinderschuh, den er selbst bei der Sanierung eines alten Gebäudes im Mainfränkischen entdeckt und geborgen hatte. Das Material der Fundstücke ist zumeist Leder; allerdings könnten auch andere Textilien Verwendung gefunden haben. „Wir werden zu dieser Frage das Deutsche Ledermuseum in Offenbach sowie das Deutsche Textilmuseum in Krefeld kontaktieren“, informiert die Museumsleiterin.

„Vielleicht wollen die Fachleute dann die Funde auch hier bei uns im Museum untersuchen.“ Eine genaue Expertise könnte auch darüber Aufschluss geben, wer die Sachen im Mauerwerk oberhalb der Eingangstür deponiert hat.

Alexander Kempski, der im Rathaus für die Liegenschaft zuständig ist und den Bürgermeister begleitete, berichtete davon, dass bis kurz nach dem Jahr 1900 eine Schuhmacher-Familie in dem Gebäude wohnte, bevor daraus eine katholische Kapelle entstand. Ob der Handwerker allerdings etwas mit den Schuhen zu tun hat, ist fraglich; die Exponate könnten augenscheinlich aus einer noch früheren Zeit stammen.

Bürgermeister Greuel zeigte sich sehr interessiert an den Fundstücken aus alten Langenselbolder Zeiten und lobte vor allem Steinmetz Wurm, ohne dessen umsichtiges Handeln die Exponate wohl gar nicht in die Hände von Maria Vetter und ihren Mitstreitern gelangt wären. Der Rathauschef zeigte sich zudem sehr angetan von der vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeit des von Dr. Manfred Keil geführten Vereins, der das Museum immer wieder mit neuen, interessanten Ausstellungsstücken und den dazu gehörenden geschichtlichen Hintergründen ausstattet.

Patrick Wurm und Heimatmuseumsleiterin Maria Vetter präsentieren den ungewöhnlichen Fund, der einige Fragen aufwirft.

Die „eingemauerten Schuhe“ werden zunächst in einem Schaukasten des Muse-ums ausgestellt und wandern anschließend während der Winterpause in eine Vitrine im Rathaus, wo sie weiterhin den Besuchern präsentiert werden. Außerdem überlegt man im Heimatmuseum, in die Fundstelle eine Art Zeitkapsel, versehen mit Fotos und Ergebnissen der Nachforschung, einzubringen.

Wer die Fundstücke aus der Nähe betrachten möchte, erhält am kommenden Sonntag, 4. Oktober, sowie am Sonntag, 1. November, Gelegenheit dazu. An diesem beiden letzten Terminen im Jahr 2020 hat das im Schlosspark gelegene Heimatmuseum jeweils in der Zeit von 15 bis 17 Uhr seine Pforten für Besucher geöffnet. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und die Einhaltung der weiteren Corona-Hygieneregeln werden dabei vorausgesetzt.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare