Enttäuschung bei Langenselbolderin ist groß

Michaela Primus kritisiert die vorzeitige Impfung von Führungspersonen

Michaela Primus und ihr Sohn Joshua harren während der Pandemie zu Hause aus. Dass Impfungen entgegen der Priorisierungsliste erfolgen, ist für die beiden Herzpatienten erschütternd.
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Michaela Primus und ihr Sohn Joshua harren während der Pandemie zu Hause aus. Dass Impfungen entgegen der Priorisierungsliste erfolgen, ist für die beiden Herzpatienten erschütternd.

Seit einem Jahr bildet die Langenselbolderin Michaela Primus ein enges Dreiergespann mit ihrem Sohn Joshua und ihrem Mann. Den Kontakt zu Freunden, Bekannten und Kollegen halten die Lehrerin der Schule an der Gründau und ihr 24-jähriger Sohn per Telefon und Internet. Einzig der Ehemann ist für Mutter und Sohn der Kontakt nach draußen. Er erledigt die Einkäufe und alles, was anfällt und mit einem Gang in die Öffentlichkeit verbunden ist.

Langenselbold – „Joshua hat ein Hypoplastisches Linksherzsyndrom“, erklärt Primus. Drei Operationen hat er bereits hinter sich. „Es hat sich herausgestellt, dass er nach den Operationen vom Beatmungsgerät nicht mehr runter wollte. Das ist ein riesen Problem, denn sollte er sich mit Corona infizieren und einen schweren Verlauf haben, wäre eine Beatmung eine große Misere.“ Auch Michaela Primus ist Herzpatientin und wurde operiert. „Wir sind zwei Hausmenschen geworden, denen das Leben seit einem Jahr komplett weggebrochen ist“.

Dennoch beklagen sie und ihr Sohn sich nicht über die Situation. „Corona ist nun mal da. Auch wenn es schwer ist, so aus dem Leben gerissen zu werden und keinen geregelten Tagesablauf zu haben, muss man einfach Vertrauen haben, dass wir und die Regierung das wieder hinbekommen. Ich glaube an die Regierung“, so Joshua.

Solidarität trägt die Familie

„Die Solidarität um uns alle herum, die trägt uns“, fügt seine Mutter hinzu. Ihre Ärztin stand ihr sofort zur Seite, ihre Vorgesetzten unterstützen sie, Kollegen zeigen Verständnis. Auch Joshua, der vor einem Jahr noch in der Gastronomie gearbeitet hat, wird regelmäßig von seinen Kollegen angerufen.

Doch als Michaela Primus vor einigen Tagen den Hanauer Anzeiger aufschlägt und liest, dass der DRK-Geschäftsführer Stefan Betz geimpft wurde, obwohl er laut Impfplan nicht an der Reihe gewesen wäre, sei sie zutiefst bestürzt gewesen.

„Für mich läuft alles auf Solidarität hinaus. Sei es mit Blick auf das schreckliche Attentat am 19. Februar im vergangenen Jahr oder die Corona-Krise. Nun fordere ich mir auch die Solidarität von allen Menschen ein. Doch aufgrund der Vorkommnisse vermisse ich diese Solidarität“, beginnt sie davon zu erzählen, was der Zeitungsartikel in ihr ausgelöst hat und was danach geschah.

Michaela Primus ruft ärztlichen Notdienst an

Nachdem sie den HA-Bericht gelesen hat, ruft die Pädagogin die Nummer des ärztlichen Notdienstes an. Nach mehreren Versuchen hatte sie dann auch einen Mitarbeiter am Telefon, dem sie einen Vorschlag unterbreitete: „Ich bat darum, Impflisten aufzustellen für den Fall, dass Impfdosen übrig sind und verimpft werden müssen.“ Dabei bezog sich die Langenselbolderin konkret auf mobile Menschen, die ein solch kurzfristiges Impfangebot wahrnehmen könnten.

Mobile Menschen wie ihr Sohn, der zu 60 Prozent schwerbehindert ist und in der Prioritätengruppe 2 der Impfverordnung steht. „Mir geht es nicht darum, mich selbst vorzudrängeln, sondern um eine gerechte Verteilung“, sagt sie nachdrücklich.

Primus bat den Gesprächspartner am Telefon, sie mit dem Leiter des Notdienstes zu verbinden, da sie lediglich einen Vorschlag unterbreiten wollte und nicht auf ärztliche Hilfe angewiesen war. Doch der Mitarbeiter, so erzählt sie, verwies sie weiter. „Er konnte mir keinen zuständigen Kontakt im Main-Kinzig-Kreis nennen, sondern gab mir eine Telefonnummer in Berlin. Doch solch ein Vorschlag ist doch Ländersache und nicht die des Bundes. Also rief ich dort nicht an.“

Vom Main-Kinzig-Kreis enttäuscht

Stattdessen wandte sich die engagierte Grundschullehrerin an den Referenten der Gesundheitsdezernentin des Main-Kinzig-Kreises Susanne Simmler. „Ich erklärte am Telefon, worum es geht und welchen Vorschlag ich hätte. Nachdem ich in der Leitung gewartet habe, kam die Rückmeldung, dass ich die Presse- und Öffentlichkeitsabteilung des Main-Kinzig-Kreises anrufen soll“, berichtet Primus noch immer voller Unverständnis. „Es ist schade, dass man keine Möglichkeit hat, Vorschläge an entsprechenden Stellen machen zu können.“ Daher wandte sie sich an die HA.

„Was mich sehr bedrückt und persönlich betroffen gemacht hat, als ich den Artikel gelesen habe, war, dass es Kollegen von Herrn Betz waren, die sagten, dass sie es nicht okay finden, dass er geimpft wurde. Und auch, dass aus dem Artikel hervorging, dass es sich nicht um einen Restbestand gehandelt hat, sondern die Impfung bereits einen Tag vorher geplant wurde. Es hieß, er sei Entscheidungsträger und tauche daher auf dieser Liste auf, doch laut Kollegen ist er schon länger keinen Einsatz gefahren. Das hat mich sehr bewegt.“

Auch dass die DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt an die Führungskräfte des Roten Kreuzes appellierte, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden und sich laut einem Schreiben des DRK an die Prioritätenliste zu halten, bestätigt Primus in ihrem Gefühl.

„Ich will, dass es gerecht zugeht“

„Es warten sehr viele Menschen auf die Impfung. Ich und mein Sohn, wir möchten dann dran kommen, wenn wir dran sind. Ich will, dass es gerecht zugeht und mit jedem Fall, wo eine Führungskraft sich vorzeitig impfen lässt, geht ein Stück Vertrauen verloren“, bringt Primus es auf den Punkt. Auch ihr Sohn sieht das ähnlich: „Es ist kein feiner Zug, sich vor Leuten impfen zu lassen, die es nötiger haben. Jeder soll gerecht behandelt werden, es soll gerecht ablaufen.“

Primus denkt hier noch einen Schritt weiter: „Ich bin Lehrerin und seit einem Jahr nicht mehr aktiv im Dienst. Sobald die Lage sich entspannt, wird es viele Baustellen geben, auch im schulischen Bereich. Aktuell arbeite ich an einem Konzept, das ich Early School nenne. Es soll die Schüler, die wir in den Grundschulen aufgrund der Pandemie verloren haben, wieder auffangen, um Benachteiligungen entgegenzuwirken. Wir laufen momentan der ganzen Sache hinterher. Es wäre gut, etwas vorweg zu haben.“

Das ab dieser Woche startende Schulkonzept mit Notbetreuung und Wechselunterricht würde vieles verkomplizieren und jede verfügbare Lehrkraft sei gefragt. Auch Primus würde sich gerne wieder aktiv einbringen, sofern das Land Hessen eine entsprechende Verordnung erlasse, mit der sie womöglich vorzeitig aufgrund überschüssiger Impfdosen geimpft werde. „Doch es kommt gar nicht so weit, dass ich den Vorschlag vorbringen kann“, kritisiert sie. „Ich bin keine Dränglerin, es geht mir darum, die Vorkommnisse mit Herrn Betz in ein anderes Blickfeld zu rücken. Was da auf Etagenebene passiert, enttäuscht mich schwer.“

Von Patricia Reich

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